Der halbierte Zeus
Hans Traxler und die Titanic
Als Hans Traxlers Großmutter Katherina starb, erzitterte das alte Haus, in dem sie lebte, unter einem gewaltigen Donnerschlag. »In den Stuben wurde es dunkel, der Himmel war pechschwarz, es donnerte und grollte unaufhörlich, von allen Seiten zuckten die Blitze, und dann fing es endlich an zu regnen.« So beschreibt es jedenfalls der Enkel in seinen 2019 erschienenen Kindheitserinnerungen.
Am 24. August ist nun der Zeichner und Autor Hans Traxler selbst gestorben, im Alter von 97 Jahren. Ob es anlässlich des Todes des Mannes, der der letzte der großen Zeichner der sogenannten Neuen Frankfurter Schule (NFS) war, ähnliche Naturerscheinungen gegeben hat, ist nicht überliefert. Eigentlich wäre das nur recht und billig, aber vielleicht sterben die Menschen im Zeitalter des Klimawandels auch unspektakulärer. Auf jeden Fall folgten seinem Tod zahlreiche Nachrufe in allen relevanten deutschsprachigen Feuilletons.
Das Wesentliche zu Hans Traxlers Leben und Werk ist also bereits gesagt, so dass ich an dieser Stelle ruhig eher Unwesentliches nachtragen darf. Zum ersten Mal begegnete mir Traxler beim Herummöhlen auf dem elterlichen Dachboden, wo der jüngste Bruder meiner Mutter seine Pardon-Sammlung aus den Sechzigern vorübergehend gebunkert hatte. Naturgemäß verstand mein Teenie-Ich noch nicht viel von den Inhalten dieses die deutsche Zeitungslandschaft verändernden Satiremagazins, das 1962 Traxler mitbegründet hatte. Aber die Art und Weise, wie da jemand, der Hans Traxler hieß, den amtierenden Papst Paul VI. als »Pillen-Paul« zeichnete und ridikülisierte, gefiel mir außerordentlich.
Im Olymp
Als ich Hans Traxler im Juni 1986 dann persönlich kennenlernte, wusste ich schon deutlich mehr über ihn. Ein paar Jahre zuvor hatte er mit einigen Zeichner- und Autorenkollegen Pardon verlassen und das Blatt gegründet, bei dem ich gerade ein Volontariat begann: Titanic. Inzwischen war er zu einem echten Zeichnerstar avanciert, denn zusammen mit Pit Knorr hatte Traxler 1982 »Birne« erschaffen: die Karikatur des frischgebackenen deutschen Kanzlers Helmut Kohl. Begriff und Traxlers Birnenzeichnungen wurden bald ikonisch, und wenn man dereinst rein gar nichts mehr von der Kohl-Ära erinnern wird, dann doch, dass dieser Kanzler birnenförmig war.
Für mich aber verwandelte sich Hans Traxler an diesem 4. Juni 1986 aus ganz anderen Gründen in eine Lichtgestalt. Er war in die Titanic-Redaktion gekommen, um ein paar Zeichnungen abzugeben, und da er Zeit seines Lebens eine freundliche und an allem interessierte Person war, plauderte er sogar mit mir, dem unbekannten Neuling aus Bielefeld. Ich erinnere mich, dass ich den leise sprechenden Mann auf Anhieb sehr sympathisch fand. Aber dann erzählte er noch etwas, das ihn für mich von einem Moment auf den anderen weit über alle anderen Mitglieder der NFS erhob.
Hans Traxler war nämlich nicht nur ein begnadeter Zeichner, sondern auch ein ebensolcher Autor. Schon 1963 hatte er das Buch »Die Wahrheit über Hänsel und Gretel« geschrieben, das seinerzeit ein großer Bestseller wurde, den man sogar ins Japanische übersetzte. In dieser Wissenschaftsparodie behauptete der Autor recht überzeugend, ein Forscher namens Georg Ossegg habe herausgefunden, dass Hänsel und Gretel in Wirklichkeit keine Opfer gewesen seien, sondern Täter. Bei den beiden habe es sich auch nicht um Kinder gehandelt, sondern um erwachsene Kuchenbäcker aus Nürnberg. Die hätten die vorgebliche Hexe, in Wahrheit eine junge Frau, wegen eines Lebkuchenrezepts ermordet und anschließend in einem Ofen verbrannt.
