- → Inland
Wie groß ist das Ausmaß der Kontamination?
Die Folgewirkungen von Mikroplastik für die Umwelt lassen sich noch gar nicht einschätzen, sagt Rüdiger Stöhr
Drei Tage lang wurde vergangene Woche in Lübeck beim »Weltweit Wissen«-Kongress des Landesnetzwerkes »Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein« über das Meer diskutiert. Vor allem Plastikmüll beeinträchtigt die maritimen Ökosysteme erheblich. Wie groß ist das Ausmaß der Kontamination?
Schätzungsweise bis zu 15 Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen pro Jahr ins Meer. Darunter leiden Fische, Schildkröten und Robben, weil sie sich in Kunststofffasern verfangen. Schildkröten fressen Plastikfolien, Sturmvögel füllen ihre Mägen damit und verenden daran. Vor Helgoland beispielsweise bauen Trottellummen ihre Nester mit Kunststofffasern, sogenannten Dolly Ropes. Die werden als Scheuerschutz unter Fangnetze gespannt und verhindern, dass die sich auf dem Meeresboden abnutzen. Die Tiere verheddern sich darin und kommen zu Tode. Verlorengegangene Netze treiben im Meer und sammeln weiter Fische ein. Wir bergen diese Geisternetze aus der Ostsee mit unserem Schiff »SeeKuh«. Es ist für den Einsatz von Tauchern konzipiert, mit einer Winde und einem Kompressor an Bord.
Sind Sie mit der »SeeKuh« weltweit unterwegs?
»One Earth – One Ocean« ist als Müllabfuhr zum Beispiel bei Kambodscha mit lokalen Organisationen von dort unterwegs. In der Region Battambang reinigen wir mit einem Katamaran, dem »Seehamster«, den mit Plastikmüll verschmutzten Sangkae, einem Zufluss des Mekong. Wir recyceln den Müll. Wir reinigen, trocknen und führen ihn, zu Ballen gepresst, dem Wertstoffkreislauf zu. Anderthalb Tonnen schaffen wir pro Tag. Vor der philippinischen Hauptstadt Manila reinigen wir mit der elektrisch angetriebenen »SeeKuh 2« das Meer. Sie wird durch ein Solardach mit Strom versorgt und hat ein Förderband, um Müll an Bord zu nehmen.
Die anderen Schiffe werden demnach mit fossilen Brennstoffen angetrieben. Wie gehen Sie damit um?
Wir wollen künftig Pyrolysetechnik nutzen, um aus dem Ölprodukt »Kunststoff« eigenen Kraftstoff herzustellen. Unternehmen sponsern uns, weil auch sie daran Interesse haben, diese Technik zu nutzen. Wir fordern gesellschaftliches Engagement für die Reinhaltung der Meere und kämpfen gegen ungebremste, umweltgefährdende Kunststoffverwendung.
Mitunter ist der auf der Oberfläche schwimmende Plastikmüll aus der Erdumlaufbahn zu sehen. Welche Mengen sind das?
Satelliten, wie die der NASA, können Plastik im Meer durch Müllstrudel erkennen: Der größte im Nordpazifik verteilt sich auf einer Fläche etwa so groß wie Mitteleuropa. Die Strudel verändern das marine Ökosystem: Nahrungsketten brechen zusammen, neue Organismen wachsen, führen zu immensen biologischen Artenverschiebungen. Fische fressen Kunststoff und darin enthaltene Weichmacher, bringen all dies in die Nahrungskette und damit auf unseren Esstisch. Plastik, das längere Zeit im Meer herumtreibt, wird zu extrem schädigendem Mikroplastik zerlegt. Wissenschaftler warnen, dass dies im Menschen Entzündungen, Entwicklungs- und Hormonstörungen oder Verdauungsprobleme hervorrufen kann.
Von Ihren Einsätzen mit der »SeeKuh« haben Sie auch bei einem Workshop in Lübeck berichtet. Welches Ziel verfolgen Sie neben der Reinigung des Meeres noch?
Mit unserem Einsatz vermitteln wir jungen Menschen, dass Kunststoff nicht in die Umwelt und schon gar nicht ins Meer gehört, weil es Meeresbewohner und Menschen schädigt. Wir zeigen zudem, wie dies mit einfachen Mitteln zu beheben ist: Wir werfen Plastikflaschen in ein Netz im Meer. Die Kinder haben die Aufgabe, sie wieder herauszuholen, um so ein kleines bisschen die Welt zu retten. Beim Kongress hatten wir Pädagogen mit an Bord, also Multiplikatoren.
Mit nur einer Handvoll Boote ist der immensen Menge von im Meer treibendem Müll kaum Herr zu werden. Sie könnten vermutlich reihenweise weitere Schiffe gebrauchen. Sind neue Anschaffungen geplant?
Für 2027 planen wir den »SeeElefanten«, ein Schiff mit vier Kränen, dessen Kapazität auf die Verarbeitung von etwa 200 Tonnen pro Tag ausgelegt ist. Neben dem maritimen Plastikmüll kann auch landseitiger Müll recycelt werden, der über ein Transferterminal an Bord geholt wird. So können wir der Meeresverschmutzung signifikant entgegenwirken. Welche Folgen die Entwicklung zu Mikroplastik für die Umwelt hat, lässt sich bislang noch nicht einschätzen.
Sie finanzieren sich über Spenden- und Sponsorengelder von Unternehmen, aber kaum über staatliche Mittel – warum?
Für den »SeeElefanten« bewerben wir uns um EU‑Mittel. Wir waren Teil des Runden Tisches des Bundesumweltamtes in Berlin mit Industrie und Nichtregierungsorganisationen. Es gab zwar eine Selbstverpflichtung der Industrie, letztlich nahm man uns kaum ernst. Jetzt setzen wir auf Bewusstseinsbildung und Aufklärung der Bevölkerung, wie beim »Weltweit Wissen«-Kongress. Um ihr Engagement für den Umwelt- und Meeresschutz darstellen zu können, sind manche private Investoren interessiert, dies sofort umzusetzen.
Rüdiger Stöhr ist Projektleiter von »One Earth – One Ocean« für den Einsatz des Müllsammelschiffs »SeeKuh«
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
