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Dreißigjähriger Krieg

Revisionistisches Spektakel

Die NATO hat den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens erhalten. Ein Blick auf den Dreißigjährigen Krieg

Foto: Von Gerard ter Borch/Geheugen van Nederland/Wikimedia
»Friede von Münster« – Ölgemälde von Gerard ter Borch (1648)

Münster, die historische Stadt an der Aa: Sie erlebte am 1. Oktober im Zuge unserer Propaganda der »Friedenssicherung«, die den Charakter der NATO-Kriege verschleiert, ein kaum zu überbietendes Spektakel. Die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe (WWL) verlieh an diesem Tag den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens an die NATO sowie an die katholische Jugendorganisation »Sociomovens – Giving Europe a Soul«. Der Preis, der 1998 gestiftet wurde – zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens, der den Dreißigjährigen Krieg beendete –, wird satzungsgemäß alle zwei Jahre an zwei Empfänger verliehen. An Persönlichkeiten oder Repräsentanten von Staaten und Gruppen, die sich für den Zusammenhalt Europas eingesetzt haben sollen, und an Jugendliche und Jugendorganisationen, die durch ihr Handeln zum Vorbild für Frieden in der Welt geworden seien. Das Preisgeld von 100.000 Euro geht je zur Hälfte an die Ausgezeichneten.

Der erste Träger des Preises war der damalige Präsident Tschechiens, Václav Havel. Seine »Verdienste« bestanden unter anderem darin, dass er am 21. Februar 1998 in Washington, D. C., vor beiden Kammern des US-Kongresses ein Loblied auf die USA als »Verteidiger der Freiheit« angestimmt hatte, die neun Jahre zuvor zum Beispiel, als Havel bereits Präsident in Prag war, im Bürgerkrieg von El Salvador jene Truppen unterstützte, die am 16. November 1989 sechs jesuitische Befreiungstheologen als Kommunisten ermordeten. Wenige Monate nach Erhalt des Preises stimmte Havel der am 24. März 1999 beginnenden, völkerrechtswidrigen Bombardierung Belgrads durch NATO-Verbände zu, dies als »fundamentalen Schritt hin zu einer neuen Weltordnung« begrüßend. Damit war das reaktionäre Profil des Preises vorgezeichnet, und was folgte, wurde dem gerecht. Den Preis erhielten unter anderem: Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, Helmut Kohl und Jacques Chirac.

Und, nunmehr, das transatlantische Militärbündnis. Vergeblich hatten vor allem der Friedensbewegung nahestehenden Gruppen, aber auch die katholische »Pax Christi« gefordert, von der jüngsten Verleihung des Preises abzusehen. Auch die Jury votierte zwar mehrheitlich, jedoch nicht einstimmig, für die Verleihung.

Vorherrschaft in Europa

Der Dreißigjährige Krieg war ein Kampf führender Mächte um die Vorherrschaft in Europa, in dem die Völker, die gegeneinander aufgehetzt wurden, furchtbare Verluste erlitten. Für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation waren die im Oktober 1648 in Münster und Osnabrück geschlossenen Friedensabkommen eine »Erniedrigung«. Zu den schwerwiegenden Folgen gehörte, dass die Formierung eines deutschen Nationalstaates als Grundlage der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung aufgehalten und »Deutschland für 200 Jahre aus der Reihe der politisch tätigen Nationen Europas gestrichen wurde«.¹ Insofern wandelt die NATO heute in den Fußstapfen der führenden Mächte des Dreißigjährigen Krieges. Aber solche Erkenntnisse bleiben den Preisverleihern fremd. Im Gegenteil heißt es im Webauftritt der Stadt Münster über die Friedensschlüsse von 1648, sie seien prägend für die »Prinzipien des modernen Völkerrechts« gewesen. Um derartige Geschichtsklitterung zu entlarven, sollte man die Geschichte genauer befragen.

