Seilbahn ins Nichts
Stefan Heuer nimmt den angekündigten Tod eines Freundes zum Anlass für ein virtuoses Langgedicht
Ein gutes Buch ist immer auch ein gut gemachtes Buch: Wie liegt es in der Hand, wie lässt es sich blättern, wie ist es um die Lesbarkeit bestellt, was bietet der Einband dem Auge, gibt es passende Bilder im Innenteil und so weiter. Bei dem Lyrikband von Stefan Heuer »und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul« aus dem Elif-Verlag handelt es sich hinsichtlich dieser Details um einen gelungenen Wurf. Gut gemacht ist insbesondere der Umschlag mit der gemeinsam von Stefan Heuer und Ihsan Topaloglu gestalteten Titelgrafik, worin dunkle Quader und eine grüne, sich windende Schlange den Gedichtanfang visuell vorwegnehmen, in dem ein Gott oder Halbgott, kurz darauf Hiob, auftritt. Die Szene ist ein Langgedicht auf 80 Seiten in Hardcover mit Fadenheftung, die Schrift serifenlos in konsequenter Kleinschreibung auf nicht allzu dünnem Papier, welches die in tiefem Schwarz und Graustufen gehaltenen Collagen des Autors, die das Poem in Abschnitte gliedern, sehr gut trägt.
Es dauert keine Stunde, das Buch zu lesen, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass der Wunsch auftaucht, erneut nachzulesen, weil die Wortessenz länger nachklingt. In diesem Buch vermittelt der Autor seine Erfahrung mit einem angekündigten Tod, mit einer knappen Frist, die am Ende kürzer als vorausgesagt sein wird. Die Ursache des nahen Sterbens bleibt dezent im Dunkeln, aber es gibt Andeutungen, zum Beispiel »schatten auf der lunge«, die darauf schließen lassen, dass es Ähnlichkeiten gibt zum Tod von Heiner Müller, der mit 66 Jahren einem Krebsleiden erlag. In der »NOTIZ 409« aus dem Oktober 1995 bezeichnete Müller in drittletzter Zeile den Tod als »[d]as letzte Abenteuer«. Indirekt schließt die Lyrik von Stefan Heuer an diesen Gedanken an, indem sie das Leben als eine »seilbahn ins nichts« lesbar macht.
Was bei der Lektüre und bereits zuvor in Körper und Geist mitschwingt, sind die sparsamen Hinweise zur Entstehung des Textes auf der Umschlagrückseite: »Ein zufälliges Wiedersehen nach Jahren« mündet in die Hiobsbotschaft von schwerer Krankheit und absehbar kurzer Restlebenszeit. Heiner Müller nennt in seinem Entwurf aus dem Nachlass »DAS DUELL« den Tod »das Kraftfutter der Poesie«, und als hätte Stefan Heuer sich diesen Ausdruck zu eigen gemacht, steigt er ein in die poetische Bewältigung des zu frühen und allzu schnellen Todes seines Freundes mit starken Metaphern und einem stimmigen Sound: »kein adler am himmel, alle schakale in ihren erdlöchern. (…) verbrannte erde, und schon morgen kommt die asche an den flieder.« Heuer, der nicht nur als Verfasser tiefgründig-schnörkelloser Texte, sondern auch unter anderem als Collagist und Mail-Artist bekannt ist, hat viele seiner Werke, wenn nicht sogar die Mehrzahl von ihnen, in Kooperation mit anderen Künstlern hergestellt, beispielsweise mit den Schriftstellern Urs Böke und Frank Milautzki oder grafische Ausgaben mit Boris Kerenski und Sabine Remy.
Bei den Versen im aktuellen Band handelt es sich um Erinnerungsprotokolle, rekonstruiert und aufgenommen in Gesprächen am Krankenbett, wofür es (neben den oben genannten Collagen mit der Symbolik von Audioabspielgeräten) mehr als ein Indiz gibt: »palliative therapie, sagt er.« – »besuch betritt das zimmer, besuch verlässt das zimmer.« – »die nachtschwester schaukelt und schweigt.« – »dies ist meine rechte hand, und dies sind meine tränen.« – »pausentaste, toilette, aber das sofa bei rückkehr noch warm.« – Damit ist »und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul« nicht bloß ein Lehrstück in Empathie, sondern wiederum ein kollaboratives Werk, das dem Freund und Koautor postum gewidmet ist.
In einer Titelzeile nebst Fortsetzung eines Gedichtentwurfs fragte Heiner Müller, was der Tod eines einzelnen zu bedeuten habe angesichts des dystopischen Daseins allzu vieler Erdenbewohner: »Wie kann sich aufhalten beim Tod eines Menschen / Wer an die Menschheit nicht denken will die Versammlung / Der Lebenden + Toten«. In dem Text von Stefan Heuer ist »schlussendlich das wissen (…) um das große ganze« zwar unvollständig versammelt, jedoch in spürbarer, gedanklich anschlussfähiger Weise zu Hause. Das Buch ist nicht nur ein Kaleidoskop von privaten Erinnerungen; mit jedem Schütteln (hier: Blättern) wandeln sich die Eindrücke, Nebulöses wird klar, Klares verschiebt sich ins Unbestimmte, auf jeder zufällig aufgeschlagenen Seite ist Unerwartetes zu entdecken, zeigen sich erstaunliche Verflechtungen, waltet eine Sicht auf die Dinge, welche über die persönliche Dimension hinausweist, in einer deutlichen Sprache, die vermeintliche Banalitäten erstrahlen lässt: »du preist die einfachen dinge; die sportschau im ersten, die bratwurst mit sauerkraut (…), den verzicht auf lametta. im gegenzug die prophezeihung und ihr niedergang, der in den pfützen vertrocknende laich.«
Der Text lebt von verbalen Repetitionen, dem Déjà-vu-Effekt ähnlich; wir kennen das von Mehrfachbelichtungen aus der Fotografie. Wiederholt auftauchende Orte, Dinge, Situationen, durchsetzt von medialen Einsprengseln – Filme, Bücher, Schauspielernamen –, zusammengehalten von Bäumen, »die (…) uns keine antwort schuldig [bleiben]« und unzähligen Tieren, die wie Geister durch die Zeilen huschen: Adler, Schakale, Kamele, Hühnerknochen, Mückenschwärme, Rehe, Raben, Goldfische, Eichelhäher, Elstern, Minischildkröten, Käfer, Lerchen, Ziegen und Schafe, Eichkater und Häsin, Wühlmäuse, Schlange und Mungo, Blindschleichen, Zander und Plötzen, Kormorane, schnatternde Gänse, Fledermäuse, Motten und Spinnen, Ameisen und Würmer, Paviane, Eichhörnchen, Krähen, Spatzen »und der python, (…) nie das krokodil. (…) die schwäne haben nichts mehr zu befürchten.«
Virtuos formt Stefan Heuer aus der Erfahrung »Sterbebegleitung« einen Gedächtnisspeicher, indem er nicht nachlässt, »davon zu schreiben, den fuß vor den anderen zu setzen, den alltag zu durchschreiten, bis vom weg nichts bleibt.«
→ Stefan Heuer: und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul. Elif-Verlag, Nettetal 2026, 80 Seiten, 20 Euro
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
