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Bildungspolitik

Aufstand vor den Schultoren

Landesweit protestieren Frankreichs Schüler gegen überfüllte Klassen und marode Schulen. Die Bewegung und der Druck auf die Regierung

Foto: Lucien Libert/REUTERS
Schüler machen alles dicht (Paris, 29.9.2026)

Umgestürzte Mülltonnen, Böller und Rauchschwaden vor den Schultoren, davor schwerbewaffnete Polizisten: Frankreichs Schüler lassen nicht locker. Seit mehr als einer Woche protestieren sie gegen die schlechten Zustände an ihren Schulen und gegen weitere Kürzungen im Bildungsetat. Innerhalb weniger Tage ist daraus eine landesweite Bewegung geworden. Auch am Mittwoch gingen die Blockaden weiter und die Schülerorganisation Union syndicale lycéenne (USL) rief dazu auf, die Aktionen fortzusetzen.

Begonnen hatten die Proteste am 21. September am Lycée Antoine de Saint-Exupéry im Pariser Vorort Créteil. Von dort griff die Bewegung zunächst auf die Île-de-France und schließlich auf das ganze Land über. Am Dienstag waren bereits mehr als 400 Gymnasien von Protesten und Blockaden betroffen, am Montag noch rund 180.

An vielen Schulen fehlen Lehrer und Aufsichtspersonal, Unterricht fällt aus, die Klassen sind überfüllt. Hinzu kommen marode Gebäude, kaputte Heizungen sowie fehlendes medizinisches und sozialpädagogisches Personal. Groß ist auch der Frust über das Hochschulzulassungssystem Parcoursup. Am Lycée Paul Éluard in Saint-Denis lernen Schüler seit Monaten in provisorischen Räumen, die im Sommer überhitzt und im Winter zu kalt sind. »Das System für Schüler aus der Banlieue wie uns ist komplett kaputt«, sagte die Abiturientin Niouma gegenüber der Onlinezeitung Mediapart.

In den Vorstädten ist das Gefühl weit verbreitet, gegenüber Schulen im wohlhabenderen Paris benachteiligt zu sein. Zugleich solidarisieren sich Schüler aus besser ausgestatteten Pariser Schulen. Auch Lehrer beteiligen sich an Streiks und Blockaden, vielerorts stellen sich Eltern und Lokalpolitiker vor die Schulen, um die Jugendlichen zu unterstützen und vor der Polizei zu schützen.

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Denn wie bei zahlreichen Sozialprotesten in Frankreich in den vergangenen Jahren kommt es auch diesmal zu Polizeigewalt. In Saint-Ouen-l’Aumône wurde am Montag ein 14jähriger Schüler aus nächster Nähe von einem Geschoss aus einem Polizeigranatwerfer im Gesicht getroffen. Er verlor mehrere Zähne. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie der Jugendliche zuvor von Beamten geschlagen wird. Auch andernorts gibt es Berichte über Schläge, Tränengas und Festnahmen.

Schüler haben in Frankreich traditionell großes politisches Gewicht. Von Mai 1968 bis zum erfolgreichen Widerstand gegen den Ersteinstellungsvertrag CPE 2006 haben Jugendbewegungen Regierungen immer wieder unter Druck gesetzt und zum Einknicken gebracht. Expräsident François Hollande erinnerte deshalb diese Woche an einen alten Satz: Jugendliche auf der Straße seien »wie Zahnpasta, die aus der Tube kommt« – sei sie erst einmal draußen, bekomme man sie nur schwer wieder hinein.

Am Dienstag traf die Schülerbewegung zudem auf den landesweiten Streik im öffentlichen Dienst. In zahlreichen Städten gingen Beschäftigte gegen den Kürzungskurs der Regierung und für höhere Löhne auf die Straße. Besonders Feuerwehrleute, die seit Wochen mehr Personal und Geld fordern und im Sommer im Dauereinsatz gegen die Waldbrände waren, beteiligten sich. Schüler schlossen sich vielerorts den Demonstrationszügen an.

Premierminister Sébastien Lecornu wirft der Linkspartei La France insoumise (LFI) vor, die Proteste zu instrumentalisieren, weil LFI-Abgeordnete seit Beginn der Schülerbewegung regelmäßig vor Ort sind. So besuchte etwa der Abgeordnete Louis Boyard bereits am 21. September die Schüler in Créteil und rief dazu auf, die Bewegung auszuweiten. Hadrien Clouet, LFI-Abgeordneter aus Toulouse, weist den Vorwurf gegenüber jW zurück. »Die Schüler werden von niemandem gesteuert. Das sieht man schon daran, wie konkret die Probleme sind, die sie anprangern: kaputte Heizungen, nicht funktionierende Bildschirme, fehlende Vertretungen für Lehrerinnen im Mutterschutz oder fehlende Aufzüge für Schüler mit Behinderung«, sagt Clouet. »Die Schüler setzen ihren Staatsbürgerkundeunterricht jetzt nur ganz praktisch um.«

Die soziale Lage in Frankreich ist angespannt: Nach den jüngsten Zahlen des Statistikamts leben inzwischen rund 9,8 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze, rund 1,2 Millionen mehr als zu Beginn von Emmanuel Macrons erster Amtszeit. Gleichzeitig kämpfen Schulen und andere öffentliche Einrichtungen mit Personalmangel und jahrelang aufgeschobenen Investitionen. Auf der anderen Seite hat sich das Vermögen der französischen Milliardäre seit Macrons Amtsantritt verdoppelt.

Die Schülerproteste treffen damit auf eine schon aufgeheizte Situation in diesem Herbst: Beschäftigte des öffentlichen Dienstes streiken, Feuerwehrleute verlangen mehr Geld, und die Regierung bereitet weitere Kürzungen für den Haushalt 2027 vor. Die Zahnpasta jedenfalls ist aus der Tube.

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.10.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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