Rund 90 Jahre vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte die Niederlage der demokratischen Kräfte im Bauernkrieg die nationale Zersplitterung und Rückständigkeit Deutschlands vergrößert. Viele Landesfürsten waren zum Protestantismus übergetreten, hatten den Kirchenbesitz eingezogen und so ihre Macht gestärkt. Im Ergebnis der wachsenden Feudalreaktion war die Leibeigenschaft ausgeweitet worden, was die Entwicklung zur industriellen Produktion hemmte. Versuche des Kaisers, die politische Einheit des Reiches wiederherzustellen, scheiterten am Partikularismus der Territorialfürsten. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 erkannte der Kaiser ihre Selbständigkeit an. Sie konnten die Konfession ihrer Untertanen bestimmen, was die nationale Zerrissenheit weiter vertiefte und den wirtschaftlichen Fortschritt des Bürgertums aufhielt. Der Aufbau der militärischen Kräfte auf der kleinstaatlichen Basis, wie in Bayern und Sachsen, trieb die Fürsten in die Arme ausländischer Mächte. Im Kampf gegen Habsburg bedienten sich Frankreich, die Niederlande, England, Dänemark und Schweden der 1608 gebildeten Protestantischen Union, während die ein Jahr später gegründete Katholische Liga sich Österreich, Spanien und dem Vatikan anschloss. Mit der Beseitigung der Errungenschaften der Reformation schwächte der 1617 zum böhmischen König erhobene Habsburger Katholik Ferdinand (1578–1637, ab 1619 bis zu seinem Tod Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) seine eigenen Positionen, die Zentralgewalt zu stärken.

Der religiöse Rahmen der Auseinandersetzungen (Katholiken gegen Protestanten) war nicht der entscheidende, wie das Bündnis des katholischen Frankreichs mit dem protestantischen Schweden gegen das katholische Oberhaupt des Reiches zeigte. Ein zentrales Thema wurde der Kampf zwischen der kaiserlichen Zentralgewalt und den partikularistischen Bestrebungen der Fürsten, in deren Ergebnis die ohnehin labile Zentralgewalt weiter geschwächt wurde.

Auf der Tagesordnung der Geschichte stand, in Deutschland die Formierung der Nation voranzubringen und als entscheidende Grundlage dazu die politische Einheit des Reiches wiederherzustellen. Nur so konnte den Produktivkräften der Weg geebnet werden, um die Ablösung der Feudalordnung durch eine kapitalistische Produktionsweise einzuleiten. Die allgemeinen Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft (der Historische Materialismus) waren noch nicht bekannt. Sie wurden erst 200 Jahre später durch Karl Marx und Friedrich Engels entdeckt und in ihrem »Manifest der Kommunistischen Partei« entwickelt. Sie sahen im Proletariat die revolutionäre Kraft, dazu berufen, die kapitalistische Ordnung zu beseitigen und eine sozialistische zu errichten. Unter der Feudalordnung existierte eine solche revolutionäre Kraft noch nicht. Ohne Widerspruch gegen die oder gar die Enthüllung der menschenfeindlichen Machenschaften und antinationalen Positionen der Kräfte, die beispielsweise in Deutschland gemeinsame Sache mit den ins Land einfallenden feindlichen Mächten machten, konnten sich dann die jeden Fortschritt hemmenden Parteien durchsetzen. Letzten Endes siegten die Mächte, die sich auf eine Zentralgewalt stützen konnten. Eine große Rolle spielten starke Persönlichkeiten, wie Richelieu² oder Wallenstein.³

Die Auseinandersetzungen begannen mit dem böhmischen Aufstand, der nationalen Erhebung der Tschechen gegen die habsburgische Herrschaft. Anlass war eine Defenestration, der Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618.⁴ Vertreter der protestantischen Stände stießen drei königliche Statthalter mit Jaroslav Borsita Graf von Martinitz an der Spitze durch ein Fenster der Prager Burg in einen 17 Meter tief liegenden Graben. Alle drei überlebten den Fenstersturz.

Die böhmischen Stände wählten danach den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zum böhmischen König. Sie wollten damit die Unterstützung der Protestantischen Union gewinnen, deren Führer er war. Dagegen rief Ferdinand II. die Katholische Liga zu Hilfe. Der Böhmisch-Pfälzische Krieg ging bis 1623. Die adligen Führer der tschechischen nationalen Bewegung lehnten eine Mobilisierung der Volksmassen ab. Da die Protestantische Union ihnen nicht zu Hilfe kam, wurden sie am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berg (Bílá hora) vor Prag von Tilly, dem Befehlshaber der Liga-Truppen⁵, geschlagen. Friedrich V. floh nach den Niederlanden.

