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Aus: Ausgabe vom 20.06.2024, Seite 12 / Thema
Reihe »Unsere Leser«

»Dann mit Galopp ins Verderben«

Serie. Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn. »Unsere Leser« – kritisch, treu und meinungsstark (Teil 8 und Schluss)
Von Burga Kalinowski
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Ein ganzes Land für einen Frieden, der diese Bezeichnung auch verdient. Pionierumzug (Ostberlin, 7.10.1969)

Für die Redaktion sind Leserbriefe gewissermaßen das Salz in der Suppe. Ich wollte wissen: Wer sind die Leute, die uns schreiben. Mit etwa 30 Lesern habe ich telefoniert, 16 besucht. Die Spur der Briefe führte quer durch Land und Geschichte(n), zu Erinnerungen in Ost und West, in die Kämpfe der Zeit für Frieden und Gerechtigkeit.

Zunächst möchte ich René Osselmann danken für seinen aktuellen Leserbrief zum Deal des Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund mit der Rüstungsschmiede Rheinmetall AG in Düsseldorf. Warum ausgerechnet diese Zuschrift? Es passt zum Thema Verwahrlosung der Gesellschaft, »wenn Rüstungskonzernen hier alle Türen geöffnet werden, um ihre tödliche Fracht anzupreisen. Mir fehlen dazu die Worte!«, schreibt Osselmann. Er fragt: Wohin soll die Reise gehen? Er ist in Sorge und in Zorn.

Es ist eine Weile her, dass ich ihn in Magdeburg getroffen habe. Ich kam von den »Kaffeemännern« Hellmut Naderer und Georg Jarczewski, die sich an knappe Devisen, Erfindung des »Kaffee-Mix« und an die Lösung der Kaffeefrage in der DDR erinnert haben, nachzulesen in »Alles Geikel, was die uns erzählen« (jW, 3.1.2024). Auf dem Weg zu den Kaffeexperten habe ich in Dresden die Versteigerung einer aufgelösten DDR-Ausstellung erlebt – 75.000 Exponate von Mitropa-Kaffeetassen über Kitastühlchen bis zum »Trabbi« – und war auf der Fahrt nach Wolfsburg zu Josie Michel-Brüning.

Hoffnungslos rückständig

Ihre Leserbriefe hatten mich neugierig gemacht und durch ihre Aufrichtigkeit bewegt, beeindruckt mit ihrer nachdenklichen Haltung in aufgeregten Debatten und mit ihrem leidenschaftlichen Engagement besonders für Kuba. Sie und ihr inzwischen verstorbener Mann Dirk Brüning schrieben zusammen mit Heinz Langer, Botschafter der DDR in Kuba, und Klaus Eichner vom Solidaritätskomitee die Geschichte der »Cuban Five« im Buch »Die USA und der Terror« auf. Oft haben wir miteinander telefoniert. Gleich im ersten Gespräch stellten wir an unseren Lebensläufen die Herkunft Ost oder West fest. Dass sie zum Beispiel bis weit in die 1960er Jahre ihren damaligen Mann um Haushaltsgeld und um Erlaubnis bitten musste, als sie arbeiten wollte. Vom Paragraphen 218 und anderer gesetzlich verordneter Unmündigkeit nicht zu reden. Später hat sie sich praktisch und politisch davon befreit. Dass der Westen hoffnungslos rückständig war und Biographien mindestens sozial und bildungspolitisch unterdrückte wie auch heute noch, wusste ich ja, aber so konkret und persönlich war es ein Blick in die Abstellkammern dieser Gesellschaft. Nachträglich bin ich heilfroh, im Osten gelebt zu haben – ohne Italien-Reisen, billige Nylons, Chanel No. 5, nur mit unparfümiertem »Fit« als Spülmittel, und für Heinrich Bölls »Billard um halb zehn« habe ich der Buchhändlerin in Gera Pralinen geschenkt, damit ich auf der Bestelliste vorrücke. Insgesamt ein selbstbestimmteres Leben als das von Generationen westdeutscher Frauen jener Zeit. Ausnahmen bestätigen die Regel. »Du hast gemacht, was du wolltest?«, fragte Josie mich mal. Ja, doch. »Ging das für alle?« Für die meisten schon, wenn sie keinen Ausreiseantrag nach Rom stellten oder über die Mauer abhauen wollten. »Trotzdem, ihr hattet es gut«, sagte sie nach kurzem Nachdenken. In ihrer Stimme ist auch ein Lächeln. Seit einigen Wochen erreiche ich Josie weder telefonisch noch per Mail. Jetzt wird die Zeit knapp, der Artikel sollte fertig werden. Am Wochenende hat sie geschrieben: Das Wasserglas sei halbvoll – es ginge so … Gute Besserung, liebe Josie.