Das Buch hatte in den Sechzigerjahren ziemliche Wellen geschlagen, und viele Menschen hatten die spektakuläre neue »Wahrheit« tatsächlich geglaubt. Und jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, so berichtete mir Traxler an jenem Tag im Juni, sollte es sogar verfilmt werden. »Den Forscher Ossegg spielt dieser französische Schauspieler Jean-Pierre Léaud. Vielleicht fahre ich mal hoch nach Hamburg und schüttle ihm die Hand.«
Das war der Satz, der mich umhaute. Ich verehrte Jean-Pierre Léaud damals wie kein anderes Wesen auf diesem Planeten. Ich hatte den ganzen, unter der Regie von François Truffaut gedrehten Zyklus mit Léaud als Antoine Doinel in der Hauptrolle rauf und runter gesehen, und seitdem war er für mich wahlweise mein gefühlter Doppelgänger oder Jesus. Und dieser Mensch, der da vor mir stand, hatte nicht nur die Vorlage für einen Film mit meinem Jesus geschrieben, er gab ihm womöglich sogar bald die Hand. An diesem Junitag fühlte ich mich im Olymp angekommen, und Hans Traxler war für mich Zeus.
Hans, der Halbierer
Natürlich relativiert sich so ein Gefühl über die Jahre, so wie sich alles relativiert, wenn aus dem Aufstieg in den Olymp Alltag wird. Außerdem müssen Idole zwangsläufig fallen, damit Platz für Neues entsteht. Das illustriert die nächste Traxler-Anekdote, die mir allerdings nur zugetragen wurde.
Im Mai 1988 – ich war noch nicht festes Redaktionsmitglied – erschien ein Titanic-Titel zum Thema Genmanipulation. Er zeigte den von Hans Traxler gezeichneten damaligen deutschen Forschungsminister Heinz Riesenhuber als riesenhaftes Monster, vor dem die Menschen mit dem Entsetzensschrei »Riesen Huber!« fliehen. Eine, wie ich auch heute noch finde, nicht besonders originelle, weil zu naheliegende Illustration der Gefahren der Genforschung.
Die Idee stammte vermutlich vom damaligen Chefredakteur Bernd Fritz, der ihre Umsetzung bei Traxler in Auftrag gegeben hatte. Als der Rest der Redaktion den fertigen Entwurf sah, war er entsetzt. Ohne Bernd Fritz zu informieren, beauftragte man den jungen Achim Greser mit einem Alternativentwurf. Das war Blasphemie. Natürlich glückte dieser Miniputsch der Restredaktion gegen den Chef und die Zeichnerikone nicht, und der Traxler-Titel wurde gedruckt.
Als ein Vierteljahr später allerdings die Verkaufsstatistik des Vertriebs kam, war der Triumph der Restredaktion groß. Ausgerechnet der Riesenhuber-Titel hatte sich enorm schlecht an den Kiosken verkauft. Im Vergleich zu den anderen Heften dieses Jahres hatte sich die verkaufte Auflage nahezu halbiert. Ob das nun wirklich an der Titelidee lag, konnte man natürlich nicht hundertprozentig sagen. Doch als Robert Gernhardt diese Tatsache hinterbracht wurde, kicherte er bloß amüsiert: »Hihi, Hans, der Halbierer, also.« Damit hatte Traxler seinen Spitznamen in der Redaktion weg. Aus dem Zeichnerstar war Kassengift geworden.
Der Abwesende
Traxler selbst dürfte nie erfahren haben, wie man ihn von nun an in der Redaktion nannte. Oder vielleicht doch? Jedenfalls erschien nach dem Riesenhuber-Titel nur noch ein einziges von Traxler gezeichnetes Titanic-Cover, im Juli 1988, und danach war Schluss. In einem zwanzig Jahre später erschienenen Interview im österreichischen Standard begründet der Zeichner diesen Rückzug allerdings anders: »Ich habe 1988 mein letztes Cover für die Titanic gezeichnet und damit sozusagen meine Dienstzeit als politischer Karikaturist beendet (…) Im politischen Geschehen (…) wiederholen sich die Themen in einem gewissen Turnus, nur die Akteure sind andere. Das hat mich nach bald 30 Jahren bei Pardon und Titanic ganz schön gelangweilt.«
Das war wohl auch der Grund, weshalb ich Traxler viel seltener sah, als ich im Frühjahr 1989 als fester Redakteur bei der Titanic anfing. Während meines Volontariats im Sommer 1986 war er noch regelmäßig zu den montäglichen Redaktionskonferenzen gekommen und danach mit in den »Hexenkessel«, damals das Stammlokal der Redaktion. Hier hatten Chlodwig Poth und er gerne von alten Pardon-Zeiten erzählt, vorzugsweise Schnurren über den Herausgeber Hans A. Nikel, der zwischenzeitlich von der Satire zur Transzendentalen Meditation übergelaufen war. »Er wollte mir mal zeigen, wie man nach einer intensiven Meditation wirklich richtig fliegen kann«, erzählte Traxler. »Das war aber mehr eine tollpatschige Hoppserei.« Außerdem habe ihm der Verleger ein Bett schenken wollen. »Natürlich nicht ohne Hintergedanken. Die Bedingung war, dass dort ab und zu auch ›jemand anderes‹ übernachten durfte.« Von 1989 an musste Chlodwig Poth das Erzählen der Pardon-Anekdoten alleine übernehmen.
