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Philosophie

Kennen, anerkennen, verkennen

Mesut Bayraktars Hegel-Einführung demonstriert die Gefahren einer immer hektischeren Wissensvermittlung

Foto: GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO
Hegel agitiert die Berliner Jugend der 1820er

Ohne Hegel könne es keinen Marxismus geben, schreibt Mesut Bayraktar, und wer wollte ihm da widersprechen? Grundsätzlich ist daher jeder Versuch, Hegel neu zu vermitteln, begrüßenswert. Doch ist es im Falle von Bayraktars gerade in der rühmlichen »Basiswissen«-Reihe des Papyrossa-Verlages erschienenen Einführung gelungen? Das Positive zuerst: Man bekommt hier einen ordentlichen Abriss der Biographie des Philosophen geboten, und auch die stete Kontrastierung mit der Kritik von Karl Marx an ihm ist nützlich. Hilfreich sind zudem Hinweise zu oft vernachlässigten Begriffen – etwa die Bedeutung der Liebe als einer Struktur der Vereinigung beim jungen oder die Rolle des Pöbels beim späten Hegel.

Doch der Band des kommunistischen Schriftstellers Bayraktar, der sowohl Jura als auch Philosophie studierte, hat deutliche Mängel. Das größte Problem ist das fragwürdige Verständnis von Dialektik, das in dem Buch zum Ausdruck kommt. »In vielem ähnelt die Dialektik von Hegel der Quantenmechanik«, erklärt der Autor, denn »Dialektik und Quantenmechanik operieren (…) mit Wahrscheinlichkeiten, und für beide sind Wahrscheinlichkeiten nicht fehlendes Wissen, sondern Tatsachen. Sie folgen einem probabilistischen Weltverständnis, in dem aus Zufälligkeiten Notwendigkeiten erwachsen und widerstreitende Möglichkeiten der Wirklichkeit vorausgehen.« Nun kann man zwar in der Tat Quantenmechanik und Hegels Naturphilosophie in Beziehung bringen (Dieter Wandschneider hat dazu geforscht), doch es kommt hier auf begriffliche Präzision an. Dass die Dialektik mit Wahrscheinlichkeiten operiere und einem probabilistischen Weltverständnis folge, sollte bei jungen Lesern besser nicht hängenbleiben – es ist schlicht falsch. Hier erweist der Autor seinem Anliegen einen Bärendienst.

Tatsächlich kommt in der ganzen »Logik« das Wort »Wahrscheinlichkeit« überhaupt nur an einer einzigen Stelle vor – und an der stellt Hegel klar, dass »in der Philosophie nicht von größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, sondern von der Wahrheit allein die Rede sein kann«. Generell ist, wer nach einer richtigen Definition von Dialektik sucht, am besten beraten, direkt bei Hegel nachzulesen, der im ersten Band seiner Enzyklopädie in den Paragraphen 79 bis 82 selbst für eine Klarheit sorgt, an die kein Rezipient je herangekommen ist.

Die genannte schiefe Bestimmung fällt um so stärker ins Gewicht, als keine andere Definition gegeben wird und zentrale Begriffe der Hegelschen Methodologie nicht vorkommen: »Bestimmte Negation«, »Negation der Negation«, »an sich« und »für sich« etwa fehlen völlig. Von der »Identität der Identität und der Nichtidentität« heißt es lediglich, sie übersteige »endgültig unsere Vorstellungskraft«. Schade, es gibt schließlich genug marxistische Vorlagen für präzisere Erläuterungen, etwa Lenins »Zur Frage der Dialektik« oder in Engels »Dialektik der Natur«.

