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Besessene

Foto: Chris Emil Janßen/IMAGO

Das Wort »Obsession« bedeutet so viel wie Besessenheit oder Zwangsvorstellung. Am Sonnabend steht über einem Artikel des Warschauer FAZ-Korrespondenten Stefan Locke: »Obsessiv arbeitet sich der Westen am Osten ab. Dabei gerät völlig aus dem Blick, dass die AfD längst ein gesamtdeutsches Phänomen ist.« Er bezieht sich dabei auf mehrere Texte in großen Medien.

Er hätte aktuell die eigene Zeitung nehmen können: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fragt nämlich auf Seite eins »Warum sind die Ostdeutschen so unzufrieden? So gut wie heute ging es ihnen noch nie. Das Versprechen der ›blühenden Landschaften‹ ist Realität geworden.« Verfasser Ralph Bollmann weiß allerdings nicht, was die meisten Ostdeutschen bereits in jenem Jahr 1990 wussten, als Helmut Kohl das Blühen ankündigte: Wo keine Industrie mehr ist, gedeihen Gräser und Büsche. Da Bollmann davon keine Ahnung hat, zählt er das seit 36 Jahren ewig selbe auf: »Einer Umfrage zufolge glauben 75 Prozent der Ostdeutschen, im Verhältnis der Landesteile überwiege das Trennende.« – »Die Abwanderung ist inzwischen aber ein europaweites Phänomen in den peripheren Regionen – und überall ein Treiber rechtspopulistischer Wahlerfolge.« Wobei Bollmann absolute Zahlen meidet: Insgesamt mehr als fünf Millionen Menschen sind laut Institut für Wirtschaftsforschung Halle abgewandert. In Ostdeutschland wohnen noch gut zwölf Millionen Menschen. – »Von anderen betroffenen Regionen in Europa unterscheidet die ostdeutschen Bundesländer vor allem eines: ihre im Vergleich sehr gute Ausstattung mit öffentlicher Infrastruktur.« Das »betroffen« ist sehr gut: Einen ähnlichen Bevölkerungsrückgang gab es zuletzt im Dreißigjährigen Krieg. In den menschenleeren Gegenden zwischen Ostsee und Erzgebirge fahren auf neuen Autobahnen und Umgehungsstraßen wenig Autos, dafür hat die DDR-Bezirksstadt Gera keinen elektrifizierten Bahnanschluss. Bollmann ist damit rundum zufrieden und macht den Helmut Kohl noch einmal: »Nach den Vorhersagen des DIW wird Brandenburg im Jahr 2070 unter den Flächenländern in ganz Deutschland sogar die höchsten Steuereinnahmen je Einwohner zu verzeichnen haben.« Kein Grund für Unzufriedenheit.

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Locke vermutet, die habe bei den Bundestagswahlen 2025 auch westdeutsche Wähler der AfD zugetrieben: »70 Prozent ihres Zweitstimmenergebnisses erzielte sie im Westen, 7,2 Millionen Westdeutsche haben ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Das sind 18 Prozent der gesamtdeutsch erzielten 20,8 Prozent.« Als die AfD in Ostdeutschland ähnliche Werte erreichte, sei das »zu Recht problematisiert« worden, »wenn auch häufig stereotyp«. Im Westen sei dieser Wert offenbar unproblematisch. Locke sieht eine »Pathologisierung« der Ostdeutschen: »Wenn Bayern Milliarden für die Mütterrente fordert, gilt es als Folklore, wenn Ost-Regierungschefs Änderungen an der Rentenreform wollen, sind sie gierig und undankbar.« (as)

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.09.2026, Seite 2, Ansichten

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