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Reise in ein bedrohtes Land
Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, Fragen zur Wirtschaft und eine offene politische Zukunft. Neun Tage in Belarus
Die Absicht hier ist es, Reiseeindrücke zu geben. Ich beherrsche keine der beiden Landessprachen: weder das Weißrussische noch das im Alltag nach wie vor dominierende Russische. Ich bin auch kein Spezialist für die Region. Hingefahren bin ich mit einer grundsätzlichen Sympathie für ein Land, das sich westlichen Diktaten widersetzt. Manche meiner ungenauen Vorstellungen wurden bestätigt, andere nicht.
Organisiert wurde die Reise von der Marx-Engels-Stiftung, die bereits in den Maimonaten 2024 und 2025 Erfahrungen mit Fahrten nach Kaliningrad und St. Petersburg gesammelt hatte. Etwa die Hälfte der Zeit verbrachten wir in Brest, die andere Hälfte in der Hauptstadt Minsk; jeweils mit einer Exkursion in die Umgebung. Vor Ort gab es ganz wesentliche Unterstützung durch ein belarussisches Reisebüro und durch deutschsprachige Begleitkräfte vor Ort.
Zwei Punkte vorab. Zum einen muss man irgendwie ins Land und wieder zurückkommen. Das klingt trivial, ist es aber unter heutigen Bedingungen leider nicht mehr. Sowohl Flug- als auch Bahnverbindungen nach Belarus sind aufgrund westlicher Maßnahmen gekappt. Es bleiben wenige Grenzübergänge für den Straßenverkehr. Dabei ist die Abfertigung von polnischer Seite ein Hindernis. Wenn man endlich seinen Pass vorzeigen kann, wird man zwar gar nicht einmal besonders unfreundlich behandelt, sondern nur normal unfreundlich. Doch muss man dahin erst einmal kommen. Das Grenzpersonal arbeitet schikanös langsam. Nur in großen Zeitabständen darf hin und wieder ein Bus zur Kontrolle vorfahren. Die Rückfahrt wurde so um knapp acht Stunden verzögert. Offensichtlich soll auf jede Weise ein Kontakt zwischen der heilen NATO-Welt und dem bösen Außen erschwert werden.
Dem gegenüber stand – und dies ist der zweite Punkt – ein belarussisches Interesse an jedem nicht feindseligen Besuch. Mehrfach erschienen Fernsehteams bei Terminen unserer Gruppe und interviewten einzelne Vertreter. Das betraf unter anderem die Veranstaltung in Brest zum 9. Mai, die Anlass der Terminierung unserer Reise war.
Sowjetisches Erbe
Was lässt sich über das Stadtbild sagen? In der Innenstadt von Brest finden sich Straßennamen, die unverkennbar der sowjetischen Zeit entstammen: Parallel zur Karl-Marx-Straße verläuft die Leninstraße, und nicht weit davon entfernt findet sich die Krupskajastraße. Eine breite Avenue ist nach Pjotr Mironowitsch Mascherow benannt, 1965 bis 1980 Erster Sekretär des Zentralkomitees der KP von Belarus. Der Boulevard der Kosmonauten erinnert an einen sowjetischen Erfolg, die Straße der sowjetischen Grenztruppen an die notwendige militärische Absicherung. Das sozialistische Erbe wirkt in Belarus noch weitgehend unbeschädigt.
Es gibt in den Städten wenig Altes zu sehen. Die Hauptstadt Minsk wurde noch 1941 bei der Verteidigung gegen die deutschen Angreifer größtenteils zerstört, um Brest steht es nicht viel besser. In beiden Städten gibt es im Stadtzentrum einige Straßenzüge, in denen Vorkriegsbauten erhalten sind. In einem Teil des Minsker Zentrums dominiert der Stil der späten Stalinzeit. Es gibt eine lange Magistrale, den Unabhängigkeitsprospekt, an dem die meisten wichtigen kulturellen Institutionen angesiedelt sind, aber auch etliche Verwaltungsgebäude.
