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Kunst

Porträts in verhaltener Farbigkeit

»Zwischen Wirklichkeit und Traum«: Eine Ausstellung über den Spätexpressionisten Otto Gleichmann im Sprengel-Museum Hannover

Foto: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover
Otto Gleichmann, »Porträt Hans Koch«, 1919, Öl auf Baumwolle

Der späte Expressionist Otto Gleichmann wird im Sprengel-Museum Hannover mit einer Ausstellung und einem umfangreichen Katalog erneut gewürdigt. Auch wenn es 1987 und 2001 im selben Haus bereits ihm gewidmete Ausstellungen gegeben hatte, war er eher nur lokal bekannt, obwohl er in den 1910er und 1920er Jahren von bekannten Galeristen wie Alfred Flechtheim, Karl und Josef Nierendorf des öfteren ausgestellt worden war. Nun also der dritte Versuch des Sprengel-Museums, dem Werk mit Zeichnungen und Gemälden, Porträts, Straßenszenen, Landschaften und Katzenbildern in verhaltener Farbigkeit, manchmal mit deutlich kubistischen Zügen, eine stärkere Resonanz zu verschaffen. Die Kuratorin und Herausgeberin des begleitenden Kataloges, Karin Orchard, setzt das Werk klugerweise in den Kontext seiner Zeit und umrahmt es mit Gemälden und Grafiken seiner zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen, darunter auch seine Ehefrau Lotte Gleichmann-Giese.

Die Gesichter der Menschen, die im Zentrum von Otto Gleichmanns malerischem und zeichnerischem Werk stehen, sind ernst, traurig oder zumindest nachdenklich. Sie bestätigen seine Selbstbeobachtung, dass der Erste Weltkrieg als furchtbare und existentielle Erfahrung sein Werk geprägt haben muss. Auch auf den beeindruckenden Kreidezeichnungen, in denen er Menschengruppen mit zarten Strichen umreißt und manche Flächen dicht schraffiert, ist der kollektive Gestus der Figurenensembles ernst und deprimiert. »Der Krieg brachte das innere Erlebnis und war von grundlegender Bedeutung für die weitere Entwicklung. Hatten auch schon vorher (1913/14) meine Arbeiten z. T. expressiven Charakter, so bringen doch erst die Jahre 1916/17 meine Eigenart«, schrieb er.

Der zeichnerische Duktus erinnert manchmal an George Grosz, freilich ohne dessen politische Pointierung. Allerdings können die Figuren als »groteske Erscheinungen« (Theodor Däubler) bezeichnet werden. Däubler, der bei den Expressionisten geschätzte Schriftsteller, Kunstkritiker und Freund Gleichmanns, befand 1918 in einem Aufsatz über das Werk des Künstlers: »Sind das noch Menschen? Nein. Gespenster? Keinesfalls! Auch keine Karikaturen … Ausgeburten unsres höllisch gewordenen Daseins!«

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Bei der Ausarbeitung der Gesichtszüge setzt Gleichmann meist auf die verallgemeinerbare Form des menschlichen Antlitzes. Dennoch gibt es Bilder, Zeichnungen und Gemälde, in denen er sein malerisches Können bei der Erfassung charakteristischer Gesichtszüge zeigt. Das gilt für seine Selbstporträts ebenso wie für das Porträt von dem Arzt, Galeristen und Sammler Hans Koch von 1919.

Der 1887 in Mainz geborene Otto Gleichmann wuchs in Strasbourg auf und studierte 1906 ein Jahr bei Peter Behrens in der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. Dann zog es ihn nach Breslau (heute Wrocław), wo er unter anderem 1909 bei Hans Poelzig studierte und dort die Zeichenlehrerprüfung ablegte. Es folgten Studienjahre in Weimar und etwas später, als sein Bruder 1915 schon in Frankreich an der Front umgekommen war, der eigene Kriegseinsatz in Russland und Frankreich. Nach einer Verletzung und der Genesung musste er 1916 an der »Heimatfront« Kriegsdienst im Telegrafenamt in Hannover leisten. 1917 hatte er in Hannover die erste belegbare Ausstellung zusammen mit Gustav Adolf Schreiber im Kestner-Museum. Hannover blieb bis zu seinem Tod sein Wohnort, auch wenn er von 1919 bis 1921 in Erfurt als Lehrer arbeitete. Die Wohnung in der Osterstraße 85, die er 1922 mit seiner Frau Lotte und Tochter Gunda-Anna bezog, wurde »Montmartre von Hannover« genannt, da er, mittlerweile Mitglied der Hannoverschen Sezession, dort viele Freunde und Kollegen, darunter Wassily Kandinsky, Käte Steinitz, Paul Klee, Alexej Jawlensky, Hans Arp, Kurt Schwitters und Tristan Tzara, empfing.

Otto Gleichmann trat nach der Machtübergabe an die Nazis im April/Mai 1933 sowohl in die NSDAP als auch in den »Nationalsozialistischen Lehrerbund« ein, um seinen Beruf als Kunstlehrer weiter ausüben zu können. Es gibt keinerlei Belege für faschistische Überzeugungen. 1936 wurde er aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und mit Ausstellungs- und Malverbot belegt. Gleichwohl stellte er nach dem Krieg Ferdinand Stuttmann, einem Profiteur der antisemitischen Personalpolitik der Nazis, einen Persilschein aus. Stuttmann übernahm die Leitung des Kestner-Museums, weil der Vorgänger Carl Küthmann, Ägyptologe und Numismatiker, wegen seiner jüdischen Ehefrau von den Nazis entlassen worden war. Stuttmann war in mehreren kulturpolitischen Funktionen tätig und dadurch auch in die Arisierungspolitik verstrickt. Dennoch verteidigte Gleichmann ihn im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens: Es sei seinem »entschiedenen Eintreten« zu verdanken, dass die Ausstellung »Entartete Kunst« nicht in Hannover gezeigt wurde, zudem habe er »persönlich immer treu« zu ihm gestanden.

→ »Zwischen Wirklichkeit und Traum: Otto Gleichmann und der Expressionismus in Hannover«, Sprengel-Museum Hannover, bis 1.11.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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