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»Vor allem fehlt Personal«
Tim Döring von der Sportjugend Hessen über den Beitrag des organisierten Sports bei der schulischen Ganztagsbetreuung
Seit dem neuen Schuljahr haben Kinder im Grundschulalter einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Zunächst beginnend mit der 1. Klasse und in den kommenden Jahren stufenweise bis Klasse vier. Was bedeutet das für den gemeinnützig organisierten Sport?
Ganztag kann aus meiner Sicht nicht ohne Sport und Bewegung gedacht werden. Der organisierte Sport ist dabei mit seinen Vereinen ein zentraler Partner. Es ist eine große Herausforderung, doch wir beginnen hier nicht bei Punkt Null. Bereits 2005 wurde zwischen dem hessischen Sport und der Landesregierung eine erste »Rahmenvereinbarung zur Ganztagsbetreuung« abgeschlossen, die in diesem Kontext die besondere Bedeutung der Sportvereine hervorhob. Inzwischen hat dieses Thema immer mehr an Fahrt aufgenommen, worüber wir uns gerade auch als Sportjugend Hessen freuen, was wir begrüßen und unterstützen. Bisher erlebe ich nicht, dass von seiten der Schulen oder anderer Beteiligter erwartet wird, dass Sportvereine einen ausfallenden oder nicht ausreichend erteilten Sportunterricht ersetzen sollen. Das kann auch nicht der Ansatz sein, das können die Sportvereine gar nicht leisten. Wenn wir das Gefühl bekommen, als Lückenbüßer für Versäumnisse vor allem beim Sportunterricht in den Grundschulen herhalten zu sollen, dann würde etwas schieflaufen.
Welcher Part im Ganztag wäre für die Vereine vor Ort der angemessene?
Der organisierte Sport ist schon jetzt der größte Kooperationspartner für die Ganztagsbetreuung, und das hat ganz natürliche Ursachen. Denn für die Vereine ist es ein Auftrag und ein großes Anliegen, bei Kindern und Jugendlichen die Freude und den Spaß an der Bewegung zu fördern. Dieses Credo tragen die Sportvereine tief im Herzen. Genau das sollte zugleich der Ansatz für ihre Rolle und ihren Beitrag in der schulischen Ganztagsbetreuung sein: über Arbeitsgemeinschaften oder Projekte altersgerechte sportliche Freizeitangebote zu unterbreiten. Nach der neuen gesetzlichen Regelung ist damit zu rechnen, dass die Zahl der ganztägig betreuten Kinder auch in Hessen weiter zunimmt. Wobei der Trend zu einer Verlängerung der täglichen Schulzeit nicht neu, sondern seit etwa 20 Jahren zu beobachten ist. Seit dem Schuljahr 2015/16 gibt es das Programm »Pakt für den Nachmittag« an hessischen Grundschulen, welches im Jahr 2023 in »Pakt für den Ganztag« umbenannt wurde. Mit dem Pakt soll die Nachmittagsbetreuung insgesamt besser koordiniert und gestärkt werden. Zudem sind die Kommunen in dieses Modell involviert. Denn sie sind es, die den Rechtsanspruch formal erfüllen und umsetzen müssen, während die Länder für die schulische Facette verantwortlich zeichnen.
Wie viele Sportvereine haben schon bei den rund 1.000 hessischen Grundschulen angedockt?
Vorsichtig geschätzt, gibt es zwischen Sportvereinen und Schulen derzeit um die 400 Kooperationen. Wenn man bedenkt, dass in Hessen circa 7.000 Sportvereine zu Hause sind, schlummert hier noch ein gewaltiges Potential, das es zu entwickeln gilt. Wir gehen davon aus, dass perspektivisch um die 75 bis 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen werden. Dadurch wird sich auch das Spiel- und Bewegungsverhalten vieler Kinder weiter in den Schulkontext verlagern. Dieser Realität müssen sich gleichermaßen Schulsystem und organisierter Sport stellen. Die Entwicklung sollten beide gemeinsam gestalten.
Gibt es Haken?
Um mehr Kinder außerschulisch zu betreuen, bräuchte es vor allem mehr Personal. Genau hier ist das Nadelöhr, an dem Kooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen meistens noch scheitern. Unter der Woche genügend Betreuer und Übungsleiter parat zu haben, die für diese Aufgabe die nötige Zeit mitbringen, ist die größte Herausforderung. Das ist äußerst schwierig bei Erwachsenen, die um diese Uhr- und Tageszeiten normalerweise ihrem Beruf nachgehen, in einer Firma oder im Büro arbeiten oder an der Uni studieren. Kompromisse bei Personalengpässen gibt es zum Beispiel dort, wo die Ganztagsbetreuung aktuell nicht von Montag bis Freitag stattfindet, sondern nur dreimal pro Woche. Das ist bei rund einem Drittel der hessischen Grundschulen der Fall. Ein signifikantes Problem für den Ganztag sind außerdem Schulen in den sogenannten sozialen Brennpunkten. Sie tun sich nach unseren Erfahrungen tendenziell schwerer als andere, Kooperationspartner für möglichst vielfältige Angebote zu finden.
Woher die Betreuer nehmen?
Für qualitativ gute Sport- und Bewegungsangebote im Ganztag ist die pädagogische Qualifikation der eingesetzten Personen ein zentraler Baustein. Zumal dieser sportliche Freizeitbereich sich von anderen Säulen wie dem Sportunterricht und dem Vereinsleben unterscheidet und es hier eine adäquate und spezielle pädagogische Qualifikation braucht. Trainer, Sportlehrer oder Übungsleiter können ihr Profil nicht einfach eins zu eins in die Ganztagsbetreuung übertragen. Derzeit gilt die Trainer-C-Lizenz oder eine vergleichbare Qualifikation als Mindestvoraussetzung, doch es gibt bereits Überlegungen für spezielle pädagogische Fortbildungen für den Ganztag bis hin zu Vorschlägen, das Sportlehrerstudium mit einer Zusatzqualifikation für den Ganztag zu verbinden. Der organisierte Sport und seine Vereine werden sich jedenfalls auf diesem wichtigen Feld für die Zukunft wappnen und signalisieren: Wir stehen bereit!
Welchen konkreten Nutzen haben die Sportvereine von ihrem Engagement?
Mit ihrem Engagement kommen sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nach und erreichen damit zugleich Kinder, die sie über Angebote des Sportvereins nicht erreichen. Finanzielle Interessen spielen nur in bezug auf die Kosten eine Rolle, die sich jeder Verein zum Beispiel über das hessische Landesprogramm »Schule und Verein« in Höhe von 700 Euro pro Jahr erstatten lassen kann. Was die Rahmenbedingungen für Kooperationen im Ganztag anbelangt, sehe ich deutlichen Verbesserungsbedarf. Vereine berichten uns, dass teilweise von ihnen erwartet wird, Angebote aufgrund ihrer ehrenamtlichen Strukturen sehr kostengünstig oder sogar unentgeltlich zu erbringen. Wenn wir mehr und verlässliche Kooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen wollen, braucht es dafür unbedingt angemessene personelle, organisatorische und finanzielle Rahmenbedingungen.
Tim Döring (36) hat Sportwissenschaft und Sportpädagogik in Köln und Frankfurt am Main studiert und leitet bei der Sportjugend Hessen seit 2022 das Referat »Bewegungsförderung und internationale Jugendarbeit«
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