Der Bruch
Wer das inzwischen auf über sechzig »ständige Mitarbeiter/innen« angeschwollene Impressum der heutigen Titanic aufmerksam liest, wird feststellen, dass es auch die Namen von neun längst verstorbenen »ewigen« Beiträgern enthält, darunter die der Heftgründer Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und F. K. Waechter. Ein Name aber fehlt: Hans Traxler. Der ließ sich nämlich 1990 aus dem Impressum streichen; seit dem Dezemberheft desselben Jahres taucht er nicht mehr auf. Die genauen Umstände dieser Streichung können hier nicht dargelegt werden. Das Schreiben, mit dem Traxler der Titanic die Zusammenarbeit aufkündigte und das Hans Zippert in einem Titanic-Sammelband dokumentierte, musste nach Intervention des Zeichners geschwärzt werden. Aber es ist klar, dass Traxler, der inzwischen vorwiegend für das Zeit-Magazin zeichnete, mit der zum Teil doch sehr krawalligen Komik, der wir uns damals bei Titanic befleißigten, nicht mehr einverstanden war.
Die passte eigentlich nie zu seinem Naturell. So distinguiert, wie er sich gab, sprach und kleidete – gerne trug er Tweedsakkos und eine dazu passende Schiebermütze –, machte er auf mich eher den Eindruck eines englischen Landadligen als den eines linken Bohemiens, einem Milieu, dem die meisten Titanic-Redakteure entstammten. Und natürlich haben wir uns Zeit seines Lebens gesiezt. Sogar ein NFS-Mitglied wie Bernd Eilert tat das: »Als ich Hans Traxler im Jahre 1970 kennenlernte«, schrieb das jüngste NFS-Mitglied zu Traxlers Tod in der FAZ, »gehörte er zu den wenigen Menschen im Umkreis der später sogenannten Neuen Frankfurter Schule, die ich bedenkenlos gesiezt habe. So habsburgisch souverän trat er auf, makellos wie seine Zeichnungen.« Entsprechend war auch seine Haltung zu Satire, Komik und vor allem zu Kunst- und Gesellschaftskritik. Ein Kritiker, so dekretiert Traxler in seinen Kindheitserinnerungen, solle »in seinen Einwänden maßvoll, bescheiden und vorsichtig bleiben.« Und das blieb Titanic – zumal in den Wendejahren Anfang der Neunziger, in denen wir Karl-Eduard von Schnitzler als Kolumnisten verpflichteten und einen erschossenen Helmut Kohl auf den Titel packten – nun wirklich nicht.
Ein famoser Herr
Konsequenterweise zeichnete Traxler ab 1997 für die FAZ. Das tat der Qualität seiner Arbeit keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mit seinen freundlich-ironischen, nur noch selten spöttischen Cartoons, Gemälden und Geschichten schien Traxler eine Form gefunden zu haben, die seiner ausgeglichenen Persönlichkeit mehr entsprach. Diese Entwicklung hat sich offenbar auch auf seine Produktivität ausgewirkt. Seit 1990 bis zu seinem Tod veröffentlichte er 35 eigene Bücher, wozu noch 26 Illustrationen fremder Bücher kamen; in den knapp dreißig Jahren zuvor waren es insgesamt nur elf gewesen. Zwar waren unter den Post-Titanic-Büchern auch welche, die wir in der Redaktion als etwas zu harmlos belächelten, wie »Aus dem Leben der Gummibärchen« von 1994. Doch als dieses Buch nicht nur in Deutschland ein großer Erfolg wurde, sondern als erstes deutsches Cartoon-Buch überhaupt auch ins Amerikanische übersetzt wurde, hatte es uns Traxler gezeigt: Aus Hans, dem Halbierer, war erneut ein Bestsellerautor geworden, der einen Nerv traf (den allerdings die Titanic gar nicht treffen wollte).
