Zum Inhalt der Seite
Volksrepublik

Theorie und Praxis

Eine Reise nach China auf der Suche nach dem Sozialismus. Teil 4 und Schluss

Foto: Xinhua/IMAGO
Chinas politisches Zentrum: Vertreter des Zentralkomitees der KPCh ehren verdienstvolle Parteimitglieder (Beijing, 3.7.2026)

Chongqing, ein lauer Abend auf dem Platz vor dem Sportstadion der chinesischen Metropole. Hier haben sich diverse Gruppen und Grüppchen versammelt und die Menschen bewegen sich nach der Musik, die aus mitgebrachten Lautsprechern kommt. Das hier ist kollektive Abendgymnastik in Vielfalt, man streckt und dehnt sich im Rhythmus. Direkt um das Rund des Stadions geht ein Joggingparcours, beleuchtet von Neonlampen. In einer Ecke stehen Leute und massieren die Beine vor dem Lauf. Schräg gegenüber gibt es eine Ansammlung von Tischtennisplatten und zu viert spielt man an den Platten Pingpong. All das geht so friedlich und harmonisch vor sich, dass man denkt, man wäre in einem Film. Einem wie »Die Truman Show«, wo der Hauptdarsteller im Mittelpunkt einer TV-Serie steht, ohne das zu wissen. Bis ein Studioscheinwerfer vom Himmel respektive von der Decke herunterfällt. Ich sehe nach oben, doch an diesem Abend fällt nichts herab.

Manchmal zeigt hier die Privatwirtschaft auch andere Seiten als jene der Luxusmarken und des exzessiven Konsums. In den Nebenstraßen dösen die Verkäufer in ihren kleinen Läden und man lässt offensichtlich die Geschäfte sehr ruhig angehen. Und in diesen Wohngebieten vertreiben sich die Chinesen die Zeit, ohne dafür Geld auszugeben. Die Rentner sitzen zusammen auf dem Gehsteig um einen Tisch und spielen Karten, es geht lustig zu und die Umherstehenden betrachten neugierig das Geschehen. Um die Ecke wiederum erklingt traditionelle chinesische Musik, eine Rentnerband spielt auf für mich exotisch wirkenden Instrumenten, die vorbeigehenden Passanten bleiben stehen und hören zu.

Unten am Fluss gibt es auch Musik. Eine Gruppe Frauen übt einen Gesang zu einer Melodie aus dem Handy, ein Musiker sitzt am Ufer mit seinem Saiteninstrument und spielt, während er auf vorbeiziehenden Wellen blickt. Das alles sind Bilder aus einer friedlichen Welt. Auch der Straßenverkehr kommt ohne großen Stress aus. Zwar sind die Straßen voll mit Elektrobikes oder -rollern, doch man gleitet dahin, fährt zwar auch auf den Gehwegen, doch niemand wird angefahren, ausgebremst oder angebrüllt. Es fehlt das Aggressive, das sonst oft im Verkehr zu beobachten ist. Von Deutschland ganz zu schweigen. Ist das schon Sozialismus?

Ein Prozess

Und was ist jetzt gleich wieder Sozialismus? Das ist »eine politische Weltanschauung, die darauf abzielt, eine solidarische Gesellschaft zu schaffen, in der die Grundwerte Freiheit und Gleichheit verwirklicht werden. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Veränderung der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung ein, die nach sozialistischem Verständnis soziale und ökonomische Abhängigkeit begründet und der persönlichen und gesellschaftlichen Emanzipation entgegensteht«. So sieht es jedenfalls die Bundeszentrale für Politische Bildung. Und wie wird man fündig, wenn man in China auf der Suche ist?

