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Wollen täten sie schon

Sanktionen gegen Russlands »Schattenflotte«

Foto: Jens Büttner/dpa
Russlands Ölhandel unterbinden, wie auch immer: Der unter panamaischer Flagge fahrende Tanker »Eventin«, festgesetzt vor der Küste von Sassnitz (17.8.2026)

Die Erklärungen deutscher Offizieller zu dem Drohnenvorfall auf dem Leipziger Flughafen Anfang August sind geprägt von Widersprüchen und Vorbehalten. Der Kanzler kündigt »entschiedene Reaktionen« an, aber »abgestimmt« sollen sie schon sein. Allein vorzupreschen traut sich die Merz-Regierung offensichtlich nicht so ganz. Die Bundesregierung sei sich »weitgehend einig« über das geplante Vorgehen, so Merz. Das deutet darauf hin, dass die von ihm behaupteten, aber nie öffentlich vorgelegten Beweise für eine Urheberschaft Russlands an dem Drohnenfund nicht einmal in den eigenen Reihen so richtig überzeugen. Kein Wunder. Wie windig die bisher bekanntgewordenen »Erkenntnisse« sind, ist an dieser Stelle schon dargelegt worden. So blasen sie einerseits die Backen auf, wollen das aber andererseits mit »Ruhe und Überlegung« (Regierungssprecher Steffen Kornelius) tun. Und Außenminister Johann Wadephul erklärt in Algier, die BRD sei »ein Stabilitätsfaktor«, aber einschüchtern lasse sie sich auch nicht.

Das Gegenteil ist wahr. Merz und Wadephul wissen sehr gut, dass eine Eskalation im Sanktionskrieg gegen Russland die Lage destabilisieren wird. Die Eskalierer, die wie Roderich Kiesewetter wieder einmal Taurus-Lieferungen an die Ukraine fordern oder wie Marie Agnes Strack-Zimmermann davon schwadronieren, den »bequemen Weg der Beschwichtigung« zu verlassen, wissen schon, was das heißt: »ins Risiko gehen« (Wadephul). Dass diese Eskalation nämlich auch ganz erbärmlich schiefgehen kann. Nicht nur, weil man als Alleingänger ganz schnell im Regen stehen (gelassen werden) kann. Anders als Großbritannien ist die BRD zum Glück keine Atommacht, und ein russischer Gegenschlag etwa im Falle von Taurus-Lieferungen wäre als abschreckendes Exempel für Russland weniger riskant als ein Angriff auf ein Ziel im Vereinigten Königreich.