Über Peter Groß zum Beispiel hätte ich gern ausführlicher geschrieben. Über seine Zeit in Westberlin, über anarchistische Positionen und Aktionen, über die Heimkampagne, über Ulrike Meinhof und ihren Film »Bambule« – und von seinem jetzigen politischen Engagement im Bodenseekreis. Seine Erinnerungen führen mich in die Zeit, in der Lehrlinge noch verprügelt wurden, Kinder in der Westberliner Pädophilenszene spurlos verschwanden, Ämter und Behörden von alten Nazis durchsetzt waren und »nichteheliche Herkunft« Weichen ins Nichts stellen konnte. Ein krudes Familienbild: Sogenannte nichteheliche Kinder und ihre Mütter – im bigotten Wertesystem rechtlich benachteiligt – sind »Bastarde und Schlampen«. Wertlos. So werden sie behandelt. An dieser Stelle ein Lesetipp: »Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau« – am 27. September 1950 von der Volkskammer der DDR beschlossen, ab dem 1. Oktober geltendes Recht zur Durchsetzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. 1950! 40 Jahre später beendete der Einigungsvertrag 1990 diesen historisch einmaligen Fortschritt in Deutschland.

»Zur Wahrheit der Zeit gehört auch«, sagt Groß aus seiner Erfahrung, dass »mit Kommunen, der späteren Hausbesetzerbewegung sowie mit der Bewegung 2. Juni und der Roten Armee Fraktion (RAF) damals eine neue Zeit begann, das (West)Volk wehrhaft wurde«. In diesem Klima entstand die Heimbewegung, in der sich Kinder und Jugendliche in ihrem ausweglosen Elend manchmal nur mit Gewalt gegen ihre Peiniger zur Wehr setzen konnten wie am 7./8. Mai 1969 im Landesfürsorgeheim Glückstadt. Andere brachen aus und gründeten in der Staffelberg-Kampagne Wohnkollektive – Vorbild für die heute üblichen »betreuten Jugendwohngemeinschaften«. Aus Kindern wurden Zeugen für politisches Unrecht, gesellschaftliches Versagen und moralische Schande. Würde, Wohl und eigener Wille dieser Mädchen und Jungen wurden permanent verletzt. Die Hölle auch im Namen des Herrn. Keine Einzelfälle, ein System der Gewalt und Heuchelei. Im Neandertal der westdeutschen Spießer krähte kein Hahn danach. Wo kein Kläger, da kein Richter – die Täter waren fein raus. Die Kinder saßen in der Falle. Peter Groß und andere haben versucht zu helfen. Es war ein langer Kampf gegen Unterdrückung und Ignoranz, Helfer wurden denunziert, ihre ­Ziele politisch diffamiert. Groß will Unterlagen und Fotos heraussuchen und beschreibt schon mal den Weg zu sich nach Hause. Aber zu einem persönlichen Gespräch an den Bodensee habe ich es leider nicht geschafft.

Das Licht geht aus

Birgit D. war gewissermaßen ein Extrageschenk auf der Spur der Leserbriefe. Mit der »Bald-bin-ich-Rentnerin« aus Chemnitz kam ich im Zug nach Oelsnitz ins Gespräch: über die Verödung ganzer Landstriche, als 1990 das Sterben Volkseigener Betriebe begann, damals, als Heuschreckenschwärme westdeutscher »Investoren« über die erzgebirgische und vogtländische Strick- und Textilindustrie herfielen und auch »Fitzfädelbuden« nicht verschonten – zurück blieben deindustrialisierte Ortschaften und Abertausende Arbeitslose, in dieser Branche meistens Frauen. Birgit D. kennt Limbach-Oberfrohna, von ihr hab ich das Wort »Fitzfädelbuden« für kleinere, meist private Betriebe. Die gingen zuerst unter, als BRD-Ketten den Ostmarkt mit Strick- und Wirkklamotten fluteten. »Unsere Sachen waren nicht schlechter. Aber die Leut’ kauften wie närrisch den Westtrödel.« DDR-Produkte verstaubten. Manches schwirrt heute im Internet umher als »Rarität der DDR; VEB Aprotex; Gr. 40; top Qualität; Marke: Original Vintage; Größe: L (40); Farbe: Pink; Zustand: Neu; Beschreibung: Neues Axel Shirt, 25,00 Euro.«

