Da lacht der Calmund
Die dreiteilige Dokuserie »Go West! Die letzte Elf der DDR« über den Ausverkauf des Ostfußballs 1989
Das Format trendet immer noch. Wir haben in diesem Jahr schon reichlich Fußballdokus gesehen, besonders rund um die adipöse WM in Nordamerika. Das Rezept ist erprobt: Leute von heute kommentieren die eigene Vergangenheit, dazu gibt es hübsche, selten gesehene Archivaufnahmen, Erzählerstimmen (oder auch nicht), dezente, gut eingebaute Musik, irgendwie einen Plot …
So funktioniert auch »Go West! Die letzte Elf der DDR«, und zwar aufs Trefflichste. Reiner Calmund, damaliger Manager von Bayer Leverkusen, gibt in diesem fürs »ZDF Sportstudio« produzierten Dreiteiler den schelmischen Bösewicht, die schwergewichtige Personifizierung des bösen Kapitals aus dem Westen, das sich die DDR einverleibt. Doch Calmund bleibt immer auch ein Schlawiner und Charmeur alter Schule.
Man weiß nicht genau, was es ist: Aber die 80er Jahre, auch die späten, lösen in der Nachbetrachtung fast immer gute Laune aus. Muss ein unterhaltsames Jahrzehnt gewesen sein, natürlich abhängig davon, wo man stand und wie es um einen oder eine herum aussah. Und doch: Mode, Frisuren, Autos, Telefone, Auftreten, Gespräche – das wirkt heute alles sehr lustig. Kann sein, dass es daran lag, dass es im Westen schon Privatfernsehen gab, aber noch kein Internet: Die dortigen Medien blühten auf, waren bunt und leicht überdreht, was sich in den gesamtdeutschen 90ern noch einmal steigern sollte. In »Go West!« bekommt man auch viel Material des DFF präsentiert, was ebenfalls unbedingt für die Serie spricht.
Dabei geht es weniger um die DDR, vielleicht noch als Voraussetzung. Es geht um die sogenannte Wendezeit. Das Nationalteam der DDR bereitet sich irgendwo in Sachsen auf das entscheidende WM-Quali-Spiel gegen Österreich vor, als unverhofft die Mauer fällt. Die Spieler werden vom allgemeinen Rausch der historischen Gefühle erfasst – gar nicht mal politisch, dafür um so, ja, nehmen wir dieses Wort: beruflicher. Ulf Kirsten, Matthias Sammer, Andreas Thom, Rico Steinmann und Co. überlegen, »was nu wird«. Keine drei Tage später macht sich Rainer Calmund auf den Weg nach Berlin.
Wie es weiterging, ist bekannt: Die DDR-Elf verliert das entscheidende Spiel in Wien mit 0:3, auch weil es aus mehreren Gründen schlicht gegen sie läuft. Toni Polster, das wäre noch einmal eine andere Geschichte, umstrittener Star der Ösis, macht alle drei Tore, darunter ein (zweifelhafter) Elfmeter. Sammer und Co. stehen neben sich, und Rico Steinmann verschießt vom Punkt. Italien bleibt ein Traum, ein Traum, den sich der präpotente und präunifizierte Westen dann im Sommer 1990 erfüllt. Der DDR bleibt ein letztes Länderspiel mit B-Aufgebot in Belgien, das sensationell mit 2:0 gewonnen wird. Zweifacher Torschütze: Matthias Sammer.
Überhaupt Sammer. Er ist neben Calmund der Star dieser Serie. Dass er intelligent ist, wusste man, aber hier ist er tatsächlich auch witzig. Thom, dem eine Weltkarriere nicht ganz gelungen ist, oder Rico Steinmann, der einzige, der noch ein Jahr DDR-Oberliga dranhängte, statt das Weite und das Geld zu suchen, bestechen durch Charme und Schalk. Nebenbei erfährt man auch so manches, was man so nicht oder nicht mehr wusste – dass Ulf Kirsten ursprünglich lieber nach Dortmund wollte zum Beispiel, oder dass dem Nordostdeutschen Fußballverband die Peinlichkeit unterlief, sich selbst auf der Gründungstafel als Norddeutschen Fußballverband zu verewigen.
»Go West! Die letzte Elf der DDR« ist durchweg unterhaltsam, politisch okay, fußballhistorisch der Wahnsinn. Selbst die »nachgestellten Szenen« stören nicht, sondern deuten hier und da sogar Humor an. Die deutschen Fußballdokus schlagen sich weiter gut. Ich bin schon gespannt, was als nächstes kommt.
→ »Go West! Die letzte Elf der DDR«, Regie: Christoph Eder, BRD 2026, drei Folgen à 30 Min., in der ZDF-Mediathek sowie am Sonntag, 27.9., ab 0 Uhr im ZDF
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