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Das alles passt den Scharfmachern in Berlin überhaupt nicht. Denn hemmen lassen sie sich dadurch in ihren Absichten, die BRD als antirussische Führungsmacht in Europa zu etablieren, erst recht nicht. Man kommt nicht umhin, russischen Strategen wie Sergej Karaganow oder Dmitri Trenin recht zu geben, die dem kollektiven Westen bescheinigen, er habe die Angst vor dem Krieg verloren und glaube, er könne sich gegenüber Moskau alles herausnehmen. Auch Aktionen am Rande der Legalität wie das Vorgehen gegen die sogenannte russische Schattenflotte in internationalen Gewässern. Solche Aktionen werden immer wieder diskutiert, obwohl sich die Rechtslage nicht geändert hat. Zur Not muss sie ignoriert werden, denn die Scharfmacher wollen auf die Option der Piraterie nicht verzichten. Sonst müssten sie sich eingestehen, dass sie Russland unterschätzt haben und mit ihrer Strategie vor dem Scheitern stehen. Sie glauben zu wissen, dass nicht sie die Rechnung dafür zahlen werden, sondern irgendwie davonkommen werden. Werden sie auch, solange ihr Volk sie davonkommen lässt, bevor es die Konsequenzen ihres Handelns ausbaden muss. Nachher ist Friedensliebe immer billig zu haben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.09.2026, Seite 3, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Michele Broccante 4. Sept. 2026 um 11:21 Uhr
    Die Logik der Beweisführung ist interessant. Man legt zwar die »Beweise« nicht vor, hat auch keine, sondern nur Indizien. Aber dass man den Vorfall von Regierungsseite als von Russland getätigt einstuft, hat erstens Konsequenzen für die Aburteilung weiterer Vorkommnisse. Diese lassen sich dann als gleichgeartete einsortieren, nach dem Motto »Das hatten wir doch schon in Leipzig«. Dann braucht man keine neuen Beweise bzw. wenn dort welche auftauchen sollten, kann man nachträglich rückschließen. So schafft sich der Staat seine Schuldbeweise im Zirkelschluss selbst.
    Zum anderen liefert diese Einstufung aber auch die Vorlage für weitere Maßnahmen, sowohl innen- wie außenpolitisch. Wie bereits geschehen mit der Schließung russischer Einrichtungen. Und nach innen schafft sich der deutsche Staat so ein weiteres Moment der mentalen Aufrüstung bzw. Agitation seines Volkes – »Wir müssen uns wehren«. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Beweislage dürftig bis nicht gegeben ist. Das Wort der Regierung hat das Gewicht, um das keiner mehr herumkommt. Immerhin hat sie es sich mit der Täterbenennung nicht leicht gemacht. Und das (!) ist schon ihr einziges Argument. Dreist und lachhaft. Die Regierung fordert von ihrem Volk, dass es der Beweisfindung der Regierung glaubt und ihr die Entscheidungen gehorsamst ab- und übernimmt. Damit lenkt sie den Fokus auf sich und ihre Politik. Weitere Diskussionen erübrigen sich dann sowohl im Hinblick auf den Vorfall als auch im Hinblick auf die Ernsthaftigkeit der deutschen Politik.
  • Onlineabonnent*in Ulf G. aus H. 3. Sept. 2026 um 12:49 Uhr
    Natürlich muss man sich immer fragen, welche Informationen bei der Beurteilung der Schuldfrage zum Drohnenvorfall in Leipzig aussortiert worden sind, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten. Bei der Beurteilung der Schuldfrage bezüglich des russischen Kriegseintritts hatte man bekanntlich auch diverse Tatsachen links liegen gelassen, wie die 10.000 Waffenstillstandsverletzunge der 10 Tage vor dem russischen Kriegeintritt, den ukrainischen Angriff auf die Donbassrepubliken vom 16.2.2022 oder Selenskijs Drohung mit der Atombombe vom 19.2.2022. Alles das ist Wumpe, wenn ohnehin von vornherein feststeht, dass immer der andere Schuld hat. Wenn Dobrindt nun sagt, »Wir befinden uns nicht im Krieg«, dann ist das auch nur die halbe Wahrheit, wo Deutschland mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden längst den gesicherten Bereich der Nicht-Kriegsbeteiligung verlassen hat. Wenn Wadephul den Drohnenvorfall als russische »Aggression gegen Europa« bezeichnet, ist das ebenfalls daneben, und zwar nicht nur, weil der Vorfall weit unterhalb der Schwelle einer das Selbstverteidigungsrecht auslösenden Aggression liegt. Derlei Völkerrecht geht der BRD am Allerwertesten vorbei, vgl. (Externer Link) https://gpil.jura.uni-bonn.de/2024/01/germany-supports-expansive-interpretation-of-the-right-to-self-defence-against-attacks-by-the-houthis-on-commercial-shipping-in-the-red-sea/. Man übt sich lieber darin, Putin diverse Worte im Munde umzudrehen, und hat z.B. wiederholt vollkommen beweislos russische Aggressionsabsichten gegenüber ganz Europa unterstellt. Dass Wadephul da behauptet, Feindschaft zwischen Russland und Deutschland liege »nicht im Interesse der Bundesregierung«, das klingt wie der reinste Hohn. Nun sollen wir also glauben, dass der stets böse Russe hinter dem Drohnen-Übel von Leipzig steckt. Mag in diesem Fall vielleicht sein. Aber früher steckte mal der Jude hinter allem Bösen. Und an deutsche Vergangenheitsbewältigung mag ich wirklich nicht mehr glauben.
  • Peter Tiedke aus Golzow 2. Sept. 2026 um 11:07 Uhr
    »Geschichtsbewußt« zum 1. September verkündet die rechteste Regierung, die Deutschland seit 1945 hat, harte Gegenmaßnahmen auf die »russischen Angriffsversuche«. Nein, es wird noch nicht wie beim Angriff auf den Sender Gleiwitz »zurückgeschossen« – dazu ist die deutsche Armee eben noch nicht »wieder die stärkste Armee Europas«. Aber man ist auf dem Weg … Wer solche »False flag«-Aktionen nur der Gestapo und nicht den bundesdeutschen Geheimdiensten zutraut, schaue sich im Internet zum Beispiel die Geschichte um das »Zeller Loch« an. Was mich dabei besonders bedrückt, ist, dass gestern als Reaktion auf diese offensichtliche Lüge anstatt eines Riesenprotestes oder wenigstens eines homerischen Gelächters kein Wort aus »der Mitte der Gesellschaft« zu vernehmen war. Dumm, faul, feige, warm eingebettet?
  • Frank Lukaszewski aus Oberhausen 2. Sept. 2026 um 10:25 Uhr
    Endlich: Wadepudel entscheidet sich für neue Sanktionen gegen die BRD. Ne, der meint das irgendwie anders …
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