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Viele Namen und Begriffe zählt Bayraktar nur auf, ohne näher auf sie einzugehen. Natürlich kann eine Einführung nicht alles erklären – aber sie sollte manches begreifbarer machen. Trotz des geringen Umfanges findet sich hier aber viel rhetorisches Füllmaterial: »Gebilde wie zum Beispiel Gesellschaften oder Staaten werden als Prozesse mit inneren Tendenzen und Widersprüchen erkannt, die zwischen Wiederholung und Veränderung, zwischen Widerständigkeit und Kollaps, zwischen Regression, Subversion und Kollision ihres Zustands schaukeln.«

Man muss der Einführung den Anspruch zugute halten, alle Werke von Hegel kurz darzustellen, doch wäre wohl eine Konzentration auf einzelne sinnvoller gewesen. So richtig ist niemandem geholfen, wenn von der »Wissenschaft der Logik« nur der anfängliche Dreischritt Sein–Nichts–Werden beschrieben, der Rest aber auf zwei Seiten kaum informativer aufgezählt wird als im Inhaltsverzeichnis. Zumal sich auch Fehler einschleichen. So wird etwa der Begriff des Begriffs unzulässig als »Vorgang des Begreifens« subjektiviert.

Öfter widerspricht sich Bayraktar selbst. So behauptet er von Aristoteles, dieser sei der »Begründer der antiken Dialektik« – aber schon im nächsten Absatz wird der über 100 Jahre vor Aristoteles lebende Heraklit als »erster großer Dialektiker« gelobt. Kants Philosophie wird einmal als subjektiver Idealismus verstanden, ein andermal wie ein gewöhnlicher Empirismus beschrieben: Der Mensch kreise um die Gegenstände und müsse sein Wissen überprüfen, »da die Gegenstände wie die Sonne unabhängig vom Menschen existieren und nicht identisch damit sind, wie er sie wahrnimmt und sich vorstellt«. Dem liegt offenbar ein Missverständnis der Kopernikus-Analogie in der »Kritik der reinen Vernunft« zugrunde. Dabei weist Kant selbst in einer Fußnote darauf hin, dass es ihm bei dem Vergleich darum gehe, »die beobachteten Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu suchen«. In einer Passage ist Marxens Hegel-Kritik richtig wiedergegeben (»Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakt geistige«). An anderer Stelle heißt es dagegen, bei Hegel entwickele sich das Wissen »durch das gegenständliche Engagement des Menschen in der Welt«. Dann spricht Bayraktar Experimente und die Veränderung materieller Stoffe wie Stahl an und resümiert: »Das zählt in der Phänomenologie des Geistes.« Hä?

Auch einige faktische Fehler finden sich. Manche sind harmlos – die »Kritik der reinen Vernunft« wird einmal auf 1780 datiert, einmal korrekt auf 1781 –, manche dagegen gravierender: So wird von der berühmten »Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers«, die Diderot und d’Alembert (im Buch: »d’Alambert«) ab 1751 herausgaben, behauptet, sie sei die »erste Enzyklopädie der Welt«! Auch manch andere chronologische Einordnung ist wild. So heißt es im Kapitel über Religion: »Nachdem der Raub kirchlicher Güter durch Preußen abgeschlossen war und die Krautjunker zu einer europäischen Regionalmacht aufstiegen, hatten jene das Volk verraten, die es im Bauernkrieg anführten: Luther und der Protestantismus.« Nun hat Luther das Volk nie im Bauernkrieg angeführt, und Preußen ist erst knapp 200 Jahre später zu einer Regionalmacht aufgestiegen. Vermutlich orientiert sich Bayraktar hier an einer Stelle bei Marx (MEW 1, 386), ohne ihren Sinn zu erfassen. Marx springt hier zwischen Vergangenheit und seiner Gegenwart, der angesprochene Kirchenraub bezieht sich auf damals neuere Geschehnisse wie das preußische Säkularisationsedikt von 1810.

Insgesamt muss man erhebliche Schludrigkeit konstatieren. Der Versuch, sprachmächtig zu schreiben, führt zusätzlich eher zu begrifflicher Unschärfe als zu Anschaulichkeit. Womöglich ist beides symptomatisch für eine Zeit, in der – vorangetrieben durch Social-Media-Dynamiken – Wissen immer schneller und marktschreierischer unters Publikum gebracht wird.

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Mesut Bayraktar: Hegel. Papyrossa-Verlag, Köln 2026, 141 Seiten, 12 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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