Die eigenen Interessen
Ein Sammelband diskutiert Ursachen der fehlenden Streikbereitschaft in der Sozialen Arbeit
Mit dem Sammelband »Ohnmächtige Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit« ist den Herausgeberinnen Kristin Goetze und Jule Elena Westerheide etwas gelungen, was selten gelingt. In den Aufsätzen werden nicht nur verschiedene Aspekte von Streik und Mitbestimmung in den Blick genommen, was bereits einen gewissen Seltenheitswert hat. Vor allem glänzt der Band durch politökonomische Einordnungen der Sozialen Arbeit, die durch Fallbeispiele untermauert werden.
Die Herausgeberinnen stellen im Vorwort eine Frage: »Warum tut sich eine Profession, die auf fachlicher Ebene eine rege Auseinandersetzung um die schwierigen Arbeitsbedingungen einerseits und die eigene Politisierung andererseits führt, so schwer, sich praktisch zu organisieren und für die eigenen Interessen einzustehen?« Die Diskrepanz zwischen den stark politisierten fachlichen Theoriediskussionen und der Politisierung der schlechten Arbeitsbedingungen überhaupt als Frage zu adressieren, unterstellt als Antwort die gewerkschaftliche Organisierung der Beschäftigten, deren Ausbleiben untersucht werden soll.
Der Beitrag von Jan Betram ordnet die untersuchten Berufe – an Marx orientiert – den unproduktiven Kosten der kapitalistischen Ökonomie zu, die zwar notwendig sind, damit ein kapitalistisches Gemeinwesen funktioniert, sich selbst aber nicht als geldwerte Investitionen beweisen, die am Ende mehr Geld erzeugen, sondern erst einmal nichts als Kosten. Das ist es, was Bertram in seinem Artikel politökonomisch entfaltet. Und das hat praktische Konsequenzen für den Arbeitskampf, da die Streikmacht sich gar nicht gegen einen Unternehmer richtet, dessen Geldvermehrung man außer Kraft setzt, sondern sie besteht in der Schädigung der Interessen der Klientinnen und Klienten der Sozialen Arbeit – ein moralisches Dilemma für die Beschäftigten.
Letzteres ist selbstverständlich gewerkschaftlich organisierten Kolleginnen und Kollegen längst bekannt und eher für ein Publikum von Interesse, das nicht selbst Gewerkschaftsmitglied oder als Sozialarbeiterin tätig ist. Aber auch jenen, die das Feld gut kennen, wird manche paradox wirkende Einsicht präsentiert, die durchaus auch für die Praxis ihre Relevanz haben dürfte. So stellt Claudia Mayer in ihrem Beitrag »Kampf oder Konsens?« heraus, dass gerade das Berufsethos der Sozialen Arbeit viele Kolleginnen und Kollegen am Streik hindert, und wieso umgekehrt die immer stärkere Ökonomisierung dieser Bereiche und das Drängen der Träger auf Wirtschaftlichkeit als ungewollte Hilfestellung bei der Mobilisierung dienen kann: Um so mehr das Unternehmen selbst sich als Wirtschaftsunternehmen darstellt, um so leichter fällt es, die Belegschaft für ihre ökonomischen Interessen anzusprechen und zu organisieren.
Auch andere Ergebnisse sollten von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern zur Kenntnis genommen werden. So stellen Wolfgang Menz, Lara Rowitz und Lukas Underwood in ihrem Artikel »Warum nicht die Kinder- und Jugendhilfe« fest, dass gerade in diesem Bereich eine große Unwissenheit bei den Kolleginnen und Kollegen darüber existiert, inwiefern gewerkschaftliche Organisation ihre Arbeitsbedingungen überhaupt verbessern kann. Das ist durchaus überraschend, wenn man sich daran erinnert, dass sich gerade in diesem Bereich viel mit den Interessen von Kindern und Jugendlichen und der Frage, wie diese artikuliert werden können, beschäftigt wird. Es kann eben nicht einfach unterstellt werden, dass hauptberufliche Sozialarbeiterinnen, die qua Profession Menschen Handlungsfähigkeit vermitteln sollen, diese auch bei sich selbst sehen; erst recht nicht, wenn es um ihre ökonomischen Interessen geht. Vielleicht wird ja in der einen oder anderen Weiterbildung in der Sozialen Arbeit demnächst auch ein Artikel aus diesem Sammelband gelesen: Den Kolleginnen und Kollegen sowie den Autorinnen und Autoren wäre es zu wünschen, und wenn das am Ende zu größerer Streikbereitschaft führt, auch allen anderen Beschäftigten.
→ Kristin Goetze, Jule Elena Westerheide (Hrsg.): Ohnmächtige Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit? Beschäftigungsbedingungen, Mobilisierbarkeit und gesellschaftliche Funktion. Beltz Juventa, Weinheim 2026, 170 Seiten, 30 Euro
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