Die meisten städtischen Wohnquartiere, die wir vom Bus aus gesehen haben, sind ebenfalls jüngeren Datums. Die Häuser, die in der Nachkriegszeit eilig hochgezogen wurden, sind in den letzten Jahrzehnten zum großen Teil durch vielstöckige Neubauten ersetzt worden. Obwohl die Bevölkerungszahl von Belarus zurückgeht, gibt es an den Stadträndern Baustellen, auf denen große Wohngebäude entstehen. Die Frage ist nun, wer sich in Belarus solche Wohnungen leisten kann; die Wohneigentumsquote liegt bei immerhin 90 Prozent.
Hier ist eines der Rätsel, die wir auf unserer Reise trotz einiger Nachfragen nicht lösen konnten. Was uns als Monatsverdienst genannt wurde, passt nicht zu den im Verhältnis dazu viel zu hohen Preisen für Wohnungen und für Autos, sogar wenn es sich um Gebrauchtwagen handelt. Eine Teilantwort könnte darin liegen, dass manche Leute mehrere Jobs haben. Möglicherweise wird auch – wie oft in Russland – zuweilen neben dem offiziellen Gehalt eine bestimmte Summe schwarz ausgezahlt. Aber wie die Wirtschaft im Detail funktioniert, erschloss sich uns nicht.
Jedenfalls gibt es zumindest in den Städten extreme Armut allenfalls ausnahmsweise. Man sieht nur sehr wenige Personen, die so wirken, als seien sie obdachlos. Und auch sie sind in viel besserer Verfassung als die oft physisch wie psychisch heruntergekommenen Gestalten, die bettelnd durch Berliner U-Bahnen wanken.
Geht man durch die Straßen, so sieht man wenig soziale Unterschiede. Ich gebe gerne zu, dass es Menschen gibt, die einen schärferen Blick für Mode haben als ich. Trotzdem kann ich mit einiger Sicherheit sagen, dass es hinsichtlich der Kleidung im Alltag kaum Ausreißer nach unten und auch selten nach oben gibt. Ausnahme für letzteres war das Opernhaus. Extravaganzen sind nicht üblich, auch nicht bei der Frisur. Zwei oder drei Männer mit langen Haaren habe ich in der ganzen Zeit gesehen, von grün oder lila konnte keine Rede sein.
Sichere Straßen
Auffällig war die durchweg entspannte Stimmung. Dabei war das Personal in Hotels und Restaurants nicht überschwenglich freundlich; es fehlte das Aufgesetzte, mit dem man es bei uns zuweilen zu tun hat. Die Arbeit wurde aufmerksam versehen, aber eben als Arbeit. Auf den Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln fehlte jegliche Aggressivität, zugleich auch jede Hektik. Der Eindruck, dass man sich sicher fühlen kann, hängt mit zwei weiteren Beobachtungen zusammen.
Zum einen schafft man es in Belarus, bei insgesamt weitaus geringerem Wohlstand, für ein tadelloses Straßenbild zu sorgen. Die Gehwege sind breit und wie neu gepflastert. Man kann dort entlanglaufen, ohne auf kleine Fallen zu achten oder wegen irgendwelcher E-Scooter beiseite springen zu müssen. Insgesamt herrscht eine Ordnung, die von Alltagssorgen entlastet. Wenn man sich nun aber – und dies ist die zweite Beobachtung – Belarus dem westlichen Klischee entsprechend als Polizeistaat vorstellt, so wird dies im Straßenbild nicht bestätigt. Anders als in Berlin, wo man im Innenstadtbereich mindestens alle zehn Minuten Polizei sieht, kommen in Belarus Uniformierte kaum vor. Zudem treten die Polizisten nicht wie ihre deutschen Kollegen in einer Montur auf, die an Bürgerkriegsarmeen erinnert. All dies teilt Belarus übrigens mit Russland, China oder Vietnam, die hierzulande als schreckliche Diktaturen gelten. Natürlich ist denkbar, dass es Zivilstreifen gibt, die für unerfahrene ausländische Besucher nicht als solche erkennbar sind. Das ändert aber nichts daran, dass in diesen Ländern die massive, bedrohliche Präsenz sogenannter »Sicherheitskräfte« offensichtlich nicht nötig ist.
