Intelligenzbestien
Was ist zu halten von einem Land, dem seit mehr als einem Vierteljahrhundert in regelmäßigen Abständen attestiert wird, dass seine Jugend nicht richtig lesen und rechnen kann? Das Bildungssystem kapitalistischer Gesellschaften ist seit je darauf angelegt, Ungleichheit zu verstetigen und dafür zu sorgen, den künftigen Lohnabhängigen den ihnen gemäßen Platz auf dem Arbeitsmarkt zuzuweisen. Bildungsunterschiede, soll das heißen, sind einkalkuliert, ja institutionell abgesichert.
In kaum einem anderen Land spielt dabei die soziale Herkunft für den Bildungserfolg eine so große Rolle wie in der Bundesrepublik. Auch das hat die neueste PISA-Studie herausgestellt, deren Ergebnisse so niederschmetternd sind, dass die Presse wieder mal von »Schock« spricht, was die veröffentlichte Meinung aber eher peripher interessiert.
Vielmehr indes, was das alles für »unser Land« (lies: die hiesige Wirtschaft) bedeutet. Das Handelsblatt weiß: »Der Bildungsmangel gerade in den Naturwissenschaften bremst das Land in seinen Ambitionen, wieder spitze in Forschung und Innovation zu werden. Deutschland braucht mehr Ingenieure und weniger Influencer.«
Von ganz anderem Schlag die Süddeutsche Zeitung: Im bestehenden Bildungssystem gehen »zu viele Talente« verloren, »auf die Deutschland aber nicht verzichten kann. Die Wirtschaft im demographischen Wandel braucht gut ausgebildeten Nachwuchs, klar.« Doch die Zeitung aus München käme nicht zu sich selbst, wenn da nicht noch kostenlos ein moralischer Zusatz in Sachen Staatsbürgerkunde mitgeliefert würde, der in diesen Tagen besonders wertvoll erscheint: »Aber vor allem benötigt unsere Gesellschaft aufgeklärte junge Menschen, die die Demokratie mit Leben füllen.«
Talentverschwendung zum Schaden der Volkswirtschaft erkennt auch der Tagesspiegel, der damit immerhin auch das Problem der sozial bedingten Chancenungleichheit anspricht, die auszugleichen »für Deutschland lebenswichtige« Aufgabe sei: »Denn bisher verschwenden wir Milliarden Terabytes an menschlicher Intelligenz, weil intelligente junge Menschen vom System abgehängt werden.«
So viel Kritik darf dann schon auch sein, solange die wahren Ursachen sozialer Ungleichheit, die, wer weiß, etwas mit der herrschenden Produktionsweise zu tun haben könnten, nicht angesprochen werden müssen. Die FAZ hat daher auch die kleinen Lösungen parat: »Es genügen kurze Tests, die nicht benotet werden, um dem Lehrer und der Schule zu zeigen, ob der Unterricht erfolgreich war oder nicht. (…) Das ist allemal besser als Reformaktionismus.« Weshalb dem Holzfäller empfohlen sei, er möge der Eiche künftig mit der Laubsäge zu Leibe rücken. (brat)
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