Aus der Perspektive des Bildes
Von Herbert Bauch
Im vergangenen Jahr wurde der famose Zeichner und ehemals als bissiger Karikaturist bekannte Luz mit dem Fauve d’Or, dem wichtigsten Comicpreis Frankreichs, ausgezeichnet. Rénald Luzier, so sein bürgerlicher Name, erhielt ihn für seine Graphic Novel »Le Grand Incendie«, die unter dem Titel »Zwei weibliche Halbakte« inzwischen auf Deutsch vorliegt. 2016 war Luz beim Erlanger Comicsalon mit dem Spezialpreis im Rahmen des Max-und-Moritz-Preises gewürdigt worden – für seinen Band »Katharsis«, in dem er den Terroranschlag vom 7. Januar 2015 auf das Satiremagazin Charlie Hebdo verarbeitete. Luz gehörte der Redaktion an, war aber zum Zeitpunkt des Überfalls nicht anwesend. Er, der am 7. Januar 1972 in Tours Geborene, hatte an seinem Geburtstag die Redaktionssitzung verschlafen. Im Mai desselben Jahres verließ er die Redaktion. Es war ihm unmöglich geworden – nach dem Tod von acht Kollegen – weiterhin als politischer Karikaturist zu arbeiten, und so wendete er sich einem anderen Genre zu.
»Zwei weibliche Halbakte« greift ein düsteres Kapitel der deutschen Kunstgeschichte auf: die Verfolgung »entarteter« Künstlerinnen und Künstler im Faschismus und die Stigmatisierung ihrer Werke als »jüdisch« und »bolschewistisch«. Luz verdeutlicht dies am Beispiel des Gemäldes »Zwei weibliche Halbakte« des Expressionisten Otto Mueller (1874–1930). Er lässt uns die wechselvolle Geschichte des Bildes aus einer ungewohnten, gleichwohl äußerst reizvollen Perspektive miterleben. Auf der ersten Seite markieren nur die Jahreszahl 1919 und drei Sprechblasen den Beginn der Story. Mueller unterhält sich mit Maria »Maschka« Mayerhofer, seiner Ehefrau, die ihm Modell steht. Nach und nach werden auf den Folgeseiten Konturen sichtbar, ähnlich wie bei Restaurierungsarbeiten zigmal überpinselter Wandbilder in alten Gemäuern. Luz wählt eine Sichtweise für seinen Plot, die neuartig und spannend ist. Erzählt wird aus der Perspektive des Gemäldes, das die Akteure und deren Handlungen beobachtet. Das Objekt wird somit zum Subjekt und umgekehrt.
Otto Mueller, der sich gerne als »freier Künstler« bezeichnete, wurde 1919 eine Professur für Aktzeichnen in Breslau, dem heutigen Wrocław, angeboten. Er nahm an, verließ Berlin, während Maschka zurückblieb. Bald darauf erfolgte die Scheidung und der Künstler wandte sich anderen »Musen« zu. 1925 erwarb der jüdische Breslauer Anwalt und leidenschaftliche Kunstsammler Ismar Littmann das Gemälde »Zwei Mädchenakte«, das erst 1948 seinen heutigen Titel erhielt. Littmann hängte es in seinem Arbeitszimmer gegenüber einem Fenster auf. Und hier wird besonders deutlich, wie raffiniert Luz seine Geschichte in Szene setzt. Das Gemälde »blickt« aus dem Fenster auf die Straße, sieht, wie die Zahl der Hakenkreuze zunimmt, uniformierte SA-Männer auf Passanten einprügeln. Im September 1930 stirbt Otto Mueller an einer Lungenentzündung; Ismar Littmann vier Jahre später an den Folgen eines Suizidversuchs, er konnte den Repressalien des NS-Regimes nicht mehr standhalten.
Das Gemälde wurde kurz vor einer Teilversteigerung der Sammlung Littmann von der Gestapo beschlagnahmt, landete im Depot und fand sich schließlich 1937 in der Ausstellung für »entartete Kunst« in München wieder. Weitere Ausstellungsstationen für das »entartete« Werk sollten folgen sowie einige Besitzerwechsel. 1942 erwarb es der Sammler Josef Haubrich, der es 1946 der Stadt Köln vermachte. Dreißig Jahre danach fand Haubrichs Sammlung, und damit auch »Zwei weibliche Halbakte«, Aufnahme im Kölner Museum Ludwig. Spät erst stellte man fest, dass es dem jüdischen Sammler Ismar Littmann gehört hatte. An dessen Tochter Ruth wurde das Bild schließlich 1999 restituiert und vom Museum zurückgekauft.
Die Graphic Novel ist ein wahrer Parforceritt durch die Kunstgeschichte von über einhundert Jahren. Sie lässt uns Werken begegnen, die den Weg des Gemäldes von Otto Mueller kreuzten, etwa von den »Entarteten«, Kirchner, Modersohn-Becker und Corinth, um nur drei zu nennen, bis zu Andy Warhol und Niki de Saint Phalle. Sie endet mit einer Gesamtsicht auf Muellers Arbeit, nicht als Reproduktion, sondern als Interpretation des Originals durch Luz. Ein informatives Nachwort der stellvertretenden Direktorin des Museums Ludwig, Rita Kersting, sowie Kurzbiographien der wichtigsten Akteure, eine Chronologie und eine Auswahlbibliographie runden den Band ab.
Luz: Zwei weibliche Halbakte. Aus dem Französischen von Lilian Pithan. Reprodukt-Verlag, Berlin 2025, 192 Seiten, 29 Euro
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