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Haushaltsdebatte

Merz im Herbst

AfD und CDU/CSU nutzen Haushaltsdebatte im Bundestag für ihr jeweiliges »Weiter so!« Über die Rekordrüstung wird nur am Rande geredet

Foto: JW Montage/Christoph Soeder/dpa; dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Oben gute Laune, unten gute Laune. Vorne gute Laune, hinten gute Laune

Formal ging es am Mittwoch im Plenum des Bundestages nur um den Etat des Bundeskanzleramtes. Wie üblich nutzten aber die Fraktionschefs den Anlass für eine »Generaldebatte«. Dabei hätte dieser Einzeletat in Höhe von 5,16 Milliarden Euro (165,5 Millionen Euro mehr als für 2026 geplant) Aufmerksamkeit verdient. Mehr als ein Drittel der Gesamtsumme von 1,85 Milliarden Euro entfällt etwa auf die besonders schnell wachsenden Zuschüsse für den BND – rund 342 Millionen Euro mehr.

In der Debatte ging es nicht um solche Kleinigkeiten, sondern ums aufgeblähte deutschnationale Große und Ganze. Die AfD-Kofraktions- und Parteichefin Alice Weidel sprach als erste und teilte der Bundesregierung mit, dass sie nicht mehr existiere: »Die Wähler in Sachsen-Anhalt haben es Ihnen in der Sprache des demokratischen Souveräns mit aller Klarheit mitgeteilt: ›Schwarz-Rot‹ ist vorbei.« Die Koalition hinterlasse »verbrannte Erde«, auf die allerdings nach Weidels Worten »jedes Jahr eine sechsstellige Zahl an Migranten über die Asylhintertür ins Land und eine weitere Großstadt über den Familiennachzug – die meisten aus muslimischen Stammeskulturen« drängen. Sie warf der Bundesregierung vor: »Während die USA einen weiteren Versuch unternehmen, den mörderischen Ukraine-Krieg zu beenden, verschärfen Sie die Kriegspropaganda, die Konfrontation mit Russland und brechen auch noch die letzten Brücken ab.« Ihre Aufforderung »Setzen Sie sich endlich für Friedensverhandlungen ein, wie es die USA tun!« bedachte die AfD mit Beifall und der Linke-Kofraktionsvorsitzende Sören Pellmann mit dem Zwischenruf: »Da ist Trump das schlechteste Beispiel!«

Weidel geißelte die Energiepolitik und die Entindustrialisierung und kündigte an: »Bei den nächsten Wahlen werden die Menschen der AfD (…) einen klaren Regierungsauftrag geben.« Bei diesen Aussichten erhoben sich die AfD-Abgeordneten ergriffen.

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Der erste Satz in der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lautete: »Ja, Frau Weidel, heute können Sie vor Kraft kaum laufen.« Das eigentliche Wahlziel, die Mehrheit der Mandate, habe die AfD in Sachsen-Anhalt aber nicht erreicht. Weidel sei »eine destruktive Kraft«, die keine Mehrheit in Deutschland erreichen werde (bemerkenswert: das Attribut »extremistisch« fehlte). Merz bekräftigte danach, den Krieg in der Ukraine weiterzuführen, »weil sie auch unsere Freiheit verteidigt«, und warf der AfD eine »groteske Umkehrung von Täter und Opfer« vor. Problem: Weidel hatte sich zu Kriegsursachen nicht geäußert. Merz behauptete anschließend: »Niemand hat Russland bedroht – die NATO nicht, die Europäische Union nicht, Deutschland nicht.« Vielmehr seien »die Strahlkraft der Demokratie« und der Weg der Ukraine dorthin »die eigentliche Gefahr für Putins Regime in Russland«. Und zum Drohnenfund in Leipzig habe sich Weidel nicht geäußert.

Nach dieser Absage an Verhandlungen und Friedenspolitik widmete sich Merz dem Thema des Tages, das heißt, er sprach über seine Erfolge – 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum durch seine Leistung, leere, aber demnächst volle Gasspeicher – und nannte zweimal die von der AfD proklamierte »Remigration« eine »›ethnische Säuberung‹ nach Hautfarbe und Herkunft«. Er konnte wegen AfD-Tumults erst weiterreden, als Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) mit Rauswurf drohte. Merz kündigte bei Sozialkürzungen und Aufrüstung das »Weiter so!« an. Oppositionsredner von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke warfen ihm vor, auf diese Weise die AfD stark zu machen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.09.2026, Seite 1, Titel

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→ Leserbriefe
  • Frank Lukaszewski aus Oberhausen 11. Sept. 2026 um 13:31 Uhr
    Selbst im Herbst. AfD rüstet mit Merz gegen Russland auf. Bin gespannt, wann das die »Russlanddeutschen« erkennen.
  • Onlineabonnent*in Manfred P. aus H. 10. Sept. 2026 um 17:04 Uhr
    Im Westen nichts Neues. Was ist passiert? Die sogenannte »Alternative für D« hat in einem Bundesland mit einer Zahl von rund 1,78 Millionen Wahlberechtigten in einer repräsentativen Wahl ca. 43,8 % Stimmen erhalten. Damit haben die Bewohner ein deutliches Zeichen gegen die herrschende Politik gesetzt und ihrer »Politikverdrossenheit« Ausdruck verliehen. Ebenso wie ihre Freunde in Washington haben die Politiker der AfD auf Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus bei gleichzeitiger bedingungsloser Treue zur NATO gesetzt. Das mit dem Nationalismus ärgert die Truppe um Merz besonders. Damit konnten die Leute um Weidel und Höcke sogar großen Teilen des Proletariats weismachen, dass sie allein die Deindustrialisierung und den Sozialabbau verhindern könnten. Und wenn dann auch noch die Friedenstauben gen Russland fliegen und die Konversion großer Bereiche der Industrie in Richtung Kriegsproduktion beibehalten werden kann, um so besser. Ja, aber was wird mit den Stimmern des BSW? Ist das nicht Wasser auf die Mühlen der Totalitarismusfans à la Hannah Arendt und der sogenannten Hufeisentheorie? Dazu müsste der Beweis angetreten werden, dass das BSW eine radikal antikapitalistische Partei wäre, die sich zu klar sozialistischen Zielsetzungen positionieren und an der Seite der werktätigen und ausgebeuteten Massen agieren würde. Oder um es auf die gegenwärtige innenpolitische Szene zu transformieren, innerhalb des deutschen Bundestages befindet sich keine politische Gruppierung, die an der gegenwärtigen hegemonialen Ausrichtung des bürgerlichen Staates etwas auszusetzen hat. Die AfD wird die Metamorphose der herrschenden Klasse zu einer gewalttätigen, repressiven und in Teilen staatsterroristischen Klasse sicher nicht verhindern oder gar eine sozialistische Alternative in die Wege leiten. Das müssen wir schon selber tun.
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