In Böhmen, das wieder an Österreich fiel, wurde ein Terrorregime der Gegenreformation errichtet. Es begann der Streit um die Beute. Der bayerische Herzog verlangte als Führer der Liga einen Teil der pfälzischen Besitzungen und die Ernennung zum Kurfürstenherzog. Gegen den Protest der protestantischen Fürsten gab der Kaiser nach. Seine gewachsene Macht und sein Handeln im Einvernehmen mit Spanien riefen Frankreich, England und die Niederlande auf den Plan. Sie gewannen den dänischen König Christian IV. als Vasallen, der, von ihnen finanziert, an Elbe und Weser ein starkes Heer als Sammel- und Stützpunkt der deutschen protestantischen Fürsten aufstellte.

Mit der Eroberung der protestantischen Kurpfalz durch die Katholische Liga (1621/22) griff der Krieg auf Deutschland über. Es setzte eine machtpolitische Auseinandersetzung zwischen dem Habsburger Block Österreich-Spanien und Frankreich mit wechselnden Verbündeten ein. Mit dem Vorrücken der Liga-Truppen in Nordwestdeutschland und dem Eingreifen Dänemarks begann der Niedersächsisch-Dänische Krieg. Deutschland wurde von jetzt ab Hauptkriegsschauplatz. Dänemark wollte eine beherrschende Stellung in Nordeuropa erringen und griff zuerst an. Die Armee Christian IV. rückte vor, wurde aber in mehreren Schlachten von Tilly und Wallenstein geschlagen. 1629 musste der Däne im Frieden von Lübeck zusagen, sich nicht mehr in deutsche Angelegenheiten einzumischen. Diese Etappe des Krieges endete mit dem vollständigen Sieg des Kaisers, der seit 1625 über ein von Wallenstein rekrutiertes Heer von 40.000 Mann verfügte. Mit der Verabschiedung des Restitutionsedikts am 6. März 1629 festigte er zwar seine Macht, brachte aber damit auch die protestantischen Fürsten noch mehr gegen sich auf.⁶ Denn die gewachsene Macht des Kaisers brachte die Fürsten wieder zusammen. Auf dem Kurfürstentag in Regensburg (1630) zwangen sie Ferdinand II., Wallenstein zu entlassen und sein Heer zu verringern.

Richelieu Deutschlands

Wallenstein war, wie schon Friedrich Schiller in seinem großartigen gleichnamigen Drama herausarbeitete⁷, objektiv die progressivste Gestalt der Ereignisse. »Wallenstein verfolgte«, schrieb Franz Mehring, »in Deutschland dasselbe Ziel, das Richelieu in Frankreich gleichzeitig verfolgte: die Herstellung einer rein weltlichen Monarchie, die sich frei von allen konfessionellen Gegensätzen über die hadernden Fürsten erheben, die Klassengegensätze im Inneren mildern und die gesamte Kraft der Nation nach außen kehren sollte. (…) Er hatte ein sehr klares Ziel, das, wie das französische Beispiel zeigte, nicht nur erreichbar war, sondern auch im Sinne des historischen Fortschritts lag.«⁸ Der Drahtzieher der Ermordung Wallensteins 1634 war der kaiserliche Hof. Ferdinand II. fürchtete die zunehmende Machtfülle des erfolgreichen Heerführers, dessen probonapartistische Haltung nicht ausschloss, dass er angesichts der Schwäche des Kaisers selbst danach hätte streben können, Herrscher Deutschlands zu werden.

Zum Scheitern Wallensteins trug der Widerstand der Fürsten, katholischer wie protestantischer, aber auch der Städte (der Hansestädte Hamburg, Bremen, Lübeck und weiterer) bei. Sie weigerten sich, ihre Schiffe für die Herrschaft über die Ostsee zur Verfügung zu stellen. Mehring erwähnte, dass sich Wallenstein mit weitreichenden Plänen trug, Konstantinopel zu erobern und die Türken aus Europa zu vertreiben, während ihm Stralsund, als er von ihm die Aufnahme einer kaiserlichen Besatzung verlangte, widerstand.⁹

