Heilsbringer des Tages: Jürgen Klopp
Anfang Juli 2020 führte Freund und Fußballkolumnengott Jürgen (»Grabowski«) Roth mit mir ein Telefoninterview für die junge Welt. Es ging um »Kloppo« Klopp, der soeben mit Liverpool englischer Meister geworden war und der Heiligsprechung entgegensah. Ich war zu der Zeit fußballabstinent, doch Jürgen und ich, Fans solch soigniert-vergangener Leute wie Ottmar Hitzfeld, waren uns einig, Klopp, diese Mischung aus »Infantilität und Brutalität« (Jürgen), sei »ein Porsche-Fahrer« (ich): »Als ich mich noch für Fußball interessierte, war mein größter Alptraum, dass Tuchel Bayern München trainieren könnte – beziehungsweise Jürgen Klopp die deutsche Nationalmannschaft. Ich bin froh, dass ich mich dafür nicht mehr interessieren muss, denn ich verrate dir was: Das wird so kommen. In zehn Jahren machen wir das Interview noch mal.«
Nun sind gerade sechs vergangen, und beides ist eingetroffen; und während meine Abstinenz mir den Bayern-Trainer Tuchel erspart hatte, sah ich ausschnittweise und meinem Erstgeborenen zuliebe bei Donald Infantinos Spitzenturnier zu. Doch kaum war nach dem frühen deutschen Ausscheiden die Trainerfrage offen, las ich wieder begeistert jede Zeile: Wie, gemessen an der Weltlage, nichtig! Wie, aus demselben Grund, mitreißend! Und weil ich das »Virilquatsch«-System Klopp, das aus »nicht rasieren und Zähne fletschen« besteht, halt längst begriffen hatte: »›Geil‹ und ›Power‹ sind die Eckpfeiler seines Universums«, sofern Universen Eckpfeiler haben können, »und er gilt als freundlich, weil das volkstümlich klingt«, so volkstümlich wie sein »Hirnmüll« (Henscheid) vom Wochenbeginn: »Wir müssen Erwartungshaltungen kreieren, die man erfüllen kann, wo man auch tendenziell überperformen kann.«
Die Unglückswelt in einem Satz. Da muss es einfach tendenziell aufwärts gehen.
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