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Autoindustrie

Die letzten Tage von VW

Volkswagen-Konzernspitze sticht kurz vor Aufsichtsratssitzung konkrete Zahlen zum Kahlschlag am Unternehmen durch

Foto: Schöning/IMAGO
Volkswagen wird umfassend umgebaut und zusammengekürzt – in allen Bereichen

Der »Zukunftsplan« ist raus: Volkswagen lässt die Produktion in vier Werken ab 2031 auslaufen. Die Wirtschaftswoche lancierte am Dienstag abend online ein Papier des VW-Konzernvorstands, wonach nicht nur die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm ihre Herstellung einstellen sollen, sondern auch 60.000 Beschäftigte ihren Job verlieren – zuzüglich der bereits beschlossenen Kürzung von 50.000 Stellen. Es geht dabei offenbar um Personen, nicht um Planstellen: Das Papier spreche konkret von »Mitarbeitern«, heißt es im Bericht. Die Kürzungen im insgesamt dreistelligen Milliardenumfang sollen in den einzelnen Konzernbereichen Gewinnmargen zwischen acht und 15 Prozent erzielen.

Für die Belegschaften sind die Pläne eine Katastrophe. Die Folgen für ganze Regionen, etwa um Zwickau und Emden, dürften verheerend sein, sollten dort innerhalb der kommenden fünf Jahre die letzten VW-Fahrzeuge vom Band laufen. In Neckarsulm und Umgebung arbeitet ein großer Teil der Gesamtbevölkerung bei Audi oder der nachgelagerten Zulieferindustrie. Der Bezirksleiter der IG Metall (IGM), Thorsten Gröger, forderte Volkswagen am Mittwoch auf, »auf den Pfad der Vernunft« zurückzukehren und »einen ernsthaften Dialog« einzugehen. Doch der Porsche-Piëch-Clan braucht höhere VW-Renditen, um seine Schulden zu bedienen. Das Schicksal von Arbeitern hat in dieser Interessensphäre keinen Platz.

Die Renditevorstellungen der Manager hatte IGM-Chefin Christiane Benner zuletzt als »Wolkenkuckucksheim« betitelt. Ihr Appell an die »Verantwortung« der Bosse dürfte allerdings folgenlos verhallen. Denn das Verhalten des Vorstands ist als erhobener Mittelfinger an Beschäftigte und ihre Vertreter von Betriebsrat und IG Metall zu verstehen. Was nun dem Vernehmen nach gezielt durchgestochen wurde, folgt unmittelbar auf insgesamt neun Betriebsversammlungen, ohne dass der Vorstand konkrete Pläne oder Zahlen geäußert hätte. Finanzvorstand Arno Antlitz äußerte in Hannover lediglich, die Produktion an vier Werken könne Anfang der 30er Jahre auslaufen.

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Die Standorte Emden und Zwickau sollen ihre Produktreihen dem Bericht zufolge 2031 an die Standorte Mladá Boleslav (Tschechien) beziehungsweise Bratislava (Slowakei) abgeben. Von VW-Nutzfahrzeuge Hannover soll die Herstellung ein Jahr später ins polnische Poznań gehen, das Audi-Werk in Neckarsulm soll bis 2034 die Produktion des Audi A8 nach Leipzig abgeben. Der Porsche-Standort in Zuffenhausen soll die Marke »­Taycan« demnach vollständig aufgeben. Sollten die Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm es schaffen, »ihre Fabrikkosten bis Ende Juni 2027 auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken«, könnte die Produktion dort fortgesetzt werden – sie müssten sich dafür allerdings wohl mindestens halbieren.

In der Aufsichtsratssitzung am Freitag könnten die weitreichenden Entscheidungen bereits gefällt werden. Für die Wirtschaftswoche ist brisant, dass der Vorstand die Entscheidung zu den Standorten am Aufsichtsrat vorbei entscheiden wolle: Der Bericht bemüht den entsprechenden Paragraphen des VW-Gesetzes, wonach dieser nur bei »Errichtung oder Verlegung« von Werken zustimmen müsse. Zuletzt hatte sich das Wächtergremium mit den Stimmen von Betriebsrat und dem Land Niedersachsen gegen die Pläne des Managements gestellt.

»Bei Entscheidungen von solcher Tragweite führt kein Weg an den zuständigen Gremien, ergo dem VW-Aufsichtsrat, vorbei«, kommentierte IGM-Sekretär Gröger die Berichte am Mittwoch. Das Verhalten der Konzernspitze vermittle zunehmend das Bild einer bewussten Konfrontation, die nicht im Sinne der IG Metall sei. Doch werde die Gewerkschaft »nicht tatenlos zusehen, wenn die industrielle Substanz und damit die Zukunft der Standorte aufs Spiel gesetzt werden«. Die könnten allerdings erhalten bleiben – bloß andere Dinge produzieren: Im Falle des VW-Standortes in Osnabrück steht das Land Niedersachsen einer künftigen Waffenproduktion mehr als offen gegenüber. Vor der aktuellen Drohkulisse des Konzerns lässt sich das wohl als »Zukunftsplan« verkaufen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 1, Titel

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→ Leserbriefe
  • Reinhard Hopp aus Berlin 3. Sept. 2026 um 10:50 Uhr
    Und wieder mal handelt der Vorstand nur opportunistisch und reaktiv, nach dem altbekannten Muster und in altkapitalistischer »Sanierungslogik« gefangen. Würde er eine progressive, die Realitäten anerkennende und in die Zukunft gerichtete Haltung einnehmen, müsste er vor die Aktionäre, die Belegschaft, den Aufsichtsrat sowie vor die Gewerkschaft treten und verkünden, dass das Ende des Jahrhunderts des Autos nun auch bei VW mit Vehemenz seinen Anfang nimmt. Das zu sagen, traut er sich natürlich nicht, denn dann könnte er gleich seinen Hut nehmen, und auch die fetten Boni würden wohl ausbleiben. Die Wahrheit will ja ohnehin niemand hören. Also spielen alle weiter mit wie bisher. Das ist dem Klima dieses Planeten jedoch völlig egal. Und was unsere bisherigen Verkehrssysteme allein schon unter den bereits bis jetzt veränderten Klimabedingungen – und noch dazu in ihrem derzeitigen Zustand(!) – überhaupt noch wert sind, dass hat der diesjährige Sommer ja weltweit unmissverständlich und auf dramatische Weise gezeigt. Und auch der anstehende Herbst wir sich uns noch entsprechend mitteilen. Wer diese Botschaft dennoch noch immer nicht verstanden hat, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. So z. B. die verbrecherische US-Administration, die den gigantischen Raub des venezolanischen Öl- und Gasvorkommens als großen geostrategischen Sieg zelebriert und dadurch die fossile Destruktionsphase noch zusätzlich verlängert und den weltweiten Klimakollaps weiter drastisch verstärkt.
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