In Frankreich dagegen war Richelieu erfolgreich. Nach vierzehnmonatiger Belagerung eroberte er La Rochelle, den Hauptsitz der französischen Protestanten (Hugenotten). Danach machte er Front gegen Habsburg, um Frankreich die Vorherrschaft in Europa zu sichern. Richelieu, der, wie Wallenstein auch, Katholik und sogar Kardinal der katholischen Kirche war, vermied konfessionelle Bindungen. Er hetzte nicht nur die katholischen deutschen Fürsten gegen den Kaiser auf, sondern auch den protestantischen König von Schweden zum Einfall in Deutschland. Als Gustav Adolf nach langem Zögern schließlich 1630 mit seinem Heer an der pommerschen Küste landete, wollte auch er eine kaiserliche Herrschaft über die Ostsee verhindern. Entgegen den Erwartungen schlossen sich sowohl die protestantischen Fürsten als auch die Städte, ausgenommen Magdeburg, dem Schweden zunächst nicht an.

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Der Vormarsch Gustav Adolfs wurde dagegen durch die katholischen Fürsten befördert, die sich dem Erstarken der Reichsgewalt durch Wallenstein widersetzten und seine Absetzung sowie die Auflösung eines Teils seiner Armee forderten. Der Kaiser gab nach. 1630 entließ er Wallenstein und einen Teil seiner Soldaten. Der Rest der Truppen wurde Tilly unterstellt, was die Position der katholischen Fürsten stärkte. Tilly nahm Magdeburg ein, das der schwedische Oberst Falkenstein, der bei der Erstürmung der Stadt fiel, angezündet und völlig zerstört hatte. Um die Allianz zu festigen, schloss Frankreich am 23. Januar 1631 in Bärwalde einen Subsidienvertrag mit Schweden, in dem es sich verpflichtete, jährlich 400.000 Taler als Beihilfe für den Unterhalt einer schwedischen Armee von 36.000 Mann zu zahlen.

Die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen wechselten nun auf die Seite Gustav Adolfs, dem es so gelang, Tillys Heer am 17. September 1631 in der Schlacht bei Breitenfeld vernichtend zu schlagen. Norddeutschland fiel in schwedische Hand, und Gustav Adolf drang nach Süddeutschland bis Bayern vor und verwüstete ganze Landstriche. Urban VIII. (1568–1644, Papst seit 1623) feierte Gustav Adolf, der ja der herrschenden Meinung der Kurie nach als Protestant ein Ketzer war, dennoch als seinen von »Gott gesandten Erretter«.¹⁰ Der Kaiser setzte angesichts dieser Bedrohung Wallenstein wieder als Generalissimus ein, der ein neues Heer aufstellte und den Schweden aus Süddeutschland nach Sachsen zurücktrieb, wo Gustav Adolf am 16. November 1632 in der Schlacht bei Lützen den Tod fand. Aber auch Wallenstein fiel kurz darauf den kaiserlichen Mördern zum Opfer, einzig Frankreich ging gestärkt aus den kriegerischen Auseinandersetzungen hervor. Es machte die Hoffnung zunichte, mit dem Frieden von Prag am 30. Mai 1635 zwischen dem Kaiser und Sachsen, den fast alle Reichsstände billigten, den Krieg zu beenden.

Die Bauern, denen alle Lasten dieser Kriege erbarmungslos aufgebürdet wurden, leisteten oft Widerstand. Im Winter 1633/34 brach in Südbayern zwischen Isar und Inn der größte Bauernaufstand während des Dreißigjährigen Krieges aus. Die Bauern wandten sich gegen die Kontributionen, Truppeneinquartierungen und Frondienste. Ihre Forderungen gingen so weit, ihnen die Feudalgüter zu übereignen. Sie setzten mehrfach die Obrigkeit in den Dörfern ab und riefen auf, sie überall zu stürzen. Den bewaffneten Haufen schlossen sich über 10.000 Bauern an. Sie überfielen selbst Kolonnen der Soldaten. Kurfürst Maximilian machte zunächst einige Zugeständnisse, ließ aber dann die Erhebung bei Ebersburg, das die Bauern angegriffen hatten, niederschlagen. Damit ging der auf Bayern beschränkte Aufstand zu Ende.

