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Berlin braucht Stoff
Kasachstans Präsident bietet bei Staatsbesuch »Rohstoffpartnerschaft« an. Deutsche Konzerne wollen ihre Geschäfte in Zentralasien ausweiten
Hoher Besuch aus Zentralasien: Am Dienstag wurde Kasachstans Staatschef Kassym-Schomart Tokajew in Berlin empfangen. Nach einem protokollarischen Pflichttermin mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier eröffneten beide gemeinsam das deutsch-kasachische Wirtschaftsforum im »Haus der deutschen Wirtschaft«, das vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, der Deutschen Industrie- und Handelskammer, der deutschen Auslandshandelskammer in Almaty und der kasachischen Botschaft organisiert wurde. Auch ein Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) war geplant. Laut eines Regierungssprechers standen dabei Themen wie der Ausbau des Energie- und Rohstoffhandels, Fragen der regionalen Zusammenarbeit sowie die internationale Politik auf der Tagesordnung.
Kasachstan sei Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Zentralasien und stehe für rund 80 Prozent des deutschen Handels mit der Region, sagte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, Michael Harms, einer Mitteilung zufolge. Das Land biete »hervorragende Chancen für deutsche Technologieanbieter und Investoren« und trage »zugleich zur Diversifizierung von Energie- und Rohstofflieferungen nach Europa bei«. Die Teilnahme von Steinmeier und Tokajew unterstreiche »die strategische Bedeutung unserer Beziehungen«, freute er sich. Nun gelte es, »die hohe politische Aufmerksamkeit in konkrete Projekte und langfristige Investitionen umzusetzen«. Den Angaben zufolge lagen fertige Verträge für 37 bilaterale Wirtschaftsprojekte im Wert von rund 1,8 Milliarden Euro zur Unterzeichnung bereit.
Vor dem Treffen hatte der postsowjetische Oligarch Tokajew sein wirtschaftlich aufstrebendes Land (4,1 Prozent Wirtschaftswachstum) in einem Namensbeitrag im Handelsblatt vom Dienstag dem deutschen Kapital angepriesen, vor allem als Rohstofflieferant, aber auch als Absatzmarkt für deutsche Waren und zuverlässiges Transitland und Drehkreuz für den Handel mit Ostasien.
2025 erreichte der deutsch-kasachische Handel ein Volumen von fast neun Milliarden Euro, wie Tokajew schreibt. Der Ost-Ausschuss wies daraufhin, dass es im ersten Halbjahr 2026 ein weiteres Handelswachstum um über 25 Prozent gab, das allerdings allein auf die Importe aus Kasachstan, vornehmlich Erdöl und -gas, zurückzuführen sei. Im vergangenen Jahr lieferte Kasachstan mehr als zehn Millionen Tonnen Erdöl in die BRD. Die PCK‑Raffinerie in Schwedt etwa, die Berlin mit Treibstoff versorgt, bezog 2025 rund 20 Prozent ihres Bedarfs aus kasachischen Erdölfeldern. Seit Mai ist die Lieferung durch Russlands »Druschba«-Pipeline allerdings unterbrochen.
Tokajew hat aber noch weitere Rohstoffe im Angebot, die für deutsche Konzerne von großer Bedeutung sind. In Kasachstan würden bereits 21 von 34 in der EU als »kritisch« eingestufte Metalle bzw. Halbmetalle gefördert, schreibt er, darunter Lithium, Silizium, Niob, Kobalt, Kupfer und Wolfram. Insgesamt decke Kasachstan rund 13 Prozent der EU-Ölimporte und sogar 20 Prozent der EU-Uranimporte. Ein 2025 in der zentralen Region Karaganda entdecktes Vorkommen an seltenen Erden wird auf rund 20 Millionen Tonnen geschätzt.
Von der Bundesrepublik erhofft sich der kasachische Präsident einerseits Kapitalexport, noch wichtiger sind ihm aber Technologietransfers und Erwerb von Know-how. Nach Angaben der Regierung in Astana stieg das Volumen deutscher Investitionen im vergangenen Jahr um mehr als 28 Prozent auf rund 620 Millionen Euro. Die Agrarmaschinenhersteller Claas und Horsch produzieren bereits in dem 20-Millionen-Einwohner-Land, während sich Siemens Energy einen Großauftrag für die Lieferung von Gasturbinen gesichert hat. Tokajews »ausgewogene« und »pragmatische« Außenpolitik, wie er es nennt, besteht darin, die geographische, politische und ökonomische Nähe zu den übermächtigen Nachbarn Russland und China auszubalancieren, indem er zusätzlich die Geschäftsbeziehungen mit EU-Staaten, den USA und weiteren Mächten stärkt. Deutsche Unternehmen müssen sich daher in Kasachstan (wie in Zentralasien allgemein) einem scharfen Konkurrenzkampf gegen russische, chinesische, US‑amerikanische, aber zunehmend auch südkoreanische, türkische und indische Firmen stellen. Da dürften bessere Beziehungen zur kasachischen Regierung künftig sehr von Vorteil sein.
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