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Wissenschaft

Das Rätsel aller Rätsel lösen

Vor 190 Jahren endete die Reise der HMS Beagle, der wichtigsten Schiffahrt der Wissenschaftsgeschichte

Foto: Bluegreen Pictures/IMAGO
Besuch aus der »Alten Welt«: Riesenschildkröte auf den Galapagosinseln

Als am 2. Oktober 1836 in Falmouth im Südwesten Englands ein Schiff anlegte, eilte einem gerade einmal 27jährigen Passagier bereits großer Ruhm voraus. Fast fünf Jahre war die HMS Beagle (Her Majesty’s Ship) auf Weltreise gewesen. Mit an Bord: Charles Darwin. In seiner Abwesenheit war der junge Naturforscher zu einem Star in der englischen Wissenschaftsgemeinschaft geworden. Fast viertausend Funde – Fossilien, Gesteine, Tier- und Pflanzenpräparate – hatte er nach England geschickt, seine geologischen und zoologischen Berichte wurden schon vor seiner Rückkehr gelesen. Allein für seine unermüdliche Sammlertätigkeit wäre Darwin als eine Art englischer Alexander von Humboldt in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen. Doch die Bedeutung der am 27. Dezember 1831 begonnenen Reise der Beagle reicht weit darüber hinaus. Was Darwin während der Fahrt in Amerika erlebte und beobachtete, wurde zur Grundlage der Evolutionstheorie.

Eine Welt für sich

Im Jahr 1825 schlossen Großbritannien und der noch junge Staat Argentinien einen Handelsvertrag, in dessen Folge die südamerikanische Küste zu einem vorrangigen Handelsziel britischer Schiffe wurde. Um so wichtiger wurde die Hydrographie, besonders die exakte Vermessung von Meerestiefen und Küstenlinien. Zudem waren erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts Marinechronometer so weit entwickelt und verbreitet, dass Schiffe Längengrade präzise bestimmen konnten. Die Beagle wurde ausgeschickt, um neues Kartenmaterial von Südamerika anzufertigen. Ihr Kapitän Robert FitzRoy wünschte sich, zusätzlich zu den rund 60 Mann Besatzung auch einen Naturforscher und »Gentleman« an Bord zu haben, mit dem zu parlieren sich lohnte.

Die Wahl fiel schließlich auf den 22jährigen Charles Darwin. Der konnte zwar nur ein abgebrochenes Medizin- und ein abgeschlossenes Theologiestudium vorweisen, hatte jedoch unter Anleitung von Robert Grant von der Universität Edinburgh bereits marine Weichtiere erforscht und mit dem Cam­bridger Geologieprofessor Adam Sedgwick Exkursionen unternommen. Ins Gewicht fiel auch Darwins Abstammung: Sein Großvater Erasmus Darwin war im 18. Jahrhundert ein berühmter Dichter, Arzt und Naturforscher gewesen. In seinem Buch »Zoonomia« (1795) findet sich sogar eine rudimentäre, aber völlig spekulative Skizze einer Evolutionstheorie.

Während »Zoonomia« den Enkel so gut wie gar nicht beeinflusste, wurde ein anderes Werk um so prägender. FitzRoy überreichte seinem jungen Begleiter zur Einschiffung den ersten Band von Charles Lyells »Grundsätzen der Geologie«, in dem – die biblische Schöpfungsgeschichte kühn ignorierend – die Entwicklung der Erde durch allmähliche geologische Prozesse über sehr lange Zeiträume hinweg erklärt wurde. Darwin konnte diese Theorie selbst bestätigen: In den Anden fand er Muschelfossilien und nachdem er im Februar 1835 an der chilenischen Küste ein schweres Erdbeben miterlebt hatte, stellte er fest, dass sich Teile der Küste angehoben hatten.

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Die längste Zeit – zwischen Ende 1832 und Anfang 1834 – war die Beagle im südlichen Argentinien und auf Feuerland unterwegs, wobei Darwin zahlreiche Ausflüge in das Landesinnere unternahm und dabei immer wieder in politische Streitigkeiten, Aufstände und einmal sogar eine Revolution geriet. Insgesamt war Darwin in den knapp fünf Jahren nur 18 Monate auf See. Dank seiner Notiz- und Tagebücher, die 1839 unter dem Titel »Die Fahrt der ­Beagle« in Buchform erschienen, ist die Reise umfassend dokumentiert. Die Lektüre lohnt bis heute, auch wegen der ethnologischen und sozialkritischen Bemerkungen Darwins, der die Sklaverei ablehnte und etwa die Armut der Bauern – die er auf das dort noch vorherrschende feudalistische System zurückführte – beschrieb.

Zum wichtigsten Abstecher wurde ein rund fünfwöchiger Aufenthalt 1835 auf den Galapagosinseln, rund 1.000 Kilometer westlich von Ecuador. »Der Archipel ist eine kleine Welt für sich«, notierte sich Darwin. »Angesichts der geringen Größe dieser Inseln sind wir desto erstaunter über die Zahl ihrer ursprünglichen Lebewesen und deren begrenzter Ausbreitung.« Hier werde man »einigermaßen nahe jenem großen Faktum gebracht – jenem Rätsel aller Rätsel –, dem ersten Erscheinen neuer Lebewesen auf dieser Erde.« Zuvor war er von anderen auf den Umstand aufmerksam gemacht worden, dass die Schildkröten auf jeder der Inseln sich leicht unterschiedlich entwickelt hatten.