Frankreich und Schweden hatten ihr Bündnis erneuert und es begann der nach ihnen benannte Krieg gegen die Habsburger, dem sich die Niederlande, Mantua, Savoyen und Venedig anschlossen. Zur Durchsetzung seiner Hegemonie setzte Frankreich auf die Föderalisierung Deutschlands und die finanzielle Abhängigkeit möglichst vieler deutscher Fürsten. »Unter solchen Gesichtspunkten zog sich der Krieg in dem erschöpften Deutschland ohne entscheidende Schlachten, aber in blutigen, an Raub und Plünderungen reichen Feldzügen hin, wobei Frankreich-Schweden langsam das Übergewicht gewannen und die Partei des Kaisers Brandenburg und Bayern einbüßte.«¹¹

Streit um die Beute

Die zunehmende Erschöpfung führte zu Verhandlungen, um die kriegerischen Auseinandersetzungen zu beenden, bei denen es den Siegern vor allem darum ging, ihre Eroberungen und Herrschaftsansprüche zu sichern. Ab 1643 führten die kriegführenden Parteien – das Reich, Frankreich und Schweden – in Münster und Osnabrück erste Friedensverhandlungen, in denen über territoriale Forderungen, Konfessions- und Restitutionsansprüche und andere Fragen gestritten wurde. 1645 schloss Sachsen mit Schweden den Waffenstillstand von Kötzschenbroda und schied aus dem Krieg aus. Über den Frieden mit Spanien am 30. Januar 1648 kam es dann – nach Vorverhandlungen in Osnabrück – am 24. Oktober 1648 in Münster (Westfalen) zum Westfälischen Frieden des Kaisers mit Frankreich und Schweden. Alle Reichsstände schlossen sich dem Vertrag an.

Deutschland, das Hauptkriegsschauplatz war, erlitt in einer bis dahin nicht gekannten Weise furchtbare Verwüstungen und Verluste an Menschenleben. Seine materiellen Produktivkräfte wurden in großem Ausmaß vernichtet, die Leibeigenschaft wurde vertieft. Der mordenden und brandschatzenden Soldateska sowie Hunger, Kälte und Seuchen fielen in Ost-, Mittel- und Südwestdeutschland, wo die meisten Kriegshandlungen stattfanden, 60 bis 70 Prozent der Einwohner zum Opfer. Bezogen auf ganz Deutschland raffte der Krieg die Hälfte der damals 16 bis 18 Millionen in dem Gebiet lebenden Menschen dahin.¹² Gravierende Folgen hatte das Scheitern der deutschen Kaiserherrschaft.

Der Westfälische Frieden war kein Vertrag des Friedens, sondern, wie Friedrich Engels einschätzte, »der Erniedrigung« Deutschlands. Er stellte den Augsburger Religionsfrieden von 1555 wieder her, dehnte ihn auf die Calvinisten aus und schrieb damit die freie Kirchenwahl fest. Dem deutschen Kaiser wurden wesentliche Souveränitätsrechte entzogen und auf den Reichstag übertragen.¹³

Frankreich »raffte (…) die reichsten Striche des westlichen Deutschlands an sich« (Mehring). Ihm wurde der Besitz von Metz, Toul und Verdun anerkannt, Habsburg musste ihm unter anderem Ober- und Unterelsass mit zehn Städten (ausgenommen Strasbourg) überlassen. Schweden raubte Vorpommern mit Stettin, die Inseln Rügen, Usedom und Wollin, die Stadt Wismar. Die Stifte Verden und Bremen bekam es als Reichslehen. Brandenburg wurde Hinterpommern, die Bistümer Cammin, Halberstadt, Minden und die Anwartschaft auf das Fürstentum Magdeburg zugesprochen. Mecklenburg wurden die Bistümer Schwerin und Ratzeburg zugeschlagen. Sachsen wurde der Besitz der Lausitz bestätigt. Bayern erhielt die Kurfürstenwürde und die Oberpfalz. Den Niederlanden und der Schweiz wurde ihre endgültige Unabhängigkeit bestätigt. Die Hauptsieger des Dreißigjährigen Krieges – Frankreich und Schweden – wurden als Garanten des Westfälischen Friedens eingesetzt. Sie erhielten ein Mitspracherecht in den Angelegenheiten des Besiegten. In Deutschland wurde mit dem wachsenden Absolutismus die Kleinstaaterei vertieft.¹⁴ »Die letzte Autorität von Kaiser und Reich war unwiederbringlich dahin. Die ökonomischen Ursachen der deutschen Reformation wirkten fort und fort. Die ›Libertät‹ der Stände, das heißt, die Souveränität der Landesobrigkeiten, siegte auf der ganzen Linie, selbst das Recht, Bündnisse mit dem Ausland zu schließen, wurde ihnen durch den Westfälischen Frieden verbürgt.«¹⁵

