Anstiftung zum Aufruhr
Gelebtes Leben: Léa Gauthiers und Hélène Aldeguers Comicbiographie der Anarchistin Emma Goldman
Das schafft nicht jede: Emma Goldmans Leben wurde schon mehrfach auf die Bühne gebracht, unter anderem vom Historiker und Politikwissenschaftler Howard Zinn, der der Comicleserin als Autor von »A People’s History of American Empire« bekannt ist (Metropolitan Books 2008, mit Mike Konopacki und Paul Buhle). Die libertäre Anarchistin, Pazifistin, Publizistin, Feministin und »gefährlichste Frau Amerikas« (1869–1940) wuchs als Tochter eines Theaterdirektors zunächst in Kowno (Kaunas) auf, ging dann in Königsberg auf die Schule, bevor sie in St. Petersburg in einer Textilfabrik arbeitete. Mit 17 Emigration in die USA, wieder Fabrikarbeit, Hochzeit, Trennung, Politisierung, Umzug nach New York City, dort Kontakt zu Johann Most und weniger bekannten Anarchisten.
Mit 20 Jahren konnte sie schon auf ein »Gelebtes Leben« zurückblicken, wie sie viele Jahre später ihre Autobiographie betiteln sollte, dabei stand ihr das meiste noch bevor. Dreimal sollte sie wegen ihrer Überzeugungen ins Gefängnis gehen, einmal wegen »Anstiftung zum Aufruhr«, einmal wegen ihrer Weigerung, eine Geldstrafe zu zahlen, das dritte Mal wegen »Verschwörung zur Verhinderung der Einberufung zur Armee«. Dazu die »rote Emma« (wie die Theaterautorin Carol Bolt sie nannte): »Ich mag verhaftet werden, ich mag ins Gefängnis geschmissen werden, aber ich werde nie Ruhe geben! Ich werde nie Autoritäten dulden oder mich ihnen fügen, noch werde ich Frieden machen mit einem System, das Frauen zu nichts als einem Brutkasten degradiert!« Denn sich fügen heißt lügen, kann man mit ihrem Bruder im Geiste Erich Mühsam ergänzen.
Ende 1919 wurde sie mit über 200 politisch missliebigen Russischstämmigen in die gerade entstehende Sowjetunion abgeschoben, wo sie mit Trotzki und Lenin zusammentraf, mit denen sie erst diskutierte – »wenn ich nicht tanzen darf, ist es nicht meine Revolution«, hat sie nicht wörtlich, aber so ähnlich nicht gesagt, aber geschrieben – und spätestens nach dem Kronstädter Matrosenaufstand 1921 endgültig brach. In Deutschland verbrachte sie Zeit mit den Rockers (Rudolf und Milly), schrieb zwei Bücher über die UdSSR, die nicht viele Leser fanden, heiratete in England, verfasste in Frankreich besagte Autobiographie, verteidigte 1936 die Spanische Republik und starb schließlich in Kanada. Auch nur im Ansatz aufzuzählen, mit wem sie alles befreundet war, ist in einer Comicrezension nicht möglich.
Denn nun gibt es Teile ihres Lebens endlich als Bildgeschichte, beginnend mit ihrer Ankunft in Big Apple über die ein halbes Leben lang währende Beziehung zu Sasha Berkman, die Gefängnisaufenthalte, die Ausweisung, Treffen mit Gorki und Tolstoi bis zur Zeit mit den Freunden in St. Tropez, die etwas bunter gestaltet sind und gemessen an ihrer relativen Ereignisarmut recht viel Platz einnehmen. Berlin, England, Spanien und vieles mehr wird ausgespart. Auch im Comic kann längst nicht alles erzählt, aber immerhin ein gutes Dutzend Weggefährten aufgezählt werden.
Von der noch unbekannten Autorin Léa Gauthier darf man sich Hoffnung auf die Übersetzung ihres nächsten Comics über die Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach machen (Zeichnungen: Marmoste Dîn, Payot 2026). Die Zeichnerin Hélène Aldeguer dagegen hat schon einige politische Arbeiten vorzuweisen. 2017 zeichnete sie für den Nahostexperten Alain Gresh »Un chant d’amour« über die französische Wahrnehmung des Israel-Palästina-Konflikts (La Découverte). Ihre Comics »Après le printemps« und »Ce qui nous sépare« (Futuropolis 2018/20) spielen in der Zeit nach der Jasminrevolution in Tunesien. In »Manifestante« (Futuropolis 2022) erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die aus schlechtem Gewissen und ein wenig aus Zufall beginnt, sich zu engagieren. In »Tokyo 68« schließlich geht es um die in Europa wenig bekannten japanischen Studentenunruhen der wilden Jahre (Libertalia 2025).
Aldeguers Zeichenstil ist recht eigenwillig. Sie malt weitgehend konturlos, Farbe reiht sich an Farbe. Das verringert nicht unbedingt die Lesbarkeit, wohl aber die Bildtiefe, und zwar auf annähernd Null. Die dritte Dimension scheint sie für überbewertet zu halten. Dem ersten Eindruck nach grafisch ganz anders der andere Goldman-Comic. Wie um ein jahrzehntelanges Versäumnis auszuwetzen, wird nämlich jetzt auch beim Unrast-Verlag eine zweibändige Emma-Goldman-Comicbiographie vom Alleinautor Maik Banks angekündigt, denn »Emma Goldman ist Kult – und die Faszination über ihr bewegtes Leben ungebrochen!«. »Lieferung 11. Oktober 2027«, sagt Amazon, wo natürlich, so lange es noch Buchhandlungen gibt mit den gleichen Preisen und echten Menschen, keine Bibliophile und kein Comicnarr je etwas bestellen würde.
→ Léa Gauthier (Text), Hélène Aldeguer (Zeichnungen): Emma Goldman. Bahoe Books, Wien 2026, 160 Seiten, 28 Euro
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