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Textilindustrie in Bangladesch

Näher dem Abgrund näher

Bangladesch: Mehr als 450 geschlossene Betriebe seit August 2024, rund 240.000 Beschäftigte entlassen – Regierungschef empfängt nur Kapitalseite

Foto: Mohammad Ponir Hossain/REUTERS
Akkord in der Schwitzbude: Knochenjob für die Textilarbeiterinnen und -arbeiter (Gazipur, Bangladesch, 9.4.2025)

Auch im Juli war der Textilsektor die große Stütze der Exportwirtschaft: Waren im Gesamtwert von 4,72 Milliarden US-Dollar gelangten von Bangladesch aus auf den Weltmarkt, wovon 3,88 Milliarden auf Produkte der Textilindustrie entfielen. Nicht verhehlen kann dieses Zwischenergebnis zum Auftakt des neuen Finanzjahres, dass die Branche unter Druck steht. Gegenüber dem Vergleichsmonat 2025 sanken die Textilexporte um 1,92 Prozent, so das Branchenportal Bangladesh Textile Today am Donnerstag.

Dass sich Bangladeschs Textilindustrie in einer bedrohlichen Krise befindet, ist inzwischen allerdings ein alter Hut. Keinen Zweifel daran lässt ein Bericht, den die Menschenrechtsvereinigung »Justice Makers Bangladesh in France« (JMBF) am 15. Juli veröffentlicht hat. Darin kommt das Autorenteam zu dem Schluss, dass allein im ersten Halbjahr 80 Textilfirmen dichtgemacht oder reichlich Personal abgebaut haben. Den Verlust beziffern sie auf 20.783 Jobs. Betrachte man die vergangenen zwei Jahre, hätten sogar 240.000 Beschäftigte – die übergroße Mehrheit Frauen – ihren Arbeitsplatz verloren. Insgesamt arbeiteten in der Branche schätzungsweise vier Millionen Menschen.

457 Betriebe haben laut JMBF-Bericht seit August 2024 ganz aufgegeben. Bei 190 sei Insolvenz die Ursache gewesen, bei 205 waren als Grund Auftragseinbrüche seitens westlicher Handelskonzerne vermerkt. Der Jobverlust ist indes nur die Spitze des Eisberges. Die Näherinnen müssten sich zudem mit unzähligen Fällen ausgebliebener Lohnzahlungen, unbezahlter Überstunden, einbehaltener Feiertagszuschläge und mit insgesamt verschlechterten Arbeitsbedingungen herumschlagen. Das alles sei keine Summe von Einzelfällen, sondern ein strukturelles Problem, zitierte das indische Portal Nation Press aus dem Bericht. Wer mit friedlichem Protest gegen solche Ungerechtigkeiten aufbegehre, müsse mit brachialer Repression durch die Polizei rechnen, die bereits Tränengas und Gummigeschosse gegen Streikende und Demonstrierende eingesetzt habe.

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Der JMBF-Report fasst damit anklagend zusammen, was ausschnittsweise immer wieder mediales Echo hervorruft. So berichtete die Dhaka Tribune bereits am 14. Oktober 2024 von einer gewaltigen Protestaktion in Mirpur, bei der 10.000 Beschäftigte aus acht lokalen Textilfabriken ihren seit drei Monaten ausstehenden Lohn einforderten. Spürbare Rückgänge vor allem von Textilexporten Richtung USA zeichnen sich zwar schon seit Anfang 2024 ab. Doch erst der durch studentische Massenproteste erzwungene Rücktritt der autoritären Langzeitregierungschefin Scheich Hasina ebnete den Weg für die Demos der Textilarbeiter. Letzteres nahmen Fabrikbesitzer, davon einige eng mit dem früheren Regime vernetzt oder selbst Abgeordnete, als Vorwand für Betriebsschließungen – 183 allein im September 2024, so die italienische Agentur Asia News.

Die technokratische Übergangsadministration unter Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hatte andere Prioritäten als Hilfe für Näherinnen. Vereinzelte Hoffnungen, nach dem Wahlsieg der konservativen Bangladesh Nationalist Party (BNP) bei den Wahlen im Februar 2026 könnte es besser werden, haben sich auch nicht erfüllt. Premier Tarique Rahman ist auf einen neoliberalen Kurs eingeschwenkt. Am 22. Juli traf er sich in seinem Amtssitz mit dem Dachverband Bangladesh Textile Mills Association (BTMA). Am Tisch saßen nur die Fabrikbesitzer, nicht aber Gewerkschaftsvertreter; statt um die Nöte der Arbeiterinnen ging es um die »globale Wettbewerbsfähigkeit« der Branche.

Als »Meilenstein« wurde bereits im April eine Arbeitsrechtsergänzung gepriesen, die den Beschäftigten mehr Organisationsrechte einräumt und Grundsätze zu Entlassungen fixiert – ohne aber sklavenähnliche Arbeitsbedingungen zu unterbinden, wie Kritiker anmerkten. Zudem fehlt den zuständigen Behörden das Personal, um punktuelle Gesetzesverbesserungen effektiv in den Fabriken gegen das Kapital durchzusetzen. Jüngst sind auch in Bangladesch zudem viele Preise rasant gestiegen, insbesondere seit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Viele oft nur von einem Verdienst lebende Familien können die Lebenshaltungskosten kaum noch stemmen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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