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Liberté, Egalité, Barricadé
Frankreich: Landesweit Blockaden und Schließungen von Schulen. Gewerkschafter verbünden sich mit der Schülerbewegung und schützen Proteste vor der Polizei
Vor dem Lycée Hélène-Boucher im Osten von Paris stehen am Dienstag morgen nicht nur Schüler auf der Straße. Eltern, Lehrer, Gewerkschafter und Kommunalpolitiker haben sich vor ihnen zu einer Menschenkette formiert. Nina, die Mutter eines Schülers, trägt eine Armbinde mit der Aufschrift »parents solidaires«. Vor Sorge habe sie kaum geschlafen. Nun sei sie entschlossen: »Da sind Polizisten. Ich bleibe vor meinem Sohn, um ihn zu schützen.« Es ist eine Szene des landesweiten Aktionstags, an dem klar wird: Frankreichs Schülerbewegung ist endgültig keine reine Schülerbewegung mehr.
Begonnen hatte alles drei Wochen zuvor am Lycée Antoine de Saint-Exupéry in Créteil. Dort streikten Lehrer gegen fehlendes Personal und mangelnde Mittel, kurz darauf blockierten ihre Schüler die Schule. Von Créteil sprang der Protest auf die Region Île-de-France im Ballungsraum Paris und dann auf das ganze Land über.
Nach Angaben der Schülergewerkschaft USL waren am Dienstag 1.800 Lycées (Gymnasien) von Blockaden, Aktionen oder behördlichen Schließungen betroffen. Das ist fast jedes zweite Lycée des Landes. Die Gewerkschaft CGT zählte am frühen Nachmittag 260.000 Demonstranten, die in Paris noch nicht eingerechnet. Allein in Marseille waren es 30.000, in Lyon meldete die Präfektur 20.000.
Ausgangspunkt waren die Zustände an den Schulen: fehlende Lehrer und anderes Personal, überfüllte Klassen, marode Gebäude und Stundenpläne mit langen Leerzeiten. Inzwischen richtet sich die Bewegung gegen die Kürzungspolitik der Regierung insgesamt. Gefordert werden mehr Mittel für Bildung und öffentliche Dienste statt Kürzungen. Der Haushalt 2027 sieht die Streichung von 1.588 Lehrerstellen vor.
Seit vergangener Woche greifen die Proteste auch auf die Universitäten über. In Strasbourg bildeten Schüler, Studierende und Eisenbahner vor einer Ingenieurhochschule eine Kette und brachten die Polizei zum Rückzug. An den Pariser Beaux-Arts kamen Hunderte zu einer Vollversammlung. Vielerorts begleiten CGT-Ordner die Schülerblöcke und stellen sich zwischen sie und die Polizei.
Nötig erscheint dieser Schutz wegen der Härte der Repression. Seit Beginn der Proteste wurden mehr als 6.000 Menschen festgenommen, meist minderjährig, und mehr als 200 verletzt. »Sie wollen die Blockaden im Keim ersticken«, sagte eine Schülerin des Lycée Magendie in Bordeaux. »Eine Mülltonne anzuzünden rechtfertigt nicht, ein Auge oder eine Hand zu verlieren.«
Besonders drastisch ist der Fall eines 15jährigen in Lens, der am Montag durch die Explosion einer Polizeigranate eine Hand verlor. Am Dienstag stellte sich die Direktorin seiner Schule auf France Inter hinter ihn. Sie sei schockiert und solidarisch mit dem Jugendlichen. Er sei ein sehr guter Schüler, der nie Probleme gemacht habe. Zugleich bestätigte sie den Mangel an Lehrern und Personal und bezeichnete die Forderungen ihrer Schüler als legitim. Das passt schlecht zum Bild des jugendlichen Randalierers, auf das Regierung und Teile der Medien die Proteste reduzieren.
Die Entwicklung weckt Erinnerungen an den Mai 1968: Eine von Schülern getragene Bewegung greift auf Hochschulen über, Lehrer, Eltern und Gewerkschaften schließen sich an, die Protagonisten sozialer Konflikte beginnen sich zu verbinden. »Mai 68 – Oktober 26« war am Dienstag auf vielen Schildern zu lesen.
Die Schüler wollen ihre Proteste fortsetzen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Bewegung den Wahlkampf 2027 beeinflussen dürfte. Für Macrons mögliche Nachfolger wird dies zur Abrechnung mit fast zehn Jahren neoliberaler Politik. Aber auch für die Rechtsextreme Marine Le Pen wird die Lage schwieriger. Sie will vor allem über Migration, Islam und Kriminalität sprechen. Eine anhaltende soziale Bewegung würde dagegen fehlende Lehrer, marode Schulen, kaputte öffentliche Dienste und wachsende Ungleichheit ins Zentrum rücken. Für den Linken Jean-Luc Mélenchon von La France insoumise ist das dagegen günstiges Terrain.
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