-
1 Leserbrief
- → Kapital & Arbeit
Trump greift nach den Ölreserven
Noch ruhen sie unter der Erde und dem Meeresboden Venezuelas, die gigantischen Erdölvorkommen des Landes. Das »größte Ölabkommen der Weltgeschichte« umfasst 65 Milliarden Barrel (à 159 Liter) Rohöl. Über diese hätten jetzt die Vereinigten Staaten von Amerika die »mehrheitliche Kontrolle« erlangt, pries deren Präsident Donald Trump die Vereinbarung mit Venezuela vergangene Woche an. Der Deal werde die US-Ölreserven mehr als verdoppeln, sagte Trump, und das »ohne jegliche Kosten für den amerikanischen Steuerzahler«.
Laut der venezolanischen Verfassung sind sämtliche mineralischen Rohstoffe und Kohlenwasserstoffressourcen unveräußerliches öffentliches Eigentum. Delcy Rodríguez, die seit dem US-Angriff auf Venezuela vom 3. Januar und der Verschleppung des Präsidenten Nicolás Maduro als Interimspräsidentin agiert, behauptete im offenen Gegensatz zu Trump, Venezuela behalte die Souveränität und das Eigentumsrecht an den Ressourcen. In der Überschrift zum Bericht in der jungen Welt über den Vorgang hieß es Ende August statt dessen treffend: »Venezuela wird US-Ölkolonie«.
Im Vergleich zu den Angriffen auf die Ölstaaten Irak 2003 und Libyen 2011 verlief die Übernahme der Oberherrschaft in Venezuela mit relativ wenig Aufwand an kriegerischen Mitteln. Der Zweck dieser Operationen war in all diesen Fällen der gleiche: Die USA sind einen Schritt dabei weitergekommen, die globale Kontrolle über die Energieressourcen Erdöl und Erdgas zurückzugewinnen. Zurück deshalb, weil Libyen, Iran, Irak und reichlich später auch Venezuela unter Hugo Chávez einigermaßen erfolgreich die Strategie verfolgten, die Rente aus der heimischen Ölproduktion den US-amerikanischen Mineralölkonzernen zu entwinden und für die Entwicklung der eigenen Ökonomie zu nutzen. An Russland und Iran hat sich das US-Imperium bislang dagegen die Zähne ausgebissen.
Kontrolle des Ölmarktes heißt Kontrolle über die Förderung, heißt aber auch Kontrolle über die Lieferwege sowie den Kauf und Verkauf. Die USA und ihre Verbündeten sowie die von ihnen abhängigen Staaten haben gegen Russland und Iran breitflächige Sanktionsregime errichtet. Im aktuellen Krieg der USA gegen den Iran gelang es zum ersten Mal einem Kontrahenten der US-Amerikaner, mit der Straße von Hormus seinerseits die Lieferwege zu versperren. Irak, Kuwait und Katar sowie zu großen Teilen auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate müssen ihren Export durch diese Meerenge verschiffen. Weil das Volumen 20 Prozent des weltweit verbrauchten Erdöls ausmacht, schoss der Ölpreis mit Beginn des Krieges nach oben. Hätten sich Prognosen aus dem März bewahrheitet, würde die Welt gerade in der tiefsten Ölkrise ihrer Geschichte stecken.
Die Straße von Hormus ist immer noch geschlossen. Trotzdem ging der Ölpreis im Sommer von Hochs um 120 US-Dollar je Barrel vorübergehend wieder auf fast normale 70 US-Dollar zurück, um zuletzt wieder auf über 90 US-Dollar je Fass anzusteigen. Der Grund dafür ist nicht Trumps Aneignung des noch nicht geförderten Erdöls in Venezuela. Die Hauptrolle dürfte spielen, dass die USA und vor allem das größte Ölverbraucherland China die Versorgung des eigenen Landes mit gelagerten Ölvorräten bedienen. Die Verknappung des weltweit verfügbaren Erdöls wird so noch eine Weile lang abgemildert.
→ Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,5
-
Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 5. Sept. 2026 um 16:12 UhrIn den USA ist natürlich nicht verborgen geblieben, dass man historisch auf dem absteigenden Ast sitzt. Politisch hat der Aufstieg von BRICS in den letzten anderthalb Jahrzehnten dort regelrechte Panik ausgelöst. Genau deshalb ist man zu einer Strategie übergegangen, mit der man den aufstrebenden Konkurrenten Steine in den Weg legt und gleichzeitig auch den bisher treuesten Verbündeten die Beine wegschlägt. Der räuberische Umgang mit den energetischen Ressourcen unserer Welt ist längst nicht mehr Ausdruck von Stärke. Er widerspiegelt schiere Verzweiflung darüber, dass die Welt nicht mehr auf »normalem« Wege geknechtet werden kann. Er ist damit lediglich die Transformation der Zeit des Raubrittertums in die Ära des niedergehenden Kapitalismus. Wie das Raubrittertum schließlich beendet werden konnte, kann in den Geschichtsbüchern nachgelesen werden: Es fand ein schmähliches Ende, nachdem es sich genügend mächtige Feinde geschaffen hatte.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