Mit den Jahren der Trennung verbesserte sich das Verhältnis zwischen dem Zeichner und der Redaktion wieder. Ein wirkliches Zerwürfnis hatte es auch nie gegeben, sondern eher einen längeren Entfremdungsprozess. Dass Zeichner und Titanic wieder näher zusammenrückten, daran hatte sicher das Museum »Caricatura für Komische Kunst« in Frankfurt seinen Anteil, das im Jahr 2000 gegründet wurde, zunächst als Abteilung des Historischen Museums. Hier stand nicht das Trennende der einzelnen Stile und Persönlichkeiten, sondern die gemeinsame Tradition der Neuen Frankfurter Schule im Vordergrund. Das Caricatura-Museum verstand es auch, Zeichner mit ins Museumsboot zu holen, denen die NFS eher kritisch gegenübergestanden hatte. Als Symbol der neuen Harmonie kann vielleicht die bronzene Elch-Skulptur gelten, die von Hans Traxler geschaffen wurde und die bei der Eröffnung des nunmehr eigenständigen Museums im Jahr 2008 enthüllt wurde.
Nach dem Tod der anderen großen Zeichner der NFS, Chlodwig Poth (2004), F. K. Waechter (2005), Robert Gernhardt (2006) und F. W. Bernstein (2018), übernahm Hans Traxler als letzter noch lebender Zeichner der Gruppe die Rolle ihres unangefochtenen Doyens. Diese Entwicklung habe ich nur noch aus der Ferne mitbekommen, da ich zu dieser Zeit hauptsächlich in Beijing lebte. Doch hatte ich den Eindruck, dass von nun an das Verhältnis von Redaktion und Zeichner nur noch von gegenseitigem Respekt geprägt war.
Das letzte Mal, dass ich den großen Mann persönlich traf, war im Januar 2004. Traxler hatte mich und einige andere zu sich nach Hause eingeladen, um einen Film zu sehen. Es handelte sich um »Der Bockerer« (1981) von Franz Antel. Kein besonders guter Film. Doch um die Qualität des Films war es Traxler wohl auch nicht gegangen. Viel wichtiger war ihm, dass er dem Regisseur einmal persönlich begegnet war und der alles gehabt hatte, was Hans Traxler an einem Mann schätzte: »Ein wirklicher Herr von famosem Aussehen.«
Eine Beschreibung, die ohne Abstriche auch für Hans Traxler selbst gelten konnte. Ein wirklich famoser Herr, der obendrein mit zunehmendem Alter immer famosere Bücher schrieb und zeichnete. Aus dem schönsten seiner späten Bücher, den Kindheitserinnerungen mit dem Titel »Mama, warum bin ich kein Huhn?«, habe ich hier mehrmals zitiert. Es besteht aus kurzen, mit je einer Zeichnung illustrierten Texten, die Kindheitserlebnisse so konkret und plastisch schildern, dass man fast glaubt, man habe sie selbst erlebt. Vielleicht ist es die anrührendste Kindheitsbiographie, die ich je gelesen und betrachtet habe.
Leider hat Traxler diesen biographischen Ansatz nicht weiterverfolgt und ein ähnliches Buch über sein erwachsenes Leben gefertigt. Sonst wüsste ich vielleicht inzwischen, was mich seit nunmehr 40 Jahren umtreibt: Ist Zeus Traxler 1986 tatsächlich nach Hamburg gefahren, um Jean-Pierre Léaud die Hand zu schütteln? In meiner Vorstellung hat er es getan. Und das ist das, was für mich zählt.
Denn am Ende denkt man sich sein Gegenüber ja immer auch selbst aus, besonders in einem Nachruf, wenn der Gewürdigte nichts mehr dementieren kann.
Christian Y. Schmidt war von 1989 bis 1996 Redakteur des Satiremagazins Titanic und ist seitdem freier Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm das »Lesebuch Christian Y. Schmidt« und der Reisebericht »Der lange Fahrrad-Marsch. 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte« (mit Volker Häring). An dieser Stelle würdigte er in der Ausgabe vom 7./8. Januar 2023 die Satirezeitschrift Pardon.
Zum Autor: Christian Y. Schmidt
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