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Aus: Ausgabe vom 14.01.2022, Seite 1 / Titel
Pandemie in Frankreich

Vereint im Streik

Ausstand in Frankreichs Bildungswesen: Lehrer, Schüler und Eltern fordern Schutz vor Coronavirus. Fehlende Strategie der Regierung
Von Frederic Schnatterer
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Schüler und Lehrer gemeinsam: Demonstration gegen den Coronakurs der Regierung im Bildungswesen (Marseille)

Frankreichs Lehrerinnen und Lehrer haben die Schnauze voll. Am Donnerstag legten sie die Schulen des Landes lahm, in allen großen und kleineren Städten des Landes demonstrierten Zehntausende gegen die chaotische Bildungspolitik im Angesicht der Coronapandemie. Bei Blockaden von Schulgebäuden war es bereits am Morgen teilweise zu Polizeigewalt gekommen. Im Internet veröffentlichte Videos zeigen beispielsweise den Einsatz von Tasern gegen Schüler in der Hauptstadt Paris.

Zum Streik aufgerufen hatten alle großen Gewerkschaften des Bildungsbereichs, weshalb die Arbeitsniederlegung bereits im Vorfeld als »historisch« bezeichnet wurde – sowohl von Angestelltenseite als auch von bürgerlichen Medien. Sogar der Elternvertreterverband FCPE und Schülervereinigungen unterstützten den Protest. In einer gemeinsamen Erklärung der Gewerkschaften hieß es, »Erschöpfung und Verzweiflung der gesamten Bildungsgemeinschaft« hätten ein »noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht«.

In Frankreich wütet die Omikron-Variante des Coronavirus derzeit besonders heftig, die offizielle Sieben-Tage-Inzidenz betrug am Donnerstag fast 3.000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Angesichts der außer Kontrolle geratenen Pandemie reagiert die französische Regierung überfordert. Das zeigt sich um so mehr im Bildungsbereich: Seit Jahresbeginn haben sich die Vorschriften für den Umgang mit dem Coronavirus an Schulen bereits dreimal geändert. Mittlerweile werden Klassen trotz mehrerer Infektionsfälle nicht mehr automatisch geschlossen. Die Testmodalitäten für Schüler werden ständig geändert, eine zentrale Testung an den Einrichtungen gibt es ohnehin nicht, Kritiker sprechen von einer Strategie der Durchseuchung.

Im Zentrum der Kritik steht Bildungsminister Jean-Michel Blanquer. Ungeachtet lauter werdender Rücktrittsforderungen erklärte er am Mittwoch, Frankreich könne »stolz darauf sein, dass es seine Schulen offengehalten hat«. Mit Blick auf den Streik hielt er den Lehrkräften vor, ein Virus könne man nicht bestreiken. Die Gewerkschaften hielten dem entgegen, es gehe ihnen um umsetzbare Konzepte zum Schutz von Beschäftigten und Schülern vor einer Coronainfektion. Dazu gehörten sowohl technische Ausstattung wie Luftfilter als auch mehr Personal.

Während das Bildungsministerium den Anteil der am Ausstand Teilnehmenden am Donnerstag mit 38,5 Prozent angab, erklärten die Gewerkschaften, in den Grundschulen hätten 75 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer gestreikt. In weiterführenden Schulen seien 62 Prozent der Lehrkräfte ihrer Arbeit ferngeblieben. Von den 48.950 Bildungseinrichtungen des Landes habe mindestens jede zweite geschlossen bleiben müssen.

Für die Regierung von Präsident Emmanuel Macron kommt der Streik zur Unzeit. In drei Monaten wird in Frankreich ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Mehrere Oppositionspolitiker zeigten sich in Wahlkampfmanier solidarisch mit dem Streik. Die sozialdemokratische Präsidentschaftskandidatin Anne Hidalgo nahm an der Protestkundgebung in Paris teil, ebenso der Linke Jean-Luc Mélenchon. Dessen Partei »La France insoumise« hatte bereits am Mittwoch in einem Kommuniqué erklärt, der Ausstand bringe »die Wut der Lehrkräfte und der Pädagogen über eine Politik zum Ausdruck, die seit fünf Jahren durch ihr Desinteresse am öffentlichen Dienst, ihre Verachtung und ihre Brutalität gekennzeichnet ist«.

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