Mühen der Ebene

Unmittelbar nahm Darwin von der Reise vor allem den Eindruck einer vielfältigen, grausamen und »verschwenderischen« Natur mit. Erst nach seiner Rückkehr im Oktober 1836 (die Beagle hatte über Australien und das Kap der Guten Hoffnung einmal die Erde umrundet) analysierte er seine Funde gründlicher. Eine besondere Rolle spielten die mitgebrachten und später nach ihm benannten Darwinfinken. Der Ornithologe John Gould wies ihn darauf hin, dass die Vögel von verschiedenen Inseln zwar alle noch der Familie der Finken, aber mittlerweile verschiedenen Arten angehörten, die sich besonders hinsichtlich der Schnabelgrößen unterscheiden ließen.

Im Laufe des Jahres 1837 fertigte Darwin weitere Notizbücher an. In einem davon hielt er den Gedanken fest, dass mit dem Leben »irgendeine Form von Evolution« stattfindet, »und zwar nicht nur mit der Vogelwelt der Galapagosinseln, sondern mit allen Organismen, den Menschen nicht ausgenommen«. Bereits hier, nur wenige Monate nach seiner Weltreise, deutete er an, dass der Mensch vom Affen abstammen könne. Auch die grundlegenden Mechanismen der Evolutionstheorie waren ihm kurz nach seiner Reise klar. Im September 1838 las Darwin zwar noch die »Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz« (1798) von Thomas Robert Malthus, doch darf man die Bedeutung dieser oft als eine Art Erweckungserlebnis dargestellten Lektüre nicht überbewerten. Bereits auf seiner Reise notierte sich Darwin, dass Tiere sich zu rasch vermehren, während der Nahrungsvorrat konstant bleibe, und diese Diskrepanz zur Diversifizierung der Arten beitrage (siehe Kasten). So rasch die Grundgedanken auch feststanden, zuerst lagen die Mühen der Ebene vor Darwin: Bis 1842 schrieb er zwar eine Abhandlung über die Evolutionstheorie nieder, doch sie blieb unveröffentlicht. Darwin widmete sich in den nächsten Jahren zunächst der empirischen Kleinarbeit und wertete in mehreren Büchern vor allem die geologischen Befunde seiner Reise aus.

Erst eine besondere Konkurrenzsituation machte ihm Beine. Der britische Zoologe Alfred Wallace – der später dem Sozialismus zuneigte und einer »Gesellschaft zur Landverstaatlichung« vorstand – stieß Ende der 1850er Jahre unabhängig von Darwin auf die entscheidenden Ideen der Evolutionstheorie: die Variabilität von Organismen, die Begrenzung von Populationen durch das Nahrungsangebot und daraus folgend die »natürliche Auslese« der am besten an ihre Umwelt angepassten bzw. in der Fortpflanzung am erfolgreichsten Individuen. In Angst, den Vorrang des Entdeckers zu verlieren, machte sich Darwin nun konzentrierter ans Werk. Im November 1859 erschien schließlich das epochemachende Buch »Über die Entstehung der Arten«. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Grenzen der Fortpflanzung

Wir bedenken nicht ständig, wie ungeheuer wenig wir über die Existenzbedingungen eines jeden Tieres wissen; ebenso wenig gemahnen wir uns immerzu daran, dass ein Hemmnis dauernd die allzu rasche Zunahme eines jeden organisierten Wesens verhindert, das im Naturzustand belassen ist. Der Nahrungsvorrat bleibt im Durchschnitt konstant; die Neigung eines jeden Tieres hingegen, sich durch Fortpflanzung zu vermehren, ist geometrisch, und ihre überraschenden Auswirkungen sind nirgendwo verblüffender zutage getreten als im Falle der europäischen Tiere, die während der vergangenen Jahrhunderte in Amerika verwilderten.

Jedes Tier im Naturzustand pflanzt sich regelmäßig fort, hingegen ist bei einer lange schon heimischen Art ein starkes Anwachsen ihrer Zahl offenkundig unmöglich und muss mit bestimmten Mitteln begrenzt werden. Gleichwohl vermögen wir bei einer Art nur selten mit Gewissheit zu sagen, zu welchem Lebensabschnitt oder welcher Jahreszeit oder ob nur in weiten Abständen das Hemmnis einsetzt oder auch, worin dieses Hemmnis genau besteht. Wahrscheinlich rührt dies daher, dass wir so wenig überrascht darüber sind, dass eine von zwei Arten, die nach ihrer Lebensweise eng verwandt sind, in einem Gebiet selten und die andere sehr verbreitet ist, oder auch, dass die eine in einem Gebiet sehr verbreitet ist und eine andere, die im Aufbau der Natur denselben Platz einnimmt, in einem angrenzenden Gebiet, das sich in seinen Bedingungen sehr wenig davon unterscheidet. Auf die Frage, wie das sein könne, antwortet man sogleich, dies werde durch einen winzigen Unterschied bei Klima, Nahrung oder der Anzahl der Feinde bestimmt: Doch wie selten, wenn überhaupt jemals, können wir die genaue Ursache und Wirkungsweise des Hemmnisses bezeichnen!

→ Aus: Charles Darwin: Die Fahrt der Beagle. Theiss-Verlag, Darmstadt 2016, S. 148

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.09.2026, Seite 15, Geschichte

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