Ein letzter Aspekt, was das Straßenbild betrifft: das Ausländische. Hier ist zu erinnern, dass Belarus von dem westlichen Wirtschaftskrieg hart getroffen wird. Einige westliche Firmen haben sich dennoch zum Bleiben entschlossen, so die US-Imbisskette KFC. Anders hat sich McDonald’s entschieden: Die Kette hat ihre belarussischen Filialen aufgegeben. Nun gibt es einheimischen Ersatz. Freilich haben diese »Mac.by«-Läden als Symbol noch eine gelbe Linie, die zwar ein Herz andeutet, aber zugleich noch an das geschwungene »M« der US-Kette erinnert. Ja, man kann was Eigenes; aber nein, trotz des belarussischen Länderkürzels am Namensende haftet dieses Eigene immer noch am Gegner. Auch die große Mehrzahl der Autos sind noch Westprodukte. Auf Nachfrage hin wurde uns versichert, dass man durchaus an Ersatzteile komme. Wie, das erfuhren wir nicht. Aber es gibt ja Gründe, nicht alles zu erzählen.
Autoteile werden zu Tausenden nachproduziert und dann von Land zu Land transportiert, wobei die Nachverfolgung von allem kaum zu machen ist. Anders steht es im Bereich Maschinenbau, da sind die Ersatzteile spezieller und damit leichter kontrollierbar. In Minsk besichtigten wir die Traktorenfabrik. Es handelt sich um ein sehr weitläufiges Werksgelände. Von Minsk aus wurden vor dem Zusammenbruch des Sozialismus alle osteuropäischen Länder mit Traktoren beliefert. Viele dieser Handelsbeziehungen hielten auch in der Zeit danach: Minsker Traktoren galten zwar nicht als die technisch ausgefeiltesten, doch waren sie robust und preisgünstig.
Der Wirtschaftskrieg hat auch dies abgeschnitten. Exporte in größeren Mengen gehen weiterhin nach Russland und Pakistan. Indien und China wären größere Märkte, doch gibt es dort eigene Fabriken, die mit geringeren Personalkosten produzieren. So läuft die Endmontage in Minsk nur noch mit einer Schicht pro Tag.
Vor Ort war immerhin ein Arbeiter mit offensichtlicher Migrationsgeschichte zu sehen. Das ist in Belarus eine Ausnahme. Natürlich mögen wir manche Russen oder Ukrainer gesehen haben, aber optisch wirkt die Bevölkerung ethnisch sehr einheitlich. Allerdings versucht Belarus, durch gezielte Anwerbung von Arbeitskräften aus Mittelasien den Bevölkerungsrückgang zu verlangsamen. Unmittelbar als eingereist erkennbar waren zudem manche Gäste in unserem Minsker Hotel, nämlich als Chinesen. Perspektivisch übernehmen sie jene Geschäfte, die die Sanktionierer nicht mehr machen mögen. Und hier zeigt sich ein reales Problem.
In besseren Zeiten haben deutsche Maschinenbauer in Belarus erfolgreich verkauft. Im Traktorenwerk sind Apparate im Gebrauch, an denen noch mit einem Zettel die Einkaufspreise genannt sind. Im Regelfall handelt es sich um deutlich über eine Million Euro. Natürlich erhielten wir keine konkreten Auskünfte darüber, in welchem Maße und mit welchen Mitteln die Restriktionen umgangen werden können. Als Schwierigkeit wurde die Ersatzteilfrage jedenfalls benannt.
Erinnerung an den Krieg
Ein Schwerpunkt unserer Reise lag auf dem belarussischen Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg, also mit deutschen Verbrechen und mit der Verteidigung gegen die faschistischen Invasoren. Wichtig ist zunächst, dass die belarussische Bevölkerung strikt zwischen den Tätern von damals und den Deutschen von heute zu unterscheiden weiß. Kein einziges Mal wurden wir unfreundlich behandelt. Sogar die aggressive Politik der Bundesregierung hat daran bislang nichts ändern können.
