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Richard Sorge

Arbeiten und kämpfen

Politische Lehrjahre: Ein neues Buch über Richard Sorge richtet den Blick auf einen frühen Zeitabschnitt seines Lebens

Von Uli Jeschke
Foto: United Archives International/IMAGO
Richard Sorge (1898–1944)

Der 1944 in Japan hingerichtete deutsche Kommunist und sowjetische Agent Richard Sorge ist eine legendäre Figur – auch heute, wo der Name gewiss nicht mehr so vielen Menschen geläufig ist wie einst in der DDR. Sorge war dem zeitgeschichtlich interessierten Publikum auch im »Westen« immer ein Begriff. Als etwas überraschend erscheint es indes, dass nun ein neues Buch über Sorge erschienen ist, das nicht nur sehr umfangreich ist, sondern auch auf einen Zeitabschnitt fokussiert, in dem Sorge noch weit weg von jener Tätigkeit war, die seinen Nachruhm begründet hat: Es geht darin nicht um den als Journalisten getarnten Mitarbeiter des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes GRU, sondern um den »jungen Sorge« der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

Gleich im Vorwort des Buches weist der Autor des Buches, der Solinger Politologe Jörg Becker, der zwei Jahre nach Sorges Tod geboren wurde, auf die sehr unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung der historischen Figur Richard Sorges hin. Auch diese Grenze verlief entlang der Grenze zwischen DDR und BRD. Während er in den seit den 50er Jahren in der Bundesrepublik veröffentlichten Kolportagestücken lange als Säufer, frauenverschleißender Macho, unberechenbarer Abenteurer und Vaterlandsverräter dargestellt wurde – Becker führt einige Beispiele gleich zu Beginn der Einleitung an, die von Presseartikeln über diverse Bücher bis zu BND-Dossiers reichen –, war das in der DDR von Sorge gezeichnete Bild völlig gegensätzlich. Dort wurde er – in dem Maße, in dem von sowjetischer Seite seine wertvollen Aufklärungsberichte aus dem Jahr 1941 offengelegt wurden – als antifaschistischer Kämpfer und Held verehrt, nach dem Straßen, Schulen und Armeeeinheiten benannt wurden. 1976 wurde eine Briefmarke in Umlauf gebracht.

Das erste Buch über Sorge erschien 1966 (»Dr. Sorge funkt aus Tokio«), später wurde über ihn auch in den viel gelesenen Büchern Ruth Werners berichtet, die mit ihm in China zusammengearbeitet hatte. Diese öffentliche Erinnerung setzte erst in den 60er Jahren ein, weil die Sowjetunion sich auch zwei Jahrzehnte nach Kriegsende zu Operationen und Akteuren der militärischen Aufklärung vor und während des Zweiten Weltkrieges aus durchaus unterschiedlichen Gründen nur punktuell und zurückhaltend äußerte.

Der Rezensent hatte das große Glück, in den 70er Jahren kurz mit Max Christiansen-Clausen, Mitarbeiter und Funker von Sorge, über Sorge sprechen zu können und ein paar Jahre später mit Ruth Werner länger über seine Person und seine Arbeit in China. Beide schilderten einen klugen, charmanten, ja charismatischen Menschen, der die ihm mitgegebene natürliche Ausstrahlung gezielt einzusetzen wusste.

Jörg Becker hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, das Leben des jungen Richard Sorge in der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, während der revolutionären Krise nach dem Krieg und bis zu seinem Weggang nach Moskau zu beleuchten. Dazu legt er dem Leser auch eine ganze Anzahl von Dokumenten und zeitgenössischen Schriften Sorges vor. Die Eckdaten sind durchaus bekannt. 1895 bei Baku als Kind eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter geboren, zog Sorge 1898 nach Berlin, besuchte die Oberrealschule, war Kriegsfreiwilliger, studierte ab 1918 in Kiel und Hamburg, wurde promoviert, schrieb für Zeitungen, und arbeitete ab 1924 für die Kommunistische Internationale bzw. ab 1929 für den GRU in Asien.

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Warum der Zeitabschnitt 1918 bis 1924? Sorge, seit 1919 Mitglied der KPD, stand schon vor diesem Zeitraum weit links. 1917 war er bereits der USPD beigetreten. Wenn man nach »Prägungen« und Weichenstellungen sucht, wird man also früher ansetzen müssen. Doch die Kriegserlebnisse, die revolutionären Schübe, das Studium, der Umgang mit interessanten Menschen und die journalistische Arbeit in jener Zeit formten Sorge bis zu seinem 25. Geburtstag für sein späteres Leben – politisch und charakterlich. Becker hat nach eigenem Bekunden in 15 Jahren zusammengetragen, was nach einem Jahrhundert darüber zu finden war.