Im Herbst 1989 drehte ich in Limbach-Oberfrohna eine Reportage für das DDR-Fernsehen: Es ging um bessere Versorgung mit Trikotagen aller Art. Die Nachfrage war riesig, die Produktion hinkte hinterher, und der sozialistische Bürger, besonders der jugendliche, kam aus dem Meckern nicht raus. Es waren die Probleme der gesamten DDR-Wirtschaft. Teil der Lösung sollte für Strickwaren der 1988 gegründete VEB Aprotex sein. Produktionsbeginn zum Jahrestag der DDR am 7. Oktober. Ich erinnere mich: große helle Halle, nagelneue Rundstrickmaschinen, Reden, Blumen und ein sichtlich gestresster Siegfried Lorenz, Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, Mitglied des Politbüros, der der Belegschaft »und uns allen« Erfolg wünschte. In Gesprächen danach erzählten die Frauen von Überstunden und dass sie ihren Männern energisch gesagt hätten: Das muss jetzt sein und ihr holt die Kinder ab – »nu kloar, soll doch alles klappen«. Sie waren zufrieden über den neuen Frauenruheraum. Sie gingen gern zu Qualifizierungskursen. Sie waren stolz, dass sie die neue Technik und ungewohnten Abläufe souverän beherrschten. Sie redeten schnell und selbstbewusst und lachten viel. Uwe, unser Kameramann, hatte zu tun. Erst mal waren alle zufrieden: Sie hatten was geschafft. Vor allem die Arbeiterinnen. Ich glaube, das wussten sie genau. Zu landesweiten Diskussionen und zur politischen Lage sagten sie – das gesamte Drehteam staunte: »Wir bestimmen, wann das Licht ausgeht. Noch lange nicht.« Da hatten sie sich getäuscht. Ein Jahr später verschwand die DDR von der Landkarte.

Es begann die »Aufarbeitung der DDR-Geschichte« – von der man sich wünscht, dass etliche der ameisenemsigen Geschichtsarbeiter einer nützlichen Tätigkeit nachgingen. Sie »bringen nichts in den Diskurs ein«, um mal Seminardeutsch zu reden. Sowieso weiß jeder, dass eine kritische Analyse der DDR und ihrer Entwicklung selbstverständlich ist, ebenso wie Diskussionen und Streit über Wege zum Sozialismus, jeder, der will. Aber nicht so wohlfeil, so rachsüchtig, nicht so dümmlich – nicht als Knüppel der Politik, um andere gesellschaftliche Möglichkeiten wegzudreschen. Kein Nürnberger Trichter, der die Köpfe ideologisch wäscht und verwässert. Brainwashing hat übrigens einen Bumerangeffekt: Die Leute merken, wenn sie verarscht werden – wenn die Bilder gefälscht sind und die Worte lügen. Wenn eigene Erinnerung, Verstand und Lebensrealität sagen: Es war anders. Kein Paradies – einfach unser normales Leben. Das politisch Zeitgemäße als Erinnerungsimplantat wird abgestoßen.