Dies ist um so beachtlicher, als keine andere Sowjetrepublik unter der deutschen Besatzung so gelitten hat wie Belarus. Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Bevölkerung kam ums Leben. Darunter sind fast alle der bis 1941 zahlreichen Juden, soweit sie nicht noch in der kurzen Frist zwischen dem Beginn des deutschen Angriffs und der vollständigen Besetzung des Gebiets evakuiert werden konnten. In Belarus gab es weniger Kollaboration als in der südlich davon gelegenen Ukraine und den nördlich anschließenden baltischen Republiken. Ausgedehnte Wälder und Sumpfgebiete boten Partisanen gute Rückzugsräume. Die Partisanenbekämpfung wurde mit äußerster Brutalität durchgeführt. Ziel war es, auf jeden auch nur vermuteten Kontakt mit dem Widerstand mit Vernichtung zu reagieren und jede ländliche Infrastruktur, die für die Partisanen hilfreich sein konnte, zu zerstören. Wehrmacht, SS und Sondereinsatzgruppen überfielen in diesem Rahmen Tausende Dörfer. 627 wurden vollständig zerstört, und das heißt in der Regel, dass nahezu die gesamte Einwohnerschaft massakriert wurde. Von 185 Dörfern war so wenig an Menschen und Gebäuden übrig, dass sie nach der Befreiung 1944 nicht wieder aufgebaut wurden.
Einer dieser Orte ist Chatyn, etwa 60 Kilometer nördlich von Minsk gelegen. Hier wurden am 23. März 1943 fast alle Bewohner in die Dorfscheune getrieben, die dann angezündet wurde; das war eine gängige Mordmethode. Chatyn wurde zur zentralen Gedenkstätte für alle sogenannten »Feuerdörfer«. Die Anlage wurde noch zu Sowjetzeiten, 1969, eröffnet.
Das Dorf wird dadurch angedeutet, dass Grundrisse von Häusern skizziert sind und die gemauerten Kamine aufragen; wo Holzhäuser verbrennen, bleiben die Ziegelsteine übrig. Zugleich verbindet die Gedenkstätte den besonderen Ort Chatyn mit den allgemeinen Vorkommnissen. Ein großer Teil des weitläufigen Areals wird von dem sogenannten »Friedhof der Dörfer« eingenommen. Mittels ähnlich gestalteter Rechtecke bekommt man einen Eindruck vom Umfang der Verluste. Eine lange Mauer ergänzt das Bild, indem auf ihr zahlreiche der Orte benannt werden, an denen die faschistischen Besatzer ihre Vernichtungspolitik betrieben haben. Dazu gehören Konzentrationslager und Lager für Kriegsgefangene.
Die Gedenkpolitik in Belarus erscheint mir vorbildlich, denn anders als in Deutschland werden die verschiedenen Opfergruppen benannt, ohne die eine nach Maßgabe aktueller politischer Zwecke gegen die andere auszuspielen. In der belarussischen Erinnerung präsent sind die zwei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die allein im Winter 1941/42 im Verantwortungsbereich der angeblich so sauberen Wehrmacht verhungert sind. Damals am Stadtrand von Minsk, heute innerhalb der Stadt, gab es das Stalag (Stammlager) 352. Hier starben damals mehr als 80.000 Gefangene, eine kleine Gedenkstätte erinnert an diesen Ort.
In dem Teil der Altstadt, der 1941 unzerstört blieb, richteten die Besatzer ein Judenghetto ein, an das zwei Gedenkstätten erinnern. Einer der Orte, an denen die belarussischen Juden ermordet wurden, liegt bei dem Dorf Bronnaja Gora. Dort wurden zwischen Frühjahr und Herbst 1942 mit etwa 50.000 Opfern mehr Juden getötet als in der heute bekannteren Schlucht Babij Jar in Kiew. An der Mordstätte gab es keine Infrastruktur, die über ein Nebengleis der Bahnstrecke Brest–Minsk und eine Wiese auf einer Waldlichtung hinausführen würde. Die Juden wurden herangekarrt, mussten sich ausziehen, in vorbereitete Gräben legen und wurden dort erschossen.
