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Klimakrise

Wie lassen sich die Hitzeschäden beziffern?

Die Rekordtemperaturen in diesem Sommer haben bislang 36 Milliarden Euro an Kosten verursacht, erklärt Mauricio Vargas

Foto: Roberto Pfeil/dpa
Vereinzelte Kartoffeln auf einem trockenen Feld

Nach Greenpeace-Berechnung kostet dieser Extremsommer Deutschlands Volkswirtschaft sowie die Menschen durch Ernteausfälle, Waldbrände und Gesundheitskosten infolge von Hitze und Dürre mindestens 36 Milliarden Euro. Was wiegt am schwersten?

Bei geschätzt 25 Hitzetagen summieren sich hitzebedingte Produktivitätsverluste und -ausfälle in der Arbeitswelt auf knapp elf Milliarden Euro. Das ist der größte gesellschaftliche Schaden, der stattfindet. Es geht nicht nur um den finanziellen, der durch Arbeitsausfälle und Krankmeldungen entsteht, sondern auch um das menschliche Leiden, das dahintersteht. Schließlich gibt es auch Todesfälle.

Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass 14.000 Sterbefälle allein dieses Jahr in Deutschland auf die Hitze zurückzuführen sind. Ist das in Euro zu beziffern?

Ökonomisch kann man das auch als Schaden fassen. Die Frage, die dahintersteht, ist nicht: Was ist eine einzelne Person bereit zu tun, um das Leben ihrer Mutter entsprechend zu schützen? Sondern: Was ist die Gesellschaft bereit zu investieren, um das Überleben älterer Menschen in einer Hitzewelle zu sichern, und letztlich mit deren Hitzetod verbundenes Leid zu verhindern? Die gesundheitsökonomisch bewerteten Verluste haben wir mit 6,9 Milliarden Euro beziffert. Diese Summe müsste man für einen angemessenen Schutz zahlen.

Wie sind die Landwirtschaft und die Ernährung betroffen?

Während der Produktivitätsverlust sich eher langfristig auswirkt, sind Ernteausfälle und Waldbrände direkt zu merken. In der Landwirtschaft ist sofort sichtbar, dass durch die ausgedörrte Ernte Futtermittel für die Tiere knapp werden und hinzugekauft werden müssen. Durch vermehrte Belastungen entsteht ein Schaden von 3,4 Millionen Euro. Waldschäden etwa durch Trockenstress und Brände beziffern wir mit bis zu 7,5 Milliarden Euro. Das wirkt langfristig, etwa weil ausgetrocknete Bäume künftig auch schneller für Schädlinge anfällig sind. Als Folge der Dürreperiode von 2018 entstand so über drei Jahre ein Schaden von mehr als 17 Milliarden Euro.

Die wahren Schäden seien mutmaßlich noch größer, sagen Sie. Was ist damit gemeint?

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Wenn beispielsweise bei Hitzewellen Holz verbrennt, geht damit Luftverschmutzung und Ozonbelastung einher – es gibt einen Biodiversitätsschaden. Das betrifft etwa das Naturschutzgebiet Hohes Venn an der Grenze zu Belgien. Solche Kosten haben wir nicht einberechnet.

Menschen sind von Extremtemperaturen unterschiedlich betroffen. Ist das eine Klassenfrage?

Es ergeben sich neue soziale Fragen. Die Kosten der Schäden treffen uns alle, gesundheitliche Schäden aber vor allem Menschen, die sich am wenigsten vor Hitze schützen können. Und das hängt vom Geldbeutel ab. Finanziell klamme Kommunen können öffentliche Schulen kaum mit Hitzeschutz versehen, während private Einrichtungen eher in Klimaanlagen investieren. Mitarbeitende von Banken sitzen in klimatisierten Büros. Kuriere bei Paketdienstleistern oder Arbeiter in Maschinenbauunternehmen, die keine gekühlten Produktionshallen bieten, haben schlechtere Bedingungen.

Die Regierung werde »alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen«, man müsse aber auch damit leben, sagte Kanzler Friedrich Merz am Montag. Hat er erfasst, in welcher Krisenlage wir uns befinden?

Wir wissen, dass die menschengemachte Klimakrise die Ursache für den Extremsommer ist. Das ist wissenschaftlich längst bewiesen, insofern ist diese Beschreibung eine Binse. Wir müssen ihn daran messen, wie er dies in politisches Handeln umsetzt. Bisher hat er wenig getan, um die Kommunen zu unterstützen, ihre Notlagen zu bewältigen. Sie sind es, die nun die Klimaschutzmaßnahmen organisieren müssen. Wir haben es mit einer verheerenden Naturkatastrophe zu tun, die mit Schäden in Höhe von fast 40 Milliarden Euro zu Buche schlägt. Zukünftig dürfte es schlimmer werden. Zu suggerieren, das könne man so einfach mal nebenher weiterlaufen lassen, ist absurd.

Die SPD will eine Grundgesetzänderung für Hitzeschutz und weitere Folgen des »Klimawandels« auf den Weg bringen. Die Union ist dagegen.

Man kann im Grundgesetz festschreiben, dass es eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Ob der Bund dieser dann auch gerecht wird, ist eine andere Frage.

Was muss die Regierung als dringlichste Maßnahme veranlassen?

Es muss wieder eine Vermögenssteuer für Milliardäre und die Vermögenden eingeführt werden, die ja Hauptverursacher der Krise sind. Mit den Einnahmen könnten die Kommunen Anpassungsleistungen für den Hitzeschutz finanzieren. Das muss die Bundesregierung gewährleisten.