Ohne Angst

Das klingt dann so: »Ich hatte keine Lust, mich in den Staub zu werfen. Nicht für das, was mein Land gewollt hat, nicht für das, was es erreicht hat …«, sagt Joachim Seider in »Wie die Vergangenheit die Gegenwart einholt« (jW, 14.5.2024). Auch Ralph Dobrawa braucht keine Belehrung in DDR-Geschichte. Schon als 15jähriger machte er sich ein eigenes Bild – »Im Ort hieß es: Der Junge spinnt«. Lange vorbei. Heute spricht und schreibt er u. a. über westdeutsche Heuchelei im Umgang mit der Geschichte des Nazifaschismus. Aktuell ist oft von Antisemitismus die Rede – diejenigen, die diesen Vorwurf politisch benutzen, haben ungerührt jahrzehntelang untern Teppich gekehrt, dass Judenmörder in hohen Posten die Politik der BRD mitbestimmten. Doris Feuerbach aus Erfurt war kürzlich in Bayern und wurde gefragt: Worin bestand der Vorteil, in der DDR zu leben? Ihre Antwort fiel kurz aus: »Ich wurde immer gefördert.« Das Übliche in der DDR: x-mal auf Schulen, zu Kursen, zur Weiterbildung geschickt. Wenn sie es wollte. Sie wollte es. Mein DDR-Leben, sagt sie, war anstrengend, oft mit praktischen Ärgernissen, allerdings »nicht mehr als heute«. Ohne Angst vorm nächsten Tag: »Wir haben mehr gelacht.« Mir fallen die Strickerinnen ein. Ich wüsste gern, was aus ihnen geworden ist. Arbeitslos? Hausfrau? Versuch zur Selbständigkeit ohne dickes Bankkonto? Steinreich? Verschuldet? Wohnungslos? Oder was? Alles ist möglich. Sie sind im Westen angekommen. 1989 wollten das noch Hunderttausende DDR-Bürger. Nun haben sie den Kladderadatsch. Und keiner will es gewesen sein.

Hoffentlich bekomme ich alles in den Artikel rein: die Geschichten meiner Gesprächspartner, teilweise wenigstens, das Rasen und Wüten der Zeit. Jedes Gespräch kommt an diesen Punkt: Manche Westleser kennen es nicht anders, aber so bedrückend gefährlich wie jetzt waren die politischen Verhältnisse noch nie. Hasardeure an der Macht. Sie gehen hohe Risiken ein, sehen über sachliche Analysen der realen Gefahrenlage und über die Folgen ihres Tuns hinweg.

»Als wäre Krieg ein Fingerschnipsen«, sagte Monika M. aus Hamburg. »Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin«, mit diesem Spruch ist sie aufgewachsen, und auch ihr DDR-Mann Wolfgang kannte ihn. Sie erinnern sich an die westdeutsche Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss in den 1980er Jahren. Als wäre die Zeit stehengeblieben, mache auch die heutige Politik des Westens mit alten Feindbildern wieder Angst: Die wollen Krieg. »Das Gegenteil von Freiheit«. Aber auch Putin ist kein Friedensengel.

»Unser Krieg«

Die Reiter der Apokalypse sind unterwegs. Mit Fred Buttkewitz aus Ulan-Ude und mit seinen Gedanken zu Krieg und Frieden begann mit »Der Baikal grüßt Tollensesee« die »Unsere Leser«-Reihe (jW, 29.8.2023). Albrecht Dürers Holzschnitt »Die apokalyptischen Reiter« illustriert die Seite. Die Reiter personifizieren Krieg, Sieg, Teuerung und Hungersnot sowie den Tod selbst. Vielgesichtige Politmonster der Gegenwart.

Vor fast einem Jahr habe ich mit Recherchen begonnen, Gespräche und Schreiben verliefen fast wie ein Wettlauf mit ständig neuen Fakten und Statements zu Kriegstreiberei und politischer Verantwortungslosigkeit: Tag für Tag die globalen Krisen und Katastrophen des Kapitalismus und seine Kriege – Drachengeburten aus Expansion und Profit. Die Gegner des Krieges kämpfen mit Argumenten und Straßenprotest. Mit Killerdrohnen, Kriegsgerät und konzertierter Aktion agieren die Bellizisten. Noch spricht es keiner aus, aber alles, was derzeit passiert, stinkt nach Erich Ludendorffs Begriff des totalen Krieges als »Willensanstrengung eines Volkes« – derzeit gegen Russland, mit Zündeln in Georgien, Morden im Gazastreifen, später China oder gegen sich vielleicht wieder formierende nationale Befreiungsbewegungen. Die eingeforderte nationale »Willensanstrengung« und das angebliche »gemeinsame nationale Interesse« der Bürger und des militärisch-industriellen Komplexes wird penetrant beschworen. »Wir sind doch längst im Konflikt mit Russland«, sagte Sigmar Gabriel (SPD) in einer ZDF-Talkshow am 30. Mai und ist sich mit dem CDU-Abgeordneten Roderich Kiesewetter einig: Aussicht auf Frieden heiße zunächst mal Krieg – »unser Krieg«.