Die Geschichte der Gedenkstätte wurde bei unserem Besuch nicht ganz klar, was auch an unzureichendem Dolmetschen gelegen haben dürfte. Die übersetzte Angabe, dass Bronnaja Gora erst nach dem Ende der Sowjetunion Aufmerksamkeit fand, stand allerdings mit Denkmalselementen vor Ort in Widerspruch und ließ sich auch durch nachträgliche Recherchen nicht erhärten. Vielmehr dürfte die Bedeutung von Bronnaja Gora schon seit den 1970er Jahren erkannt und durch Informationstafeln markiert worden sein.
Symbol des Widerstands
Der belarussische Staat unternimmt viel dafür, die Opfer- und Widerstandsgeschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auf den Zugfahrten zwischen Brest und Minsk gab es jeweils kurz vor dem Passieren wichtiger Orte Durchsagen, auch zu Bronnaja Gora. In welchem Maße das hilft, ob es dagegen auf die Dauer abstumpft, das lässt sich von außen schwer beurteilen. Doch sorgt jedenfalls der Staat für antifaschistische historische Information.
Dies entspricht mit Sicherheit der Bewusstseinslage eines relevanten Teils der Bevölkerung. Wir konnten das in Brest am 9. Mai erleben, um den herum wir bewusst unsere Reise geplant hatten. Die Stadt und ihre Zitadelle haben für die sowjetische und belarussische Geschichtspolitik eine große Bedeutung. 1941 lag die Stadt unmittelbar an der sowjetischen Westgrenze, wurde also vom faschistischen Überfall ohne Vorwarnung getroffen. Die Stadt verfügte über eine Festung, in der größere Truppenverbände lagen. Einem Teil dieser Truppen gelang es, sich planmäßig nach Osten abzusetzen. Ein kleinerer Teil verblieb in der Festung und leistete hartnäckigen Widerstand. Einzelne Kampfgruppen hielten sich bis zu einem Monat in der weitläufigen und unterkellerten Anlage.
Strategische Bedeutung hatten die Gefechte zwar nicht: Die deutsche Wehrmacht stieß im Sommer und Herbst 1941 weit auf sowjetisches Gebiet vor. Auch waren Beharrlichkeit und Opferbereitschaft der Verteidiger von Brest keineswegs einzigartig. An vielen Stellen stießen die faschistischen Truppen auf eine Gegenwehr, die die Absicht, per Blitzkrieg binnen acht Wochen zu siegen, vereitelte. Brest aber wurde zu einem Symbol dieses vielfach geleisteten Widerstands. Hier, wie an anderen Orten von Belarus und Russland, wird am 9. Mai mit Aufmärschen gefeiert. Das Militär ist dabei beteiligt, aber mehr noch ist der 9. Mai in Belarus ein Fest der Zivilbevölkerung. Die Menschen gedenken ihrer Angehörigen, die im Kampf gegen den Faschismus gefallen sind.
Wenn der offizielle Teil am Vormittag vorbei ist, gewinnt der Tag des Siegs mehr und mehr Volksfestcharakter. Dafür kamen die Brester in großer Zahl freiwillig auf das Festungsgelände, es braucht da keinen politischen Druck. Leider war das Wetter 2026 ziemlich ungemütlich, in anderen Jahren – so wurde uns berichtet – ist kaum ein Durchkommen.
Im Zentrum der Brester Gedenkanlage steht seit 1971 die Skulptur »Mut« von Alexander Pawlowitsch Kibalnikow. Der riesenhafte Kopf, der aus dem Gestein herauszuwachsen scheint, zeigt vom Mut die denkbar grimmigste Version. Man denkt da nicht an Soldaten, die fröhlich und optimistisch in den Krieg ziehen. Dieser Kämpfer wirkt nachdenklich: Er ist mutig, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, als es zu sein. Zugleich kennt er offensichtlich bereits die Schrecken des Krieges. Kibalnikow hat der Figur bewusst eine große Schwere verliehen. Es dürfte jedem Feind schwerfallen, diesen Verteidiger von der Stelle zu rücken.
