Vor dem Flächenbrand
Krieg in Jemen flammt wieder auf
Hat da jemand gesagt, die Lage im Nahen und Mittleren Osten sei unübersichtlich? Nun, die Vokabel »unübersichtlich« könnte sich nach dem erneuten Aufflammen des Krieges in Jemen rasch als Euphemismus erweisen. Die Kämpfe haben das Zeug, die gesamte Region noch stärker in Flammen zu setzen. Noch recht einfach einzuordnen sind die Motive, die die Huthi-Miliz – die Ansarollah, wie sie korrekt heißt – dazu veranlasst haben, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Zwar haben sie sich im Jemen-Krieg, in dem seit 2022 offiziell ein Waffenstillstand herrscht, behaupten können; doch schränken Saudi-Arabien und die von ihm gestützte offizielle Regierung des Jemen den Verkehr in den Huthi-kontrollierten Häfen und Flughäfen nach wie vor empfindlich ein. Vor allem aber haben die Ansarollah weiter keinerlei Zugang zu den Erdöleinkünften des Landes, die sie eigentlich dringend benötigen, um sich zu finanzieren. Um Druck auszuüben, versuchen sie, saudische Öltanker an der Durchfahrt durch die Meerenge bei Dschibuti (Bab Al-Mandab, Tor der Tränen) zu hindern, und nun haben sie auch noch Saudi-Arabien selbst attackiert.
Das Kalkül der Ansarollah gründet auf der Annahme, Saudi-Arabien habe kein Interesse, ein zweites Mal in einen Krieg in Jemen verwickelt zu werden. Das trifft wohl zu. Den 2015 begonnenen Waffengang konnte Riad nicht gewinnen. Jetzt aber benötigt Saudi-Arabien Ruhe, um seine Wirtschaft in die postfossile Ära zu überführen. Huthi-Drohnen und -Raketen sind da absolut kontraproduktiv. Die Ansarollah hoffen nun also auf Zugeständnisse der saudischen Regierung. Die wiederum kann sich ein simples Einknicken nicht leisten. Aktuell versucht sie, das neue Mekka-Abkommen zu nutzen, das sie mit Pakistan und der Türkei geschlossen hat. Es enthält eine Beistandsklausel, die bei einem Angriff auf eines der Bündnismitglieder die anderen beiden verpflichtet, diesem zu Hilfe zu eilen. Nun haben die Ansarollah Ziele im Süden Saudi-Arabiens attackiert. Pakistan und die Türkei warnen daher, sie könnten, wenn das so weitergehe, zum Eingreifen verpflichtet sein. Der Haken daran: Beide haben wie Saudi-Arabien kein Interesse, in einem neuen Jemen-Krieg zu versumpfen.
Was bleibt ihnen? Vor allem der Appell an Iran, die Ansarollah zur Ordnung zu rufen. Es stimmt: Iran hat einigen Einfluss auf sie. Es stimmt aber auch: Dieser Einfluss hat durchaus seine Grenzen – vor allem dort, wo es um Eigeninteressen der Huthi geht. Und es stimmt drittens, dass die Attacken der Ansarollah auf Saudi-Arabien für Iran nützlich sind; denn sie blockieren die saudischen Erdölexporte nun auch am Bab Al-Mandab und erhöhen den Druck auf Riad, Widerstand gegen den aktuellen Hauptstörenfried im Mittleren Osten zu leisten: gegen die USA. Denn stellen die ihren Krieg gegen Iran ein, dann gäbe es vielleicht Hoffnung, einen Interessenabgleich zwischen Saudi-Arabien und Iran zu erzielen, der dem Mittleren Osten die Ruhe brächte, die dort alle brauchen. Das Problem: Die auf allen Seiten verbreiteten Kalküle können aus vielerlei Gründen leicht scheitern. Der Flächenbrand im Nahen und Mittleren Osten nähme dann ganz neue Dimensionen an.
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