Dann also los mit Bodentruppen und mit Beschuss des russischen Territoriums – vom Weißen Haus freigegeben, willig gefolgt von Kanzler Olaf Scholz (SPD). Da denkt man sofort an Liedgut aus deutsch-nationaler Mottenkiste: »Heil Dir im Siegerkranz«, geschmettert zum Krieg für Kaiser, Gott und, natürlich, Vaterland. Die »Heil Dir«-Chose vor 110 Sommern, hieß Erster Weltkrieg, gebar den Zweiten mit einem Führer, wovon bis heute Landsmannschaften, diverse soldatische Vereine und offensichtlich manche »Denkfabriken« samt Militärstrategen zehren – lang lebe die »Interessengemeinschaft«. Heißt nunmehr »unser Krieg für unsere Freiheit«, meint wahrscheinlich geographischen Raum und Ressourcen »unserer Gegner«. Wer kennt schon die Wahrheit. Interessiert auch nicht. Selbst aus dem Votum der europäischen Wähler am 9. Juni wird nichts gelernt. Trotzdem reden alle vom Kommando »Feuer frei«. Diesmal für die Ukraine, Europa, ach was: Wieder für die ganze Welt kämpfen sie. Das hat was von Größenwahn und ist entsprechend gefährlich. Vielleicht sollten alle, die zum Kriege treiben, auch selbst hingehen. Und die Völker leben in Frieden.

Aber allein die vergangenen 14 Tage klingen nach Horror. Wann steht auf Seite eins: Hurra! Wir sind im Krieg! Sagt der Regierungssprecher dann: endlich? Wagen die sich das? Aber ja. Waffenbruder Wolodimir Selenskij bekam seinen Auftritt im Bundestag und Standing Ovations der Abgeordneten, auf dem G7-Gipfel spendierten die USA 50 Milliarden US-Dollar, der Papst darf nach seinem Fauxpas (Ukraine soll verhandeln) nun für die Ukraine beten.

Die eiserne Ferse

Kein Wunder, dass ich in den Gesprächen für die Reihe »Unsere Leser« manchen Moment der Sprachlosigkeit erlebt habe, zunehmend mit Angst und Sorge gemischt – doch auch immer ein starkes lebendiges »Trotz alledem«. Zornig, zuversichtlich, ohne Zaudern wird zum Beispiel Kathrin Jakob, die Buchhändlerin in Oelsnitz, weiterhin freundlich und resolut das Lied von der Friedenstaube verbreiten wie im Artikel »Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun« (jW, 29.11.2023). In einem Telefonat spricht sie von Kotzzeiten und: »Wir machen weiter. Was denken die denn?« Sie will die Friedenstaube leben sehen, wie Picasso sie gezeichnet hat: Um den ganzen Erdball soll sie fliegen. Darin sind sich alle Gesprächspartner einig.

Manfred »Manne« Gürs aus Hamburg will, solange er lebt, Banken, Konzerne und Ausbeutung bekämpfen, gegen deren Kriege und Verbrechen auf der Welt. Da steht er unter anderem mit Hans Schoenfeldt in einer Reihe, der in seinen Westberliner Erinnerungen an die Sozialistische Einheitspartei (SEW), an »68«, an Studentenbewegung und Rudi Dutschke feststellt: »Wir wollten die Welt verändern. Es hat aber nicht geklappt – diesmal« (jW, 2.11.2023). »Diesmal« bedeutet: Der Kampf geht weiter. Die Welt hat es nötig, denn »was da geschieht, ist nicht zu ertragen«. Für seine Herrschaft braucht das Kapital den Krieg. Die »eiserne Ferse« – Jack Londons düstere, in die Zukunft weisende Vision der US-amerikanischen Gesellschaft von 1907 – zerstampft den Planeten. Diese »Herren der Welt« suhlen sich in Klimaheuchelei, verteilen giftig-süße »Wohlstands- und Freiheits«-Placebos und können sich dabei (noch) auf die Manipulierbarkeit vieler Bürger verlassen.