Wichtig war das für den Partisanenkrieg. Dieser behinderte den deutschen Nachschub an die Front und zwang die Besatzer, Truppen im Hinterland einzusetzen. Natürlich kommt auch dieser Aspekt des Krieges im Museum vor. Aber dort fehlt die Umgebung, fehlen Schlamm und Kälte. Was der Guerillakrieg in der Praxis hieß, lernten wir viel eindrücklicher im Partisanendorf Chowantschtschina. Der Ort selbst ist historisch, die einzelnen Stationen sind geschichtspädagogisch rekonstruiert, wie auch die Uniform des Belarussen, der uns die Anlage erklärte. Wiederum zeigte sich, dass in Belarus ein unbefangener Bezug auf die sowjetische Vergangenheit möglich ist.
In einzelnen Hütten wurden verschiedene Aspekte des Partisanenlebens demonstriert. Für Kranke und Verwundete gab es eine Sanitätshütte, in der mit einfachsten Mitteln geholfen wurde. Das Nachrichtenwesen musste die Koordination mit militärischen Maßnahmen von außen leisten. Auch Zivilisten hatten sich vor dem Nazi-Vernichtungskrieg in die Wälder geflüchtet. Dort dachte man immer noch an eine bessere Zukunft, die Kinder wurden in einer Waldschule unterrichtet: Partisanenkrieg heißt vor allem Improvisation beim Überleben, und das wurde hier sehr erfolgreich geleistet. Übrigens wurden wir als die ersten Deutschen begrüßt, die überhaupt diesen Gedenkort besuchten. Dies verweist auf die hierzulande weitverbreitete Ignoranz, was den sowjetischen Verteidigungskrieg angeht.
Manche Beobachtungen verweisen darauf, dass auch die gegenwärtigen Konflikte in den belarussischen Alltag eindringen. Unsere Busfahrt zum Partisanendorf führte uns knapp an einer ausgedehnten Sperrzone vorbei, die wegen des Ukraine-Kriegs am Südrand von Belarus eingerichtet werden musste. An der Grenze zu Polen, wo man vor der Ausreise lange warten muss, heben große Poster die wirklichen und angeblichen Vorteile von Belarus hervor: Das bessere Gesundheitssystem, aber auch, dass man anders als in Polen vor »queeren Personen« sicher sei.
Der politische Rahmen
Präsident Alexander Lukaschenko ist vielfach sichtbar. Zwar zieren keine Lukaschenko-Statuen die Städte, doch ist er im Fernsehen allgegenwärtig. Bei einem einzigen Frühstücksbuffet im Minsker Hotel sah ich ihn innerhalb von etwa 40 Minuten bei zwei Reden und einem sonstigen Termin. Es gibt die Nachrichtenagentur BelTA, die auf einer Website offizielle Mitteilungen aus Belarus veröffentlicht und auch auf Deutsch verfügbar ist. Da bekommt man den Eindruck, dass sich »Väterchen«, wie Lukaschenko genannt wird, um alles selber kümmern muss. Es gibt auch keine Regierungspartei mit eigener Programmatik, sondern hauptsächlich diese eine Person, die seit 1994 die Kontinuität weißrussischer Politik verkörpert.
Eine politische Einordnung bekamen wir bei einem Besuch bei der belarussischen KP. Deren Lage ist eine andere als die der Kommunisten in Russland. In Russland unterstützt die KP die Außenpolitik der Regierung, sieht sich jedoch innenpolitisch als Opposition. In Belarus, wo Lukaschenko bereits 1994 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, blieben die ökonomischen Verwüstungen aus, die in Russland das Jelzin-Regime zu verantworten hatte. Schlüsselindustrien, Banken sowie Grund und Boden wurden nicht privatisiert. Entsprechend gibt es in Belarus keine Oligarchen; dies unterscheidet diesen Staat von Russland, der Ukraine und den westlichen Oligarchien. Aus Sicht der KP hat die Regierung das Wertvolle aus der Sowjetunion bewahrt und an die Gegenwart angepasst.
