Das Leben ist ein Wunschkonzert
Familiensache: Nils Wograms und Nellie Hächlers Spoken-Word-Jazzalbum »Kairos – eine Analyse wichtiger Dinge«
Immer mal wieder, im Sport wie in der Politik und der Kultur, gerät man in die Fänge des unseligen Family Business: Malt der Sohn der gefeierten Sopranistin nicht ganz passable Aquarelle, die dringend mal ausgestellt gehören? Haben die Trump-Administration, die FIFA oder sonst ein finsteres Kartell nicht noch für jeden dahergelaufenen Kushner-Sprössling ein Pöstchen frei? Kann der Exskirennläufer Felix Neureuther seine gutmenschelnde Dauerpräsenz nicht noch dynastisch aufblasen, indem er zusammen mit Vater Christian für die Vermögensberatung ihrer Hausbank wirbt? Hat die Gattin des beliebten Starkolumnisten nicht das Zeug zu einer, wie soll man sagen, achtbaren Jazzsängerin, so dass man kurzerhand gemeinsame Galaabende anberaumt? Wenn wenigstens die Erlöse solcher Gaunereien guten Zwecken zuflössen!
Akuter Verwandtschaftsalarm schrillt auch auf, wenn die unbescholtene Jungschauspielerin Nellie Hächler (23) mit ihrem Vater, dem ziemlich prominenten Jazzposaunisten Nils Wogram, ein Spoken-Word-Album mit Musik aufnimmt. Nicht weil er der Vater, sondern obwohl sie seine Tochter sei, hätten sie es gemeinsam gewagt – mit dieser Volte umschifft Wogram, auch sprachlich nicht maulfaul, die gefährliche Sippschaftsklippe. Dass die beiden für ihr Projekt »Kairos« jedoch weder hohe Kunst noch eine große Abzocke im Sinn hatten, machen erfreulicherweise schon Package und Booklet des Albums klar: ein sympathisches Bildtextchaos aus collagiertem Schnipselkram und dazu der furztrockene Untertitel »Eine Analyse wichtiger Dinge«.
Nellie Hächler verliest – zum Singen versteigt sie sich gar nicht erst – kurze eigene Texte: Alltagspoesie, naturbelassene spätpubertäre Erkenntnisse, leicht verspulte Bagatellen und so fort. Dazu bläst der Papa mal die Posaune, mal die Melodica, Anna Trauffer assistiert mit Kontrabass, Glasharfe und Gesang, Philipp Schaufelberger mit Gitarre: Hausmusikminiaturen, Proberaumetüden, ein Kommen und Gehen kleiner Floskeln und Motive, die aber nie zu gefällig werden und auch in keinen einzigen Verlegenheitsblues münden. Insgesamt verfährt das Viergestirn nach dem Prinzip Frechheit siegt und nach der Regieanweisung, dass hier mal die Großen ins Spielzimmer müssen und die Kleine ans Rednerpult darf. Denn Nellie Hächler hat durchaus was zu sagen (manchmal auch auf Schweizerdeutsch), ihre Texte und ihr Vortrag sind jedoch immer lapidar genug, um nicht zu viel Kunstverdacht zu erregen – die hehre deutsche Jazz-&-Lyrik-Tradition wird so hübsch auf Abstand gehalten, wodurch auch der Titel »Kairos« (altgriechisch für günstige Gelegenheit) seine hochkulturelle Schwere verliert.
Hächler huldigt ihren ungleichen Ikonen Pippi Langstrumpf und Cher, sie geht aber auch so rätselhaften Vorgängen wie dem Frühstücken und dem Eierkochen auf den Grund. Das ist doch mal ein abwechslungsreiches Varietéprogramm aus sympathischen Belanglosigkeiten, denkt man so vor sich hin – bis plötzlich ernsthafte Fragen nach Daseinszweck und Lebenssinn aufploppen. Der Unsinn braucht einem aber auch nicht leid zu tun, er wird wie von Kurt Schwitters empfohlen ebenfalls künstlerisch gestaltet, und zwar ohne jede Post-Dada-Pose. Anspieltipp »Bäume«: ein an sich banales Häufigkeitsranking von Edelkastanie (Platz 8) bis Fichte (Platz 1), aber textlich wie musikalisch als flotter Steigerungslauf inszeniert. Anspieltipp »Rot«: Hier täuscht Hächler erst einen gängigen Abzählreim an, driftet dann in eine Aufzählung von Krisen, Kriegen und anderen Katastrophen und rettet sich in den Refrain »Nur mein roter Regenschirm beschützt mich« – ein spleeniger Popsong, dessen geballte Lyrikladung von der Hausband synästhetisch sehr schön nachempfunden wird. Den Schlussakkord bildet schließlich eine so nassforsche wie letztgültige Versuchsanordnung über die Liebe: »Liebe. Willst du mit mir gehen? Ja, nein, vielleicht.«
Es ist ja nicht so, dass diese junge Frau ein unbeschriebenes Blatt wäre. In Nellie Hächlers Studierendenprofil der Berner Hochschule der Künste steht unter sonstige Fähigkeiten neben Stricken, Schreiben, Contemporary Dance und Ballett auch »mit Zungenspitze die Nase berühren«. Man könnte noch hinzufügen: mutwilliges Verstoßen gegen allzu sprichwörtliche Gewissheiten. Das Leben ist kein Wunschkonzert? Ach was!
→ Nils Wogram & Nellie Hächler: »Kairos – Eine Analyse wichtiger Dinge« (NWOG/Indigo)
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