Sorge schrieb sich zum Studium an der Kieler Universität ein. Kiel mit seinen großen Werften war in jenen Jahren bekanntlich ein Zentrum der revolutionären Bewegung. An der Universität traf er auf Kurt Albert Gerlach, der sein wissenschaftlicher Ziehvater werden sollte. Gerlach gilt als einer der Initiatoren des späteren Instituts für Sozialforschung. Sorge studierte eifrig und mit großem Erfolg, folgte Gerlach 1919 an die neue Universität nach Hamburg, um dort, nach heutigen Begriffen in Lichtgeschwindigkeit, zu promovieren.

Er vernachlässigte auch als Student nicht die politische Arbeit und betätigte sich in Hamburg aktiv in der dort betont linken »revolutionären Organisation« USPD. In der Partei war er vielfach aktiv, wie überhaupt festzustellen ist, dass wissenschaftlicher und später Broterwerb immer parallel zur bzw. neben der politischen Arbeit stattfand. Sorge suchte die Nähe von Gleichgesinnten. Der Kontakt zu Menschen war ihm offensichtlich wichtig. Schon 1915 im Lazarett war er auf Erich Correns getroffen, mit dem er korrespondierte. Becker zitiert Textstellen aus den Briefen. Correns wurde Jahrzehnte später in der DDR 1950 Präsident des Nationalrates der Nationalen Front. In Kiel traf Sorge Wilhelm Zaisser, von 1949 bis 1953 erster Minister für Staatssicherheit in der DDR.

Ernst Thälmann traf er in der Hamburger USPD, deren Vorsitzender Thälmann war und mit deren linkem Flügel er zur KPD übertrat. Ein weiteres ausführliches Kapitel beschäftigt sich mit Sorges Tätigkeit bei der Bergischen Arbeiterstimme 1921/22. Vor allem dieses Kapitel ist eine gelungene Beschreibung des damaligen Kampfes gegen die Reaktion und bietet einige interessante Beschreibungen der Zeit- und Arbeitsumstände. Auf diesen und anderen Seiten treten eine Reihe heute mehr oder weniger bekannter Personen – darunter auch der damalige Typus des »Salonkommunisten« – auf, die Sorge traf oder die in seinem Hause aus und ein gingen, darunter Karl August Wittfogel, zu diesem Zeitpunkt so sehr »glühender« Kommunist wie Jahrzehnte später Antikommunist, Rosa Meyer-Leviné, Ernst Meyer, die Schriftstellerin Hermynia zur Mühlen, die Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung Hede Massing und Margret Bovery oder Künstler wie Paul Hindemith oder George Grosz und selbst Wolfgang Abendroth als Pennäler. Sie alle gehörten zum Bekanntenkreis von Sorge und seiner damaligen Ehefrau Christiane.

Das Personenumfeld der Bergischen Arbeiterstimme, das in einigen Fällen von Becker etwas genauer charakterisiert wird, bestand aus »schreibend kämpfenden« Genossen, immer mit einem Fuß vorm Gericht oder im Gefängnis stehend. Hier wird deutlich, dass für Richard Sorge Arbeit und der Kampf für eine bessere Welt eine Einheit bildeten. Wohl auch deshalb zog es ihn 1925 nach Moskau zur Internationale, und das war gewiss auch eine Voraussetzung seiner nachrichtendienstlichen Arbeit für den GRU im Ausland.

Dem theoretischen Erbe, wenn man denn Wert auf eine solche Einstufung legt, widmet sich Becker im letzten Teil seiner Arbeit. Er dokumentiert auch die hinterlassenen Schriften Sorges aus jener Zeit, soweit sie ausfindig gemacht werden konnten. Spannend sind die selbst verfassten Lebensläufe, wenn man jeweils die Umstände der Abfassung in Betracht zieht. Etwas überrepräsentiert sind Zeugnisse von Sorges damaliger Ehefrau Christiane. Allerdings sind sie für Becker eine wichtige Quelle, um den Menschen Sorge darstellen zu können. Hier ist freilich eine gewisse quellenkritische Skepsis angebracht, auch weil aus der Kommunistin später in den USA eine Verfechterin anthroposophischer Auffassungen wurde.

Der Leser erfährt in diesem Buch viel Neues über Sorge als klugen Kopf, als einen den Freuden des Lebens zugeneigten Kommunisten und Kämpfer gegen Faschismus und Krieg. Man erfährt zudem viel über Weggefährten und ausschnittartig auch über die Lebens- und Kampfumstände in der ersten Hälfte der 1920er Jahre. Auch darin liegt ein großer Nutzen, der das Buch empfehlenswert macht.

Jörg Becker: Der spätere Spion. Richard Sorge 1918–1924. Papyrossa, Köln 2026, 588 Seiten, 36 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.08.2026, Seite 15, Politisches Buch

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