An der Stelle fällt seitens der Regierenden meist das Argument: Reiche würden dann abwandern.

Die Schweiz erhebt beispielsweise höhere Steuern für Milliardäre und Multimillionäre. Ich habe noch nichts davon vernommen, dass die jetzt reihenweise ihre Koffer packen würden.

Mauricio Vargas ist Ökonom und Finanz- und Wirtschaftsexperte bei Greenpeace Deutschland.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.08.2026, Seite 2, Inland

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→ Leserbriefe
  • Wieland König aus Neustadt in Holstein 27. Aug. 2026 um 12:41 Uhr
    Es leben die Statistiken, besonders die vom RKI. Dort wurden ja schon die Inzidenzien mit Millimeterpapier, Bleistift und Taschenrechner erstellt. Man verteufelt in Deutschland die kleinsten CO²-Verursacher und auch ich sehe auf meiner Jahres-Mietnebenkostenabrechnung, dass ich für die Wohnanlage und auch meine 2-Zimmer-Mietwohnung eine CO²-Abgabe zu zahlen habe. Wie wird dieser Wert eigentlich bestimmt und kann ich meine CO²-Werte auch mal vergegenständlicht zu sehen bekommen, vielleicht in einer Flasche oder einer Tüte? Man streitet und echauffiert sich hier um des Kaisers Bart. Aber bitte, liebe junge Welt, bringt doch mal eine seriöse Berechnung der erzielten CO²-Werte beim ukrainischen wie russischen Beschießen und Zerstören von Kraftwerken, Energieanlagen, Raffinerien oder Tankschiffen. Welche CO²-Belastungen erzielten die Beschießung von Gaza, von Syrien, vom Irak, vom Iran und den resultierenden »Vergeltungs-Aktionen«? Zu diesen Schlüsselthemen ist es sehr still um die Damen Greta und Lisa geworden. Effektiver Umweltschutz und effektive Vorbeugung vor Katastrophen fangen doch nicht beim VW-Golf der jungen Frau oder dem Mercedes der alten Dame an. Er sollte beginnen beim wirksamen Kampf gegen kriegslüsterne Banker, Konzernbosse und Politiker, um ihnen die Waffen aus der Hand zu schlagen. Und dann sollten wir unseren stetigen »Wirtschaftswachstums-Wahnsinn« kritisch beleuchten, aber nicht durch willkürliche Abgaben, die dann in der Ukraine oder bei Rheinmetall landen. Die klimatischen Veränderungen unserer Erde sind objektiv bedingt, ob wir wollen oder nicht. Nur unsere eigenen Aktivitäten sollten wir kritisch anschauen und reduzieren. Aber nicht durch profitgierigen CO²- Handel und Ein- sowie Verkauf. Weg mit ablenkendem Aktionismus und Blick auf Grundlagen und Zusammenhänge und dann mit Plan und Geist handeln.
  • Onlineabonnent*in Philipp S. aus G. 27. Aug. 2026 um 06:23 Uhr
    Keine Ahnung wo der Schmarrn vom heißen, trockenen Sommer herkommt … Wir in Sachsen-Anhalt hatten von Mai bis August deutlich mehr Tage unter 25 als über 30 Grad Celsius, nur eine Nacht über 20, dafür einige unter 10 Grad, alle 5 Tage Niederschlag und alle 10 Tage starken Niederschlag. Es gab ein paar wenige sehr heiße Tage, aber über die Zeit gesehen war es ein eher kühler und vor allem feuchter Sommer. Mein Lehmhaus, das normalerweise ab Juni so durchgewärmt ist, dass ich es warm finde, blieb bei konstanten angenehmen 22 Grad, teilweise hab ich sogar darüber nachgedacht, die Heizung anzuschmeißen, weil es morgens zu kühl war. Die Ernteausfälle, sollte es diese denn gegeben haben, haben sicher andere Ursachen als Hitze und Trockenheit. Letztes Jahr konnten wir uns vor Kirschen, Äpfeln und Zwetschgen kaum retten, dieses Jahr alle Bäume in schönster Blüte und Laub, aber absolut kein Ertrag.
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 26. Aug. 2026 um 22:27 Uhr
    Einen Teil der Antwort auf die Frage im Titel des Artikels findet man hier: »Umweltbelastungen verursachen hohe Kosten für die Gesellschaft, etwa in Form von umweltbedingten Gesundheits- und Materialschäden, Ernteausfällen oder Schäden an Ökosystemen. Das UBA-Handbuch Umweltkosten beziffert globale Schäden durch jährliche deutsche Treibhausgasemissionen auf über 640 Milliarden Euro. Eine ambitionierte Umweltpolitik senkt diese Kosten und entlastet damit die Gesellschaft.« Für 2026 werden vom UBA (UmweltBundesAmt) Klimaschadenskosten pro Tonne CO2 auf 1.000 Euro, Methen (CH4) auf 9.510 Euro und Stickstoffdioxid (NO2) auf 286.600 Euro geschätzt. (Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/umwelt-wirtschaft/gesellschaftliche-kosten-von-umweltbelastungen#gesamtwirtschaftliche-bedeutung-der-umweltkosten und https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/479/publikationen/2026-02/UBA_Handbuch%20Umweltkosten_Methodenkonvention%204.0.pdf)
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