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Programmhinweis

Berti ist schuld

Was hätte uns ein WM-Sieg 1994 alles ersparen können? Die vierteilige Dokuserie »Elf Helden – Ein Alptraum«

Foto: Horstmüller/imago
Wie geil war Jürgen Klinsmann, bitte?

Es begann damit, dass irgendein Idiot meinte, die Reichskriegsflagge unter den Fernseher hängen zu müssen. Richtig, damals hieß Public Viewing noch Kneipengucken, statt einer Leinwand mit Beamer gab es nur ein Fernsehgerät, das nicht mal größer war als das zu Hause. Das war im Juni 1992, genauer gesagt am Freitag, den 26., Deutschland stand im Finale der Europameisterschaft in Schweden gegen Dänemark.

Es war das erste Spiel, bei dem ich gegen und nicht für Deutschland war. Die Fahne unter dem TV-Gerät war ein Anlass, aber nicht der einzige Grund. Schaut man sich jetzt die NDR-Doku »Elf Helden – ein Alptraum« an, die in der ARD-Mediathek zu sehen ist und am Sonntag direkt nach dem ersten Deutschland-Spiel im Ersten lief, fallen einem recht schnell die anderen Gründe wieder ein: Allen voran Berti Vogts, der mit seiner eigenartigen Mischung aus Helmut-Kohl-Affiziertheit, Bauernschläue, Nachkriegsmuffigkeit und hörbarer Sprachbehinderung die Identifizierung mit seinem Team schwer machte.

Aber auch sein Team bestand nicht unbedingt aus Sympathieträgern: Großmaul Stefan Effenberg, dessen Stinkefinger an die Fans hier eine eigene Episode gewidmet bekommt. Bild-Fachmann Lothar Matthäus, dem der Ruhm der WM 1990 sichtbar zu Kopf und allmählich in den Schwanz gestiegen war. Mario Basler, kurz vor der einsetzenden Endverblödung. Matthias Sammer, genannt Motzki, der sich in den USA 1994 noch zurückhalten musste, weil er der eine Quotenossi war (der andere war Ulf Kirsten, zwei veritable Kicker). Und Jürgen Klinsmann, der in einer anderen, im Vergleich äußerst öden Fußballreportage dem »Tagesthemen«-Mann und Italien-Fan Ingo Zamperoni ins Mikrofon schwäbelte, dass Fußballer die Aufgabe hätten, ein gutes Turnier zu spielen und sonst nichts.

Sie alle, dazu noch Torhüter Bodo Illgner, gesegnet mit Problemspielerfrau Bianca, und Rudi Völler, der hier ausnahmsweise fast ohne Text auskommen muss, bildeten ein Team. Das Team mit dem von Medien und Nation erteilten Auftrag Titelverteidigung. Die Hybris dieser Mannschaft, die einem aus den alten Bildern entgegenquillt, ist wirklich enorm. Noch schlimmer ist nur die Hybris der deutschen »Presselandschaft«, was im wesentlichen die Käseblätter des Springer-Konzerns und die damals noch sehr intensiv stiefelleckende Bagage des öffentlich-rechtlichen Fernsehens meint. Und so dreht sich diese doch sehr sehenswerte Doku darum, wer denn schuld war am Versagen.

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Die Antwort war und ist klar: Berti Vogts. Sicher, er hatte auch unter dem Größenwahn und den Intrigen seines Vorgängers »Kaiser« Franz zu leiden, der hier als weiterer Bösewicht fungiert. Doch der »Terrier« hat, die Doku lässt kaum einen anderen Schluss zu, nicht viel und doch alles falsch gemacht. Er hat die Spielerfrauen ausgesperrt, hat auf altbackenen Malente-Mythos statt zeitgemäße Luxusvorbereitung gesetzt, hat versucht, aus vielen Einzelunternehmern ein Team zu basteln. Es musste quasi schiefgehen. Effenberg, der nach dem Hitzekick gegen Südkorea (3:2) nach Hause fliegen musste, war so gesehen ein Bauernopfer, das ihm, also dem Bundes­berti, hinten raus auch nicht viel gebracht hat.

Und doch erzählt dieser Vierteiler nebenbei noch ein, zwei andere Geschichten. Zum einen: Was wäre denn gewesen, wenn die Deutschen im Turnier nur ein bisschen mehr von dem Glück gehabt hätten, das sie 1990 hatten? Die Parallelen sind offenkundig: Es gab das befreiende Achtelfinalspiel, 1990 das hässliche 2:1 gegen die Niederlande, 1994 war es ein 3:2 über Belgien. Es gab das Viertelfinale gegen eine Mannschaft aus (Süd-)Osteuropa. Wie 1990 gegen die ČSSR ging das DFB-Team gegen die Bulgaren durch einen Lothar-Elfer mit 1:0 in Führung, wie 1990 war es eher ein Krampfspiel. 1990 ging es gut, 1994 nicht. Vielleicht war das der ganze Unterschied. Denn auch 1990 war nicht alles Gold, was glänzte – das Halbfinale gegen England gewann man mit Mühen im Elfmeterschießen, das Finale gegen Argentinien durch einen halb geschenkten Elfmeter.

1994 hätte es auch so laufen können: 1:0 gegen Bulgarien, dann Hitzeschlacht gegen Italien, Elfmeterschießen. Wer es gesehen hat, weiß noch, was für ein fast surreales Gekicke das Finale zwischen Italien und Brasilien war. Ein deutsches Spiel ohne Deutschland. Die These ist fast rund: Der Bundesberti hätte mit der glücklichen Titelverteidigung alles richtig gemacht, das Versöhnungsturnier in England 1996 hätte es gar nicht gebraucht, es wären uns vielleicht sogar weitere bleischwere Jahre Helmut Kohl erspart geblieben.

Was man hier außerdem noch sehen kann: Was für ein geiler Stürmer Klinsmann war. Sein 1:0 gegen Südkorea – phänomenal. Und: Was für eine brutale Hitze schon damals, sozusagen vor dem offiziellen Einsetzen des Klimawandels, in den USA herrschte. Lehrstunden des Fußballs – Leute, es herrscht die Pflicht, sich diese WM-Doku einmal anzusehen. Just do it.

→»Elf Helden – Ein Alptraum«, Regie: Manfred Oldenburg, BRD 2026, vier Folgen à 45 Min., in der ARD-Mediathek

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 16, Sport

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