Zum Inhalt der Seite

Imperiale Willkür

Ende der US-Sanktionen gegen Syrien

Foto: Jonathan Ernst/REUTERS
Handschlag zwischen Ex-Al-Qaida-Mann und Terrorpaten aus Washington auf dem NATO-Gipfel in Ankara (8.7.2026)

Seit 1979 – fast ein halbes Jahrhundert lang – hat die US-Regierung Syrien als »Staat, der den Terrorismus unterstützt« eingestuft. Am Montag wurde diese Klassifizierung aufgehoben. Nach dem Ende weiterer US-Sanktionen im vergangenen Jahr blieb die Einstufung ein wichtiges Hindernis für ausländische Investitionen und Wiederaufbauhilfen in dem nach jahrelangem Bürgerkrieg zerstörten Land. Denn Technologieprodukte, Software und Lizenzen durften weiterhin nur eingeschränkt nach Syrien exportiert werden.

Für die Syrer ist das Ende des Sanktionsregimes daher erst einmal eine gute Nachricht. Denn solche imperialistischen Wirtschaftssanktionen treffen im Endeffekt immer die Masse der Bevölkerung. In ihren Auswirkungen kann diese Form der Wirtschaftskriegsführung nicht weniger zerstörerisch und tödlich sein als ein militärischer Krieg.

Das Sanktionsregime hatte maßgeblich zur ökonomischen Schwächung der Baath-Herrschaft unter Präsident Baschar Al-Assad beigetragen. So fiel diese im Dezember 2024 nach dreizehnjährigem Bürgerkrieg unter dem Ansturm der Dschihadistenallianz Hayat Tahrir Al-Scham (HTS) wie ein Kartenhaus zusammen. Bereits im Mai 2025 hatte US-Präsident Donald Trump die Aufhebung der Sanktionen in Aussicht gestellt. Die verbliebenen Zwangsmaßnahmen dienten Washington weiterhin als Daumenschrauben, um den neuen Machthaber, Präsident Ahmed Al-Scharaa, auf den gewünschten außenpolitischen Kurs zu bringen – etwa zur Passivität gegenüber Israel, das Teile syrischen Territoriums besetzt hält.

Anzeige

Ein Ende der US-Einflussnahme bedeutet das Ende des Sanktionsregimes nicht. Diese erfolgt nun über Investitionen und Kapital, was zu neuen, neokolonialen Formen der Abhängigkeit Syriens zu führen droht.

Die Aufhebung der Sanktionen erfolgte nach Angaben der US-Regierung wegen der Schritte Al-Scharaas, also eines früheren Al-Qaida-Kommandeurs, sich »vollständig von internationalen Terrorismusaktivitäten zu distanzieren«. Zugleich wurde die in die syrische Regierung und Armee aufgegangene HTS von der US-Liste terroristischer Organisationen gestrichen. HTS war aus der syrischen Al-Qaida-Filiale Al-Nusra-Front hervorgegangen. Ihre Kämpfer hatten im Bürgerkrieg schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen begangen und noch im vergangenen Jahr waren sie an Massakern an Tausenden Alawiten und Drusen beteiligt. Doch für die US-Einstufung ist das unerheblich. Denn mit dem Sturz Assads und der Verdrängung proiranischer Kräfte aus Syrien hatten die Dschihadisten für Washington ihre Schuldigkeit getan. Einmal mehr zeigt sich, wie willkürlich das Etikett »Terrorist« vergeben wird.

So stellen die US-Sanktions- und Terrorlisten ebenso wenig wie ihre EU-Gegenstücke international anerkannte völkerrechtliche Klassifizierungen dar. Auf der US-Liste vermeintlich terrorunterstützender Staaten verbleiben nun Iran, Nordkorea und Kuba. Gemeinsam ist ihnen bei allen Unterschieden vor allem eines: Sie verweigern sich standhaft der Hegemonie Washingtons. Allein das macht sie in den Augen des Imperiums zu Terrorstaaten.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 26.08.2026, Seite 3, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!