Psychologische Kriegführung
Ukraine-Krieg: Bomben auf Versandhändler
Die regelmäßigen ukrainischen Angriffe auf Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries wirken sich langsam aus. Denn Wildberries ist – ähnlich wie Amazon – nicht selbst Verkäufer, sondern eine Plattform für Tausende russischer Kleinunternehmer, die über die digitale Plattform alles Mögliche verkaufen. Ist ja so schön bequem für alle Seiten. Aber jetzt werden mit den Wildberries-Lagerhallen auch ihre eigenen Warenvorräte vernichtet, Tausende Gewerbetreibende stehen nach eigenen Aussagen vor dem Ruin, weil natürlich keine Versicherung für Kriegsschäden eintritt. In Deutschland wäre das nicht anders. Wie der alte Hegel einmal in einem Anflug von Sarkasmus schrieb: Der Krieg sei derjenige Zustand, in welchem mit der moralischen Phrase von der Eitelkeit aller irdischen Güter praktisch Ernst gemacht werde. In Russland sieht man, wie das geht und was das heißt.
Der Zweck der ukrainischen Angriffe ist eine psychologische Kriegführung. Der Krieg solle »in die Wohnungen der Russen« getragen werden, wenn denen plötzlich das so bequem Bestellte zu fehlen beginnt. Die Behauptung, Unternehmen wie Wildberries – oder ihre ukrainischen Entsprechungen wie das Unternehmen Rozetka, das gerade erst bei Kiew sein größtes und modernstes Lieferzentrum ausgebombt bekam – seien relevant für die militärische Logistik, ist wenig glaubhaft. Das Militär hat seine eigenen Nachschubketten, die sowohl Granaten als auch Kugelschreiber nach vorn schaffen können, denn bis in Frontnähe liefert keines dieser Versandunternehmen. Russland bombardiert im übrigen systematisch ukrainische Tankstellen an den Hauptstraßen, damit Spediteuren und »Freiwilligen« schon auf dem Weg nach Osten das Benzin ausgeht und sie sich fragen müssen, ob sie wieder zurückkommen.
An der militärischen Effizienz solcher Infrastrukturbombardements kann man vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen zweifeln. Die westlichen Alliierten verlegten sich im Zweiten Weltkrieg auf »Morale Bombing«: Durch flächendeckende Zerstörung von Wohnvierteln sollte die Kampfmoral des deutschen Hinterlands gebrochen werden. Das Gegenteil trat ein. Die Feuerwehr, die nach einer Bombennacht half, war die mit dem Hakenkreuz. Das Gefühl, auf diese Hilfe angewiesen zu sein, verstärkt bei den Leuten eher die Bindung an das jeweilige System, als sie zu zerrütten. Irgendwann wird es sein wie im Dreißigjährigen Krieg: blindwütige Zerstörung um der Zerstörung willen. Weil man es kann, macht man es.
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