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Kulturerbetitel abzugeben
Der DOSB geht seit fünf Jahren fahrlässig mit dem UNESCO-Status um
Die UNESCO als weltumspannende Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur hat in diesem Jahr das hiesige Herrenschneiderhandwerk zum »immateriellen Kulturerbe« erklärt. Ebenso wie die »traditionelle Kleine Küstenfischerei an der Ostseeküste und in den Boddengewässern«, wie die Schaustellerkultur auf Volksfesten und die deutsche Bolzplatzkultur. Insgesamt umfasst das Verzeichnis allein für die Bundesrepublik aktuell 173 Einträge. Schon vor gut fünf Jahren hatte die nationale UNESCO-Kommission beschlossen, der »gemeinwohlorientierten Sportvereinskultur« diese sehr besondere Auszeichnung zu verleihen. Als Würdigung der mehr als 86.000 Sportvereine, ihrer weltweit einmaligen, rund 200 Jahre zurückreichenden Historie und ihres Beitrags, den sie tagtäglich als »soziale Räume« für die Gesellschaft leisten. Eine Größe also, die ihresgleichen sucht. Stellvertretend für die Millionen engagierter Mitglieder und Ehrenamtler an der sportlichen Basis nahm seinerzeit der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die UNESCO-Würdigung entgegen. Dem Dachverband sollte sie Auftrag sein, den Breitensport weiter zu hegen und zu pflegen, ihm möglichst sichtbar Geltung zu verschaffen.
In der Wirklichkeit ist davon nichts zu sehen, seit April 2021 liegt das Potential brach. Wie gut, dass jüngst eine Sportwissenschaftlerin (die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, jW) bei der Sportzentrale in Frankfurt am Main vorsprach und »aus wissenschaftlichem Interesse« wissen wollte, was die Auszeichnung durch die »Weltorganisation« denn gebracht habe, im Alltag bedeutet und wie sie »für Innovationen genutzt« werde. Die interessierte Wissenschaftlerin suchte beim DOSB einen Ansprechpartner, der »den Prozess der Erhaltung und kreativen Weitergabe des immateriellen Kulturerbes begleitet bzw. steuert«.
Was die Frau zur Antwort erhielt, darüber möchte sie sich öffentlich lieber nicht äußern. Bände spricht die Auskunft aus dem »Haus des Sports« und der DOSB-Chefetage. Das Thema des immateriellen Kulturerbes beziehungsweise die damit verbundene »Marke« könne man von seiten des DOSB derzeit »leider nicht aktiv betreuen«, so die ernüchternde Reaktion. »Wir mussten vor zwei Jahren einen sehr starken Sparkurs umsetzen und sind seitdem gezwungen, unsere Themen und Aufgaben sehr konsequent und zum Teil auch rigoros zu priorisieren.« Was leider bedeute, »dass wir für diesen Bereich aktuell nicht die notwendigen Kapazitäten haben, um den Prozess der Erhaltung und kreativen Weitergabe systematisch zu begleiten«. Zwar gebe es keinen speziellen Ansprechpartner zum UNESCO-Status und dem Umgang damit, aber »durchaus Ideen, wie wir das Thema perspektivisch gemeinsam mit Partnern weiterentwickeln und skalieren könnten.« Überlegungen, die »noch nicht spruchreif« seien.
Aufmerksame Beobachter kann das kaum überraschen, wohl aber der Freimut, mit dem hier eingeräumt wird: Die größte Bürgerbewegung in der Bundesrepublik, ein Gigant mit über 28 Millionen Mitgliedschaften, ist mit der Aufgabe überfordert und wird ihr nach eigenem Bekunden auch auf absehbare Zeit nicht gewachsen sein, mit dem UNESCO-Status sinnvoll und angemessen umzugehen. Der Dachverband des Sports sieht sich außerstande, dieses Alleinstellungsmerkmal im Interesse seiner Vereine und deren Potentiale im Breiten-, Kinder- und Jugendsport, zugunsten des Senioren- und Gesundheitssports und des sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft zu nutzen. Mit dem Kulturerbetitel ließe sich wuchern, möchte man meinen. Nicht beim DOSB, hier rangiert das Thema weit hinten. Eine Bankrotterklärung. Und eine traurige Botschaft insbesondere für die Sportvereine zwischen Boden- und Ostsee und deren engagiertes Personal, das in einer Gesellschaft zunehmender sozialer Verwerfungen tagtäglich »den Laden zusammenhält«.
Der Umgang mit der UNESCO-Ehrung zeigt die ganze strategische Schwäche des Sportdachverbandes und seine Realgestalt als Scheinriese. Worin liegt das Problem, Turnhallen und Sportplätze reihenweise mit diesem »Gütesiegel« am Eingang zu verzieren? Ein kleines Emailleschild als Hingucker, womit zugleich der Stolz der Vereinsmitglieder genährt würde. Wo bleibt im Gespräch mit der Politik der Hinweis auf diesen Ausnahmestatus? Wo wird dieses »Pfund« als Argument angeführt, wenn es für den DOSB gilt, für die Belange des »kleinen Sports« einzutreten? Etwa wegen des unerträglichen Zustands bei den Sportstätten als hartnäckiger Lobbyist zu wirken? Weiß eigentlich jeder Politiker um diese Auszeichnung des Basissports? Wissen die Leute in den Vereinen davon? Ihre Mitglieder?
Seit mehr als fünf Jahren hat der DOSB den Titel als »immaterielles Kulturerbe« sträflich vernachlässigt. Von »oben« wurde eine halbe Dekade lang versäumt, dessen Potential als strategisches In-strument für einen funktionierenden Sport »unten« zu erschließen. Der Dachverband treibt mit dem UNESCO-Prädikat regelrecht Schindluder. Ganz so, als würde der Bürgermeister von Naumburg den weltberühmten Dom in seiner Stadt lieber unterschlagen als mit diesem Welterbe zu wuchern. Es scheint klar: An diesem Umgang mit dem Kulturerbestatus scheint sich so bald nichts zu ändern. Es sieht eher so aus, als würde die Chefetage des DOSB den Titel gern wieder loswerden und an die bundesdeutsche UNESCO-Kommission zurückschicken. Am liebsten per Express.
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