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Aus: Ausgabe vom 01.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Die Karawane zieht weiter

Was schon Engels entsetzte: Die Ausstellung »Fast Fashion« in Berlin ist eine Anklage der Modeindustrie und ein Appell an die Konsumenten
Von Maxi Wunder
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There is no alternative: »Slow Fashion« als Alptraum (»European Fair Fashion Family«)

Nie wieder! Ich schwör’ mir: Nie wieder kauf’ ich ein Billig-Shirt von Dings und Dongs und auch kein teures Markenteil, ich bin bedient! Bei einem Besuch der Ausstellung »Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode« im Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem, kurz MEK, lernen wir: Wenn man wirklich wollte, so könnte man sich in fair gehandelte, tier- und umweltschonend produzierte bzw. recycelte Klamotten hüllen, in sogenannte Slow fashion. Nicht viel, schnell und billig kaufen, einmal oder keinmal tragen und dann in die Tonne nach Afrika, wo der Second-Hand-Markt die lokale Textilindustrie kaputtmacht – nein! Vielmehr wenig kaufen, dafür teuer, weil fair und öko, jahre- und jahrzehntelang tragen und dann flicken oder ändern, und wenn noch gut: tauschen. Für derlei alternative Bekleidungskonzepte gibt es schon Läden, Ateliers und einen Verein mit dem vielsagenden Namen: »Bis es mir vom Leibe fällt.« Wir Modekäuferinnen haben die Macht, durch unser alternatives Konsumverhalten die fiese Ausbeutung von Mensch und Natur zu beenden! – So könnte man die Botschaft der Ausstellung zusammenfassen.

Es ist sicher nicht verkehrt, die mörderischen Verhältnisse in der Textilindustrie auch mit musealen Mitteln anzuprangern. Entsprechend wird am Eingang der Schau vor »verstörenden« Bildern gewarnt: Fotos vom Unglücksort Rana Plaza, einer im April 2013 eingestürzten Großnäherei in Bangladesch, die Tausende von Arbeiterinnen unter sich begrub; Aufnahmen aus indischen Hospitälern, in denen Arbeiter qualvoll an den Folgen eingeatmeter Pestizide bei der Baumwollverarbeitung sterben; Filme, die über die tierquälerische Gewinnung von Schafs- und Angorawolle für die Herstellung unserer Pullover, Strümpfe und Unterwäsche informieren. Die Szenen sind traumatisierend.

Doch so anerkennenswert der sozialkritische Ansatz der ursprünglich im »Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg« konzipierten Schau ist, so vermisst man doch den historischen Überblick über das Thema, zum Beispiel in Form eines Hinweises darauf, dass die Blutspur des Baumwollprofits in Europa vor 170 Jahren in Wuppertal und Manchester bei der Firma »Ermen & Engels« begann. Schon damals ließ das Elend der Arbeiterinnen den Kaufmannssohn Friedrich Engels die Systemfrage stellen – mit weitreichenden politischen Folgen. Sein Ansatz war freilich etwas radikaler als der der Ausstellungsmacher.

Heute sind Indien, Indonesien, Myan­mar, Bangladesch, Kambodscha und Vietnam die Länder, in denen Hungerlöhne und krankmachende Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie vorherrschen, denn »ihr wichtigstes Kapital sind billige Arbeitskräfte«, wie eine Wandtafel feststellt (die übrigens wie das ganze Ausstellungsequipment aus »upgecyceltem« Material besteht). Das Dumme ist: Medienwirksame Katastrophen wie die 2013 in Bangladesch bringen zwar schwerfällig einige Verbesserungen bei der Einhaltung von Sicherheitsstandards in Gang und vielleicht ein paar Cents mehr Lohn in die Taschen der Arbeiterinnen. Aber die Dumpinglohnkarawane reist wie gehabt weiter: Früher von Europa nach Asien, heute von Asien nach Afrika. Derzeit lockt Äthiopien mit den unterirdischen Löhnen.

Parallel überschwemmen Europa und die USA den afrikanischen Kontinent nach wie vor mit Second-Hand-Ware, das Geschäft lohnt sich: Rund eine Milliarde Dollar setzen die US-Firmen mit Altkleidern um. Entsprechend ungehalten reagieren sie, wenn afrikanische Staaten ihre Einfuhrzölle für die abgelegten Ami-Klamotten erhöhen: Seit Juni 2018 darf z. B. Ruandas Textilindustrie nicht mehr im Rahmen der Handelsvereinbarung AGOA zollfrei in die USA exportieren. Doch der kleine Staat will standhaft bleiben und nach und nach seine eigene Textilindustrie aufbauen.

Die Ausstellung macht außerdem klar: »Fast fashion« ist für ca. zehn Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich und damit die zweitumweltschädlichste Industrie nach der Ölindustrie: Ein Appell!

Bis zum 2. August 2020 im Museum Europäischer Kulturen, Berlin-Dahlem, Arnimallee 25, 8 Euro; Magalog, 6,50 Euro

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