Die haben auch zu tun auf den Kriegsschauplätzen ihres Alltags: Wohnungsnot, Mieterhöhung, Wohnungskündigung, Kassenbeitragssteigerungen, hohe Energiekosten, Bittgänge für einen Pflegeplatz. Wie beispielsweise ­Michaela D. aus einem Landkreis in Brandenburg. Sie sagt »alles hängt vom Gelde ab, in den Ämtern interessiert das niemanden und die Gesetze zertreten die Würde des Menschen«. Kein Ende ist abzusehen: demnächst Hauen und Stechen in den bevorstehenden Haushaltsverhandlungen. Der schöne erste Satz des Grundgesetzes wird vom Grundsatz kapitalistischer Wirtschaft »Alles ist Ware« gefressen und wieder ausgeschissen – Abfall. Die schleichende Verwahrlosung wechselt sozial und militärisch in schnellere Gangarten: »Und dann mit Galopp ins Verderben«, sagt René Osselmann sarkastisch.

»Realität der Zeitenwende«

Zu viele Leute resignieren eher, als dass sie auf die Straße gehen. Oder sie wählen rechts. Oder »Wir sind EM« – wir merken nichts mehr. Das führt zurück zum Anfang. Es freut mich, dass der Magdeburger René Osselmann sprachlos ist über den Deal zwischen Fußballern und Rüstungskonzern. Als wir in Magdeburg für diese Serie miteinander gesprochen haben, war Osselmann konkret: Dieses System verdirbt, was es in seine Krallen nimmt. Natürlich weiß er, dass Sport keine Ausnahme bildet: »Fußball-WM zu Weihnachten in der Wüste …! Für Geld tun die alles.« Und nun laufen die Reklamen für Panzer, Patronen und Eichensärge … Finde den Denkfehler. Auf der Konzernseite steht: »Mit dem BVB und Rheinmetall haben sich zwei Partner gefunden, die (…) gut zueinander passen.« Für Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), talentierter Schönredner der Militarisierung, spiegelt der Deal die »Realität der Zeitenwende wider«.

Genau so ist es.

Das war klar: Der Platz wird knapp. So viele Erinnerungen! Am Ende geht es nur noch so: Augen zu und durch. Heißt Streichen wie bei Eva Ruppert, Stefan und Friederike Berking, Christa Kustka – schlimmer geht es nicht und tut weh. Allen Gesprächspartnern danke ich von ganzem Herzen für die Gespräche, für ihre Geschichten und Gedanken.

Von Burga Kalinowski erschien an dieser Stelle zuletzt am 21. Mai 2024 Teil 7.2 der Serie »Unsere Leser«: »Im Ort hieß es, der Junge spinnt.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (21. Juni 2024 um 06:37 Uhr)
    Es war sehr interessant, einige der Leserbriefschreiber, ihre Motive und Geschichte, näher kennenzulernen. Natürlich weiß man schon viel von ihnen, wenn man ihre Diskussionsbeiträge zu den verschiedensten Artikeln der jW regelmäßig verfolgt. Für mich ist die Möglichkeit, politische Vorgänge aus den unterschiedlichsten Perspektiven heraus zu durchdenken, oft eine wundervolle Ergänzung zu den Artikeln selbst. Mehr über jene zu erfahren, mit denen ich da fast täglich »diskutieren« kann, ohne sie je gesehen zu haben, war etwas Wunderbares.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christa K. aus Litschau (20. Juni 2024 um 14:51 Uhr)
    Liebe Burga, innigsten Dank für Ihre Artikel, die gegen die Geschichtsfälschung der »Teutschen Kolonialherren« aufbegehren und so viele Belege über deren Grausamkeit und Unmenschlichkeit festhalten, die unbedingt für die kommenden Generationen bewahrt werden müssen. Unser telefonischer Gedankenaustausch bleibt mir lieb und wert – wir sind in Gedanken im Widerstand gegen die entsetzliche Entwicklung der Geschehnisse – dem unverhohlenem Erstarken des Faschismus in der westlichen Welt – wie Sie sie in ihrem aktuellen Artikel angeführt haben, verbunden.

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