Trotzdem hat die Partei zur Präsidentschaftswahl 2025 erstmals einen eigenen Kandidaten aufgestellt. Motto der Kampagne war »Nicht anstatt, sondern zusammen« – zusammen nämlich mit Lukaschenko. Das wirkt für einen Gegenkandidaten natürlich seltsam, ist aber zu erklären. Es geht darum, sich für die absehbare Zeit nach Lukaschenko in Stellung zu bringen. Der kommunistische Kandidat hat mit überschaubaren 3,2 Prozent der Stimmen immerhin auf dem zweiten Platz abgeschnitten; ein Zeichen dafür, wie sehr alles auf den Amtsinhaber zugeschnitten ist, der über keine eigene Partei verfügt, sondern über Gefolgsleute. Zugleich zeigt letzteres, wie offen die Lage nach dem Ende der politischen Karriere Lukaschenkos ist.
Die KP ist in allen Regionen von Belarus verankert, verfügt als einzige Partei über eine eigene Zeitung und hat eine eigene Jugendorganisation. Als eine Grundlage ihrer Politik nannten die Vertreter, übereinstimmend mit der Regierung, das Bemühen, den Frieden zu sichern. Sie äußerten die Hoffnung, dass die Völker Europas – anders als ihre Regierungen – die Ursachen des letzten großen Krieges nicht vergessen haben. Dennoch schätzen sie das Risiko eines Großkonflikts als außerordentlich hoch ein. Dabei stand außer Frage, wer der Aggressor ist. Belarus hat keine Truppen im Ausland stationiert. Deutschland hingegen verstärkt seine Militärbasis in Litauen, 20 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. Südlich von Belarus, in der Ukraine, sieht die KP eine faschistische Regierung und damit eine weitere Bedrohung.
Hier sind die Frontlinien klar. Schwieriger ist es im Bereich der Innenpolitik. Unsere Stadtführerin erzählte uns glücklich über die neue Möglichkeit, mit privaten Zuzahlungen schneller an einen Arzttermin zu kommen. Dies verweist erstens darauf, dass man vorher warten musste, und zweitens, dass die Ärmeren nun noch länger warten müssen. Auf das Problem angesprochen, schilderten die Kommunisten, wie gut das öffentliche Gesundheitssystem immer noch funktioniert.
Dies dürfte eine Teilwahrheit sein: Vieles wurde gerettet, was in anderen ehemals sozialistischen Ländern zerstört wurde; und wenn dann noch Kritik kommt, reagiert man defensiv. Das Detail verweist aber zugleich darauf, dass der erreichte Stand sozialer Gleichheit auch in Belarus zur Disposition steht. Wer nur ein klein wenig wohlhabender daherkommt – eine Stadtführerin ist schließlich keine Oligarchin! –, will doch schon ein Privileg. Und wenn jemand etwas mehr hat, geht das stets auf Kosten eines anderen. Um solche Verteilungskämpfe im Kleinen wirklich zu verstehen, war unser Aufenthalt zu kurz; auch bleibt offen, welche Kämpfe im Großen drohen, wenn Lukaschenko mit seiner nachsowjetischen Politik abtritt.
→ Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. Juli 2026 über den Nordfeldzug der Guomindang und der KP China vor 100 Jahren: »Bündnis mit Grenzen«
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D. Jahn 12. Aug. 2026 um 11:11 UhrEin großes Dankeschön auch von mir an den Autor für diesen Bericht! Vor allem für die Beschreibung der Schwierigkeiten, die der EU- und Schengenstaat Polen vor den Reisewilligen auftürmt. Reisende nach Kalingrad können ebenso ein Lied davon singen, obwohl denen ganz sicher auch nicht nach singen zumute ist, während sie die Hindernisse zu überwinden versuchen. Zu der Frage des Autors, wer sich in Belarus Wohnungen leisten kann. Angeblich ein Rätsel, das »trotz einiger Nachfragen« nicht gelöst werden konnte. Wer aber wurde gefragt? Die Erklärung ist sehr einfach, wenn auch offensichtlich nicht bekannt. Es ist nun so, dass im Unterschied zum Volkseigentum in der DDR die Wohnungen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion Belarus und Russland von deren Bewohnern privatisiert werden konnten. Das passierte faktisch nahezu kostenlos. Jeder in der Wohnung registrierte Bewohner, auch die Kinder, erhielt einen Vaucher und konnte zum (Mit-)Besitzer der Wohnung werden. Eine kurze Recherche ergab, dass am 15. Juni 2000 ein deutsch-weißrussisches Seminar zum Thema »Reproduktion und Verwaltung von Wohnungseigentum unter den Bedingungen des Übergangs zur Marktwirtschaft« zu Ende ging. Näheres hier: https://nestor.minsk.by/sn/2000/27/sn02718.html, auch zur Privatisierung des Wohnraums.
