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Demos gegen Krieg und Aufrüstung

Tausende für den Frieden

Kundgebungen zahlreicher Bündnisse und Organisationen in Berlin und Stuttgart widersprechen dem Kriegskurs der Regierung

Von Carmela Negrete und Marc Bebenroth
Foto: Montecruz Foto
Nicht an Krankenhäusern, sondern beim Rüstungsetat soll man sparen: Demo in Berlin (3.10.2026)

Ihr Nein zum Krieg und zur Hochrüstung haben am Wochenende alte und junge Antimilitaristen und Antikapitalisten gemeinsam auf die Straße getragen. Bundesweit wurde nach Berlin und Stuttgart zum Protest mobilisiert. Am Ende waren es mehrere tausend, die dem Aufruf der Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder« sowie anderen Organisationen gefolgt waren. Den Angaben der Veranstalter gegenüber junge Welt zufolge nahmen in Berlin »über 20.000« und in Stuttgart »über 15.000« Menschen teil. Die Polizei dagegen will in der Bundeshauptstadt am Sonnabend nachmittag nur rund 5.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt haben. Ein dpa-Reporter schätzte die Teilnehmerzahl in Stuttgart »im unteren bis mittleren Tausenderbereich«.

In Berlin waren Slogans zu hören wie »500 Milliarden Euro für Bildung und Soziales« oder »Geld für Krankenkassen her, statt für Krieg und Militär.« Auf der Bühne sprachen unter anderem Alev Bahadir, Vorsitzende der DIDF, Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, Monika Koops von Verdi Hamburg, Christian Leye, stellvertretender Vorsitzender des BSW, May Zeidani Yufanyi, Menschenrechtsaktivistin mit jüdisch-palästinensischer Familie, Sören Pellmann, Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke, Johannes Varwick, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Halle-Wittenberg, und Karla Wolf von Schulstreik gegen die Wehrpflicht.

Die Jugendorganisation der DIDF forderte: »Abrüstung statt Sozialabbau«. Andrea Hornung, Vorsitzende der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), erklärte gegenüber jW: »Wir waren gestern hier beim Konzert gegen die Wehrpflicht und sind heute wieder bei der Demo gegen Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg.« Sie zeigte sich überzeugt, die Bundesregierung bereite derzeit mit der Wehrpflicht und der Aufrüstung einen Krieg vor. Die Jugendlichen »wollen nicht in den Krieg geschickt werden«. »Es gibt viel Motivation, viel Kraft und viel Entschlossenheit für den weiteren Kampf gegen Krieg«, sagte Hornung. Zum erwähnten Konzert versammelten sich am Tag zuvor Tausende Jugendliche vor dem Brandenburger Tor. Für das »Unzwingbar«-Konzert wurden mehrere Künstler und Bands gebucht, darunter K.I.Z., Disarstar, Mieze und weitere, deren Auftritte ohne Eintrittskarte oder Gebühr besucht werden konnten.

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Ein Sprecher der Veranstalter der Stuttgarter Kundgebung zeigte sich am Sonntag im Gespräch mit junge Welt zufrieden. Wie im Jahr zuvor sei eine große Jugendbeteiligung festgestellt worden. Zur Senkung des für die Friedensbewegung üblichen, hohen Altersdurchschnitts sorgte Joachim Guilliard zufolge auch der antikapitalistische Demonstrationsblock des Bündnisses »No War Stuttgart«. Die Aufstellung der einzelnen Demoblöcke sei noch besser gelungen als im Vorjahr.

Auf der Stuttgarter Abschlusskundgebung sprachen unter anderen Jules El Khatib von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Ronja Fröhlich vom Bündnis gegen Wehrpflicht, die EU-Abgeordnete Özlem Demirel (Die Linke) und der GEW-Gewerkschafter Mark Ellmann (DKP). Als die Autorin und BSW-Politikerin Sevim Dagdelen ihren Redebeitrag beginnen sollte, schickten sich einige Teilnehmer an, schwarzgekleidet und vermummt die Bühne unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Ordner und die Bühnenmoderation seien überrascht worden, beschrieb Guilliard die Szene gegenüber jW. Als Aktivisten die Bühne betraten, schritt die Polizei ein. »Es wirkte schon bedrohlich«, sagte Dagdelen der Stuttgarter Zeitung. Ein junger Mann wurde festgenommen.

