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Metall- und Elektroindustrie

Metaller fordern, Mercedes droht

IG-Metall-Tarifkommissionen erheben Forderungen für die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie. Mercedes-Konzern gibt vor, Standorte schließen zu wollen

Foto: Marijan Murat/dpa
Rund 20.000 Beschäftigte von Mercedes beteiligten sich am Aktionstag der IG Metall am Montag

Was liegt auf der Habenseite? Preisexplosion an der Zapfsäule, bei Mieten und an der Supermarktkasse. Die Beschäftigten in der BRD haben schon seit geraumer Zeit das Nachsehen. In der Metall- und Elektroindustrie haben die Tarifkommissionen der Gewerkschaft IG Metall nun in mehreren Bezirken die Forderungen für die kommende Tarifrunde aufgestellt. Am Dienstag teilten etwa die Bezirke Küste, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sowie Berlin, Brandenburg und Sachsen unisono mit: Erhöhungen der Löhne und Gehälter um fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, tarifliche Gewinnbeteiligung und eine »soziale Komponente« für die unteren Entgeltgruppen.

Der IG-Metall-Vorstand soll die bundesweiten Forderungen für die kommende Tarifrunde an diesem Mittwoch aufstellen. Bei einer Befragung unter rund 267.000 Beschäftigten der Branche, welche die IG Metall vergangene Woche veröffentlichte, erarbeitete sich die Gewerkschaft eine erste Orientierung. Das Ergebnis: Während 35 Prozent der Beschäftigten eine »kräftige« Entgelterhöhung forderten, hätten 47,8 Prozent demnach für eine »moderate« Erhöhung plädiert, teilte die IG Metall mit. Hohe Lebenshaltungskosten, unsichere Rente und Gesundheit sowie die Zukunft von Arbeitsplatz und Betrieb trieben die Metaller zuletzt um.

Die aufgestellte Forderung der Kommissionen ist zurückhaltender als in der letzten Tarifrunde, gefordert waren damals sieben Prozent auf zwölf Monate Laufzeit. Herausgekommen sind damals etwa fünf Prozent auf 24 Monate. Von Zurückhaltung wollen die Metaller aber nichts wissen. Ihre Befragung in den Betrieben habe gezeigt, »dass es bei allen Herausforderungen für einzelne Unternehmen der Mehrheit in der Metall- und Elektroindustrie gut bis sehr gut geht«, teilte etwa der IGM-Bezirk Berlin, Brandenburg, Sachsen mit. Es gehe auch darum, »Lasten des Umbruchs fair zu verteilen«: »Wenn Unternehmen hohe Gewinne einfahren, müssen sie ihre Beschäftigten daran beteiligen.«

Das klingt vernünftig, ist aber undeutlich. So erklärte etwa der IGM-Bezirk Küste, die Lage der Branche sei »derzeit sehr unterschiedlich«. Es gebe einige Betriebe die »gut ausgelastet sind und solide Ergebnisse erzielen«, während andere »vor großen Herausforderungen stünden«. Ersteres dürfte etwa den Schiffbau und Rüstungsbetriebe betreffen, wo Beschäftigte derzeit eine besonders gute wirtschaftliche Lage wahrnehmen würden. Auf der anderen Seite würden die Beschäftigten in der Autoindustrie aktuell »um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und Standorte« kämpfen, teilte die IG Metall weiter mit. Das galt auch schon vor der vergangenen Tarifrunde.

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Nachdem Volkswagen schon 2024 die Standortsicherung in Frage gestellt hatte, holt in diesem Jahr Mercedes die große Drohkulisse auf die tarifliche Bühne. Der Konzern könne zwei Werke in Deutschland dichtmachen, sollten »die Arbeitskosten nicht reduziert werden«, wie Produktionsvorstand Michael Schiebe auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen erklärte. Ein Sprecher bestätigte dies am Dienstag auf jW-Anfrage. Es sei indes »niemandes Ziel, Standorte zu schließen«, so die Aussage. Auch Mercedes wolle diese »erhalten«. Die aktuelle Debatten um Arbeitszeiten und Standorte, werde mit dem Betriebsrat geführt und seien »kein Teil der Tarifverhandlungen, sondern laufen parallel dazu«.

Welche Wirkung solche Aussagen unmittelbar vor der Tarifrunde erzielen, das hatte VW schon vor zwei Jahren vorgeführt. Stück für Stück kündigte der Konzern mehr Stellenkürzungen und Kahlschlag an, obwohl er im Halbjahr 2024 einen Betriebsgewinn von mehr als zehn Milliarden Euro erzielt hatte. Dennoch stehen mehrere VW-Werke zu Beginn der 30er Jahre zur Disposition. Das Betriebsergebnis des Mercedes-Konzerns lag in den ersten sechs Monaten übrigens bei mehr als 2,5 Milliarden Euro.

Wenn Unternehmen hohe Gewinne einfahren, »dann müssen sie ihre Beschäftigten daran beteiligen«, erklärte IG-Metall-Bezirksleiter Jan Otto am Dienstag. Und wie hoch müssen sie dafür sein? Und wer bestimmt das? Schon Mitte August hatte IG-Metall-Chefin Christiane Benner im Interview mit der Wirtschafstwoche die Bereitschaft für Zugeständnisse erklärt, wenn es Unternehmen schlechter gehe und wenn von den Konzernen dafür Investitionen, Produktzusagen und Beschäftigungssicherung gemacht würden.

Die Resolution der Vertrauensleute von Untertürkheim forderte im Juni dagegen gewerkschaftlichen und politischen Kampf von der Führung. Sie sprach sich gegen den Sozialkahlschlag der Regierung, gegen Kriegsvorbereitungen und gegen die Zurückhaltung der Gewerkschaftsführungen aus. Gerade bei Mercedes gibt es deutlich kämpferischere Stimmen der Gewerkschaft. Können sie sich in der Tarifrunde Gehör verschaffen, kann mehr für alle Beschäftigten herauskommen. Auch auf der Habenseite.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.09.2026, Seite 5, Inland

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