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Dem Autor vielen Dank für diesen Reisebericht. Es war schön, in der Jungen Welt einmal etwas über das faszinierende Belarus, das sowjetischste Land der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, zu lesen. Hier noch einige Ergänzungen. Es ist richtig, die Anreise ist beschwerlich. Am einfachsten geht es sicherlich mit dem Zug von Berlin nach Warschau und dann weiter mit dem Bus direkt nach Brest/Minsk (Busunternehmen Ecolines, im Internet buchbar). Wie beschrieben, steht man an der Grenze eine Zeitlang, aber man benötigt kein Visum! Ist also auch privat machbar. Das Land bietet dem Touristen einige Vorteile. Dazu gehören die Sicherheit und die Sauberkeit. Minsk ist nicht nur schön, sondern gilt auch als die sauberste Stadt Europas! Außerdem sind die Preise fast durchgängig sehr niedrig. Eine Metro-Fahrt kostet beispielsweise nur 30 Euro-Cent. Bei einem Durchschnittsverdienst von ca. 1000 Dollar im Monat kommt insofern auch ein Weißrusse ganz gut über die Runden. Armut mag es noch geben, aber Obdachlose habe ich noch nirgends gesehen! Es ist richtig, der Präsident ist in der Öffentlichkeit megapräsent. Das liegt aber vor allem an seinem unglaublichen Arbeitspensum. Es wird so viel über ihn berichtet, weil es so viel zu berichten gibt! Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt irgendwann mal schläft!? Dabei scheint seine Nachfolge tatsächlich nicht geregelt zu sein. Allerdings gibt es ein Parlament, das mit Wissenschaftlern, Ärzten, Direktoren, Politologen und auch Politikern sehr prominent besetzt ist und als der »kollektive Lukaschenko« gilt. Die Nachfolge könnte auf diese Weise also durchaus abgesichert sein. Abschließend möchte ich noch einmal festhalten, dass eine Reise nach Belarus machbar und auf jeden Fall zu empfehlen ist!
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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Wir studierten in einer Stadt, in der damals kein Gebäude älter als 30 Jahre war, die zweimal vom Krieg überrollt und völlig neu aufgebaut worden war. Die Minsker waren neugierig auf uns, denn dass eine Gruppe Nemzy in der Stadt war, hatte sich schnell herumgesprochen. Wir wurden nach Hause eingeladen und erfuhren viel über die Geschichte der Familien. Der Zweite Weltkrieg war immer ein Thema. Schuldzuweisungen erlebte ich aber nur ein einziges Mal durch eine alte Frau auf der Straße.
Unser Professor hat als Kind mit seiner Familie bei den Partisanen in den belorussischen Wäldern gelebt und hat als Bote Informationen weitergegeben. Er und seine Verwandten wurden im Partisanen-Museum geehrt. Viele Biographien unserer Dozenten waren ähnlich. Trotzdem sind wir immer freundlich behandelt worden.
Wie Kai Köhler beeindruckte auch uns die Festung Brest, die wir gemeinsam mit unseren Dozenten besichtigten. Chatyn und der »Friedhof der Dörfer« blieben in unserem Gedächtnis. Im Internat wohnten wir zusammen mit Russen, Belorussen und Ukrainern. Wir lernten gemeinsam, kochten unsere Nationalgerichte und verbrachten unsere Freizeit gemeinsam, alle verstanden sich.
Damals sind Freundschaften geschlossen worden, auch wenn sie nicht alle gehalten haben. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass Walja aus Kiew, Walja aus einem Dorf der Nähe von Minsk und ich aus Berlin heute nicht mehr so unbeschwert miteinander umgehen könnten. Ich bin dankbar für dieses belorussische Jahr und hoffe, dass kommende Generationen dieses unbeschwerte Miteinander wieder erleben können.