Zu der Störaktion bekannte sich noch am Sonnabend das »Offene Treffen gegen Krieg und Militarisierung Stuttgart«. Dem BSW wird in der Mitteilung unterstellt, der AfD zur Macht zu verhelfen, weshalb die Gruppe sich für die »Intervention« entschieden habe. Der Zusammenschluss ist Teil des Bündnisses »No War Stuttgart«. In einem auf Instagram veröffentlichten Video begründete die Linke-Politikerin Mersedeh Ghazaei, Mitglied des Parteivorstands, die Aktion damit, dass die »faschistische« AfD mit Waffengewalt »Remigration« plane und das BSW der Rechtsaußenpartei die Steigbügel halte. Tatsächlich hat das BSW wiederholt die Wahl eines AfD-Ministerpräsidenten abgelehnt und lediglich eine Zusammenarbeit bei einzelnen Gesetzesvorhaben für möglich erklärt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.10.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Wolfgang Doster aus Erding 5. Okt. 2026 um 15:16 Uhr
    Tatsächlich versucht die Antifa immer wieder, auf Friedensdemonstrationen gegen ihrer Meinung nach unliebsame Teilnehmer Partei zu ergreifen. Das hat dazu geführt, dass in Teilen der Friedensbewegung der Antifaschismus, also der Kampf gegen Rechts, wichtiger wird als der Kampf gegen den Krieg. Der »Kampf gegen Rechts« macht die AfD und nicht den Krieg zum Hauptproblem und verwechselt damit Ursache und Wirkung. Für mich ist das Teil der kognitiven Kriegsführung der NATO, um Kriegsgegner als rechts zu diffamieren. In München hat diese Taktik zur Spaltung der Friedensbewegung geführt. Das Münchner Friedensbüro war nicht bereit, mit »München steht auf« zu kooperieren, weil sie nicht wie sie auf Antifabasis agiert. Primär muss gelten, dass alle, die sich für den Frieden einsetzen, an solchen Demonstrationen teilnehmen dürfen, unabhängig von einer politischen Eignungsprüfung. Ob die AfD vom Verfassungsschutz als »in Teilen faschistisch« eingestuft wird, ist irrelevant und gilt für mich dadurch nicht als bewiesen. Im Gegenteil, für mich sind die Altparteien mit der Unterstützung von Krieg, Völkermord und Ultranationalismus näher am Faschismus als die AfD. Der bekannte Antifaschist Silone warnte 1945: Wenn der Faschismus wieder kommmt, wird er nicht sagen »ich bin der Faschismus«, er wird sagen »ich bin der Antifaschismus«. Auch Pax-Christi-Mitglieder dürfen mitdemonstrieren, obwohl die Kirchenfürsten zu den militantesten Aktivisten zählen. Ich nehme seit 50 Jahren als Kriegsdienstverweigerer an solchen Demonstrationen teil und noch nie wäre eine solche Selektion sinnvoll gewesen außer zur Unterstützung von Kriegsbefürwortern.
  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 5. Okt. 2026 um 12:28 Uhr
    »Tatsächlich hat das BSW wiederholt die Wahl eines AfD-Ministerpräsidenten abgelehnt und lediglich eine Zusammenarbeit bei einzelnen Gesetzesvorhaben für möglich erklärt.« Da sollten die beiden Autoren schon bei der Wahrheit bleiben, was tatsächlich Sache ist, berichtet ZDF-Heute am 13.08.2026: »Thüringer Infrastrukturminister Steffen Schütz (BSW) attestierte Wagenknecht und der BSW-Bundesspitze am Donnerstag auf Welt TV einen ›gefährlichen Kurs‹, den er ›nicht mittragen‹ könne. Er bezog sich auf Wagenknechts Festlegung, dass das BSW im künftigen Landtag von Sachsen-Anhalt die Wahl eines AfD-Ministerpräsidenten ermöglichen könnte, indem es sich im dritten Wahlgang der Stimme enthalten würde.«
  • Oleg aus Berlin 5. Okt. 2026 um 11:50 Uhr
    Diese Störaktion von »Offene Treffen gegen Krieg und Militarisierung Stuttgart« gegen Dagdelen ist eine der dümmsten politischen Aktionen einer »linken« Gruppierung der letzten Jahre. Die Gruppe offenbart damit eine absolute politische Inkompetenz. Ich denke, die Konsequenz daraus muss sein, dass man versuchen muss eine solche Gruppe komplett zu isolieren: keine Interviews, keine Bündnisse mit ihnen, keine Spenden für eine solche Gruppe. Das gleiche gilt für »No War Stuttgart«, sofern sie sich nicht vom »Offenen Treffen« bzw. dessen Störaktion distanzieren.
  • Ralf Bohne aus Magdeburg 5. Okt. 2026 um 10:55 Uhr
    Der Artikel wird der großartigen Demo vom 3. Oktober in Berlin nicht gerecht. Kein Wort von der wunderbaren Stimmung Unter den Linden, als diese Allee von den Demonstranten auf beiden Seiten zwischen Wilhelmstraße und Humboldt-Uni »besetzt« wurde. Pauschale Erwähnung der Rednerliste lt. Internet, kein Hinweis auf Auftakt- und Abschlusskundgebung. Ich habe etwas anderes erlebt, als dieser Text glauben machen möchte. Ralf Bohne Magdeburg
  • Karl-Heinz Schmidt aus Braunschweig 5. Okt. 2026 um 09:37 Uhr
    Auch ich war bei der großen Friedensdemo in Berlin dabei und habe mich sehr über die vielen jüngeren Demonstranten gefreut. Das zeigt deutlich, dass das Thema Wehrpflicht und Zwangsdienste bei den Jüngeren ganz oben auf der Agenda steht. Nun müssen nur noch der DGB und seine Einzelgewerkschaften und die Kirchen dazukommen und den Zusammenhang von Rüstung und Sozialabbau zum Thema machen.
  • C. Bender aus Köln 5. Okt. 2026 um 01:29 Uhr
    Habe ich das richtig verstanden, dass Mersedeh Ghazaei von der Linkspartei Stuttgart für die hirnverbrannte und gefährliche Störaktion auf der Stuttgarter Kundgebung am 03.10.26 gegen Sevim Dagdelen verantwortlich zeichnet? Ich bin kein BSW‑Fan, aber ich war extra nach Stuttgart gefahren, um Sevim Dagdelen zu hören, die eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der NATO-Politik und langjährige Mitkämpferin der Friedensbewegung ist. Stattdessen musste ich mir dieses Geschrei anhören. Schwarzvermummte auf die Bühne zu schicken, die Aktion war ja wohl unterirdisch! Und wenn die Linkspartei jemanden für Doppelmoral zur Rechenschaft ziehen will, dann sei ihr geraten, es mal mit der Bremer Linkspartei und ihrer Unterstützung für den NATO-Hub Bremen/Bremerhaven zu versuchen, anstatt sich als peinlicher Krawall-Kindergarten selbst zu beschämen. Und für Mersedeh Ghazaei muss es Konsequenzen aus diesem Vorfall geben!
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