Anmerkungen

1 Friedrich Engels: Einleitung zur englischen Ausgabe der »Entwicklung des Sozialismus« (MEW 22, S. 300).

2 Richelieu (1585–1642), Armand Jean du Plessis, Herzog. 1607 zum Bischof geweiht, Mitglied der Generalstände. Protegiert von der Königinmutter Maria von Medici. 1622 zum Kardinal ernannt. 1624 Minister.

3 Wallenstein (1583–1634), Albrecht Wenzel Eusebius von (eigentlich) Waldstein. Wurde durch Heirat mit Lucretia von Vickov einflussreichster Großgrundbesitzer in Ostmähren. Nach dem Tod seiner ersten Frau (1614) heiratete er 1623 Gräfin Isabella Katharina von Harrach. 1625 ernannte ihn Ferdinand II. zum Herzog von Friedland und beauftragte ihn, ein Heer aufzustellen, das er zum Teil auf eigene Kosten finanzierte.

4 Es handelte sich historisch um den zweiten Prager Fenstersturz. Der erste ereignete sich während der Hussitenkriege am 30. Juli 1419. Anhänger des vier Jahre vorher auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Jan Hus stürmten das Rathaus am Karlsplatz, befreiten gefangene Glaubensbrüder, warfen zehn Personen aus dem Fenster und brachten sie anschließend um.

5 Tilly (1559–1632), Johann Tserclaes, Graf von. Seit 1598 in kaiserlichen Diensten, erhielt er 1610 den Befehl über die katholischen Truppen. Der berühmte Feldherr war durch seine brutale Kriegführung bekannt.

6 Restitutionsedikt: von Ferdinand II. erlassene Verordnung, mit der ohne Einverständnis der protestantischen Reichsstände der Status quo des geistlichen Besitzstands im Reich wieder auf den Stand des Jahres 1552 gebracht werden sollte. Damit wurde die katholische Interpretation des Augsburger Religionsfriedens von 1555 durchgesetzt.

7 Siehe seine »Geschichte des Dreißigjährigen Krieges«, Bd. 2 (1956) und »Wallenstein«, Bd. 4 (1958) der fünfbändigen Ausgabe Weimar 1958

8 Franz Mehring: Der dreißigjährige Krieg. In: Gesammelte Werke 5. Berlin 1964, S. 47

9 Ebd., S. 47 f.

10 Zit. nach Mehring, a. a. O., S. 50

11 Wilhelm Treue: Das konfessionelle Zeitalter und die Glaubenskämpfe. In: Deutsche Geschichte. Von den Germanen bis zu Napoleon. Bd. 1. Augsburg 1990, S. 316. Treue ist nach Franz Mehring zu den Historikern zu zählen, die eine realistische Abhandlung bieten und nicht den gängigen Klischees von den Religionskriegen verfallen.

12 Kleine Enzyklopädie: Deutsche Geschichte. Leipzig 1965, S. 162 f.

13 Der Reichstag war bis 1806 die Versammlung der Reichsstände bestehend aus den geistlichen (Kurfürsten, Erzbischöfe und Bischöfe, Vorsteher der Reichsabteien, der Hoch- und Deutschmeister, der Johannitermeister) und den weltlichen (Kurfürsten, Herzöge, Fürsten, Land- und Markgrafen, einigen Grafen und Freiherren sowie die Vertreter der Reichsstädte).

14 In Deutschland existierten im 16./17. Jahrhundert mit Grafschaften, Fürsten- und Herzogtümern, unabhängigen Städten und sonstigen kleinsten Besitztümern wie denen der Freiherren ungefähr 300 Kleinstaaten. Etwa 200 löste der 1803 verabschiedete Reichsdeputationsausschuss auf und beseitigte damit die schlimmsten Auswüchse der politischen Zersplitterung.

15 Mehring, a. a. O., S. 51

→Gerhard Feldbauer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. Juli 2026 über Papst Leo XIV.: »Ein Vorbild für Frieden?«

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.10.2026, Seite 12, Thema

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