Foto: Ringo Chiu/ZUMA Press Wire/IMAGO 4_2.jpg
Für alle eine Attraktion: Ein Kämpfer der Terracotta-Armee im Mausoleum von Qin Shi Huang, Chinas erstem Kaiser (Xi’an, 26.7.2026)

Man könnte sagen, es ist schon eine spezielle historische Konstellation, wenn der Sozialismus über die Einführung der Marktwirtschaft angesteuert werden soll. Oder doch nicht? Meinte nicht Stalin, dass China erst den Weg in die bürgerliche Gesellschaft antreten solle, bevor der Sozialismus auf dem Plan stehe? Momentan scheint der Sozialismus in China jedenfalls ein eher fernes Ziel (oder maoistische Vergangenheit) zu sein, und wie er dann aussehen soll, weiß noch keiner. Wird doch der Begriff »in China und insbesondere auch in der kommunistischen Partei (KPCh) weniger als Zustand, sondern vielmehr als strategisch zielgerichteter Entwicklungsprozess verstanden«, schreibt Jan Turowski vom Regionalbüro China der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er meint, im Westen sei die Debatte, ob China sozialistisch ist oder nicht, »oft eher unproduktiv auf binäre Kategorien ausgerichtet: Sozialismus oder nicht?«. Die Verhältnisse seien nicht mit Schwarz-Weiß-Denken zu fassen, es gebe eben viele Grautöne. Eines aber sei klar: »Wenn man sich für einen Sozialismus im 21. Jahrhundert interessiert, dann wird man das Geschehen in China ernst nehmen müssen. Denn dessen zukünftige Wirtschaftsdominanz wird entweder den globalen Kapitalismus prägen, auf den Sozialist*innen weltweit reagieren müssen, oder die Zukunft des Sozialismus wird durch Chinas programmatische Transformation hin zu einer sozialistischen Wirtschaft bestimmt.«

Anzeige

Wenn das alles so ist, tue ich mich natürlich schwer, etwas bezeugen oder nichtbezeugen zu wollen, was anscheinend im Moment eher Debatte, Entwicklungsmöglichkeit, Konjunktiv ist. Vielleicht hilft ein Perspektivenwechsel, hin zu chinesischer Geschichte und den Voraussetzungen für Entwicklung und Modernisierung.

Ich bin in Xi’an, der Stadt mit der berühmten Terrakotta-Armee in seiner nahen Umgebung. Jetzt, im April des Jahres, halten sich die Touristenströme noch in Grenzen. Trotzdem sind die Plätze am Geländer, von dem man herab auf die tönernen Krieger blicken kann, heiß umkämpft. Sie sind Teil der Grabanlage für den ersten chinesischen Kaiser aus dem Jahr 200 vor unserer Zeitrechnung. Seit dieser Zeit nimmt der Staat in China eine zentrale Rolle ein. Er gewährleistet einerseits die gesellschaftliche Ordnung und Stabilität und sorgt für die territoriale Einheit, andererseits ist er für die Wohlfahrt und moralische Erziehung des Volkes zuständig. Die Notwendigkeit ausgeklügelter Bewässerungssysteme etwa erforderte eine starke Zentralgewalt für die Planung. Die Kommunistische Partei sieht sich in der Nachfolge dieser Zentralgewalt.

Klares Ziel

Wo ist nun der Unterschied zwischen der »sozialistischen Marktwirtschaft« und der »sozialen Marktwirtschaft«? Als »soziale Marktwirtschaft« wurde in der Nachkriegszeit nach 1945 das ökonomische System der Bundesrepublik bezeichnet respektive aufgehübscht, bis zum Mauerfall vermieden es Medien und Politiker tunlichst, das Wort »Kapitalismus« zu benutzen. Denn dieser war aus der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise zuvor ziemlich ramponiert hervorgegangen, auch konservative Parteien sahen nach 1945 die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu bändigen und etwa Schlüsselindustrien zu verstaatlichen. Zudem hatten sich die globalen Machtverhältnisse gewandelt. Zwar war die USA zur nuklearen Supermacht aufgestiegen, doch die Sowjetunion hatte in Osteuropa eine Reihe realsozialistischer Staaten etabliert und in Asien war die Volksrepublik China gegründet worden.

Foto: Rudolf Stumberger 4_3.jpg
Soziales Miteinander im öffentlichen Raum: Ob Musik, Tanz, Sport oder Spiel wie hier in Chongqing (April 2026)

Bei näherer Betrachtung haben beide Formen der Marktwirtschaft auch Gemeinsamkeiten. So gab es in der Bundesrepublik durchaus einen großen staatlichen Wirtschaftsbereich. Allein Bahn und Post beschäftigten Hunderttausende an Mitarbeitern, der Staat respektive die Länder hielten Beteiligungen an Industrieunternehmen wie VW oder dem Stahlwerk Maxhütte. Neben den privatwirtschaftlichen Firmen existierten auch genossenschaftlich orientierte Unternehmen. So war die gewerkschaftseigene Neue Heimat der größte nichtstaatliche Wohnungsbaukonzern im Nachkriegseuropa und die Coop ein großer deutscher Handelskonzern. »Ziel der Politik im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft ist es, wirtschaftlich effizientes Handeln zu ermöglichen und damit auch die soziale Lage der Bevölkerung zu verbessern und ›Wohlstand für alle‹ zu erreichen«, meint das Bundesministerium für Wirtschaft in einem wirtschaftshistorischen Rückblick.

»Wohlstand für alle«, das ist auch eine der Prämissen des entwicklungspolitischen Handelns Chinas. Seit ihrem Machtantritt ist die KPCh damit beschäftigt, die Rückständigkeit des Landes zu überwinden. Man versuchte verschiedene Wege, probierte es in den 1950er Jahren mit einer Planwirtschaft sowjetischer Prägung. Dann sollte der revolutionäre Wille der Massen in der Kulturrevolution den großen Sprung nach vorne bringen. Die Öffnung Richtung Marktwirtschaft, freilich unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei, hat das Wohl der Nation zum Anliegen. Dieser Zentralgewalt ist es egal, ob die Mäuse (der fortschreitende Entwicklungsprozess) durch eine schwarze oder weiße Katze (einer sozialistischen oder kapitalistischen Wirtschaft) gefangen (realisiert) werden. Entwicklung, das ist das Ziel der Partei.

Bis 2050 will man, so die Beschlüsse des 19. Parteitages, die Armut im Lande völlig beseitigt und Wohlstand geschaffen haben. Neben der Schaffung einer allseits modernen Gesellschaft proklamiert man auch den »Sozialismus chinesischer Prägung in einer neuen Periode«. Bisher, so sind sich die meisten Beobachter sicher, hat man diesen Weg erfolgreich beschritten. Und das wäre auch das Fazit meiner Reise: Beobachten kann man die fortgeschrittene Modernisierung des Landes. Ein Sozialismus im herkömmlichen Verständnis ist hingegen kaum zu sehen.

Zurück in Chongqing, ich treffe unten am Flussufer Darrol. Ich sitze auf einer Bank und betrachte die Hochhäuser am gegenüberliegenden Ufer, als er mit einem Mountainbike daherradelt. Wir kommen ins Gespräch. Darrol ist Kanadier und lebt seit 20 Jahren in der Stadt, er ist mit einer Chinesin verheiratet. »Die Gesellschaft hier«, sagt er, sei »eine Mischung aus Sozialismus und Kapitalismus«. Ihm gefällt es jedenfalls in China, er spricht mit Respekt über die Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte: »Die tun was für die Leute«, meint er mit Blick auf den Staat.

Rudolf Stumberger ist ein deutscher Soziologe, Publizist und Autor einer ganzen Reihe von Büchern zu sozialen, historischen und anderen Themen. Er lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und schreibt regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften

Teil 1: »Von Mao zu Maybach« (11. Juli)

Teil 2: »Wo der Osten noch immer rot ist« (25. Juli)

Teil 3: »Das Land der digitalen Revolution« (8. August)

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 22.08.2026, Seite 4, Wochenendbeilage

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!