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Zittern im Stadtwald
Wo gehobelt wird: Die Gründung einer Spitzensportagentur zielt auf verlässliche Medaillengewinne bei olympischen Spielen, nicht ohne Folgen für andere Institutionen
Im Oktober wird der Bundesrat das sogenannte Sportfördergesetz abschließend beraten und sehr wahrscheinlich ohne Widerspruch durchwinken, wie es im Bundestag bereits im Juli dieses Jahres geschah. Der Weg wird endlich frei sein für einen bundesdeutschen Leistungssport unter völlig neuen Voraussetzungen und für die Gründung einer Spitzensportagentur, wie sie dieses Land bisher nicht kannte. Dieses künftige »Superhirn« gilt als Kern der Reform. Die Institution soll ab dem nächsten Jahr von Leipzig aus sukzessive die Steuerung auf dem Weg zu mehr und verlässlichen Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften übernehmen, ehe sie 2029 ihre vollständige Arbeitsfähigkeit erreicht haben wird.
Spätestens dann wird die neue Spitzensportzentrale an der Pleiße als eine Stiftung öffentlichen Rechts eigenständig darüber entscheiden, wie die Fördermittel des Bundes – im gerade diskutierten Etatentwurf für 2027 immerhin 361,7 Millionen Euro – auf Sportarten und Disziplinen bis hin zu einzelnen erfolgversprechenden Trainingsgruppen und Athleten verteilt werden. Mit der Agentur verbindet sich nach dem britischen Vorbild »UK-Sport« ein neuartiger Ansatz. Auf die Ergebnisse bei Olympia 2028 in Los Angeles wird das Steuerinstrument zwar nur bedingt Einfluss haben, danach aber sichtbar für eindeutige Zuständigkeiten, den Abbau von Bürokratie, die Bündelung von Förderentscheidungen sorgen und darüber hinaus für sportfachliche Unabhängigkeit stehen. Nach Dekaden der Abwärtstrends im olympischen Sommer- wie im Wintersport mit teils ernüchternden Platzierungen im internationalen Ranking ist diese Zäsur gewissermaßen die letzte Chance, nicht weiter abgehängt zu werden und, im Gegenteil, im Ringen mit der internationalen Konkurrenz verlorenes Terrain zurückzuerobern.
Wenn ein derart großer Hobel angesetzt wird, sind dicke Späne unvermeidbar. Im »Haus des Sports« in Frankfurt am Main steht nun ein ganzes Referat zur Disposition. Dort im Stadtwald droht ein veritabler Stellenabbau dort, wo bislang gesteuert, koordiniert und verteilt wurde. Längst hat das Zittern begonnen. Wohin mit den aktuell 48,3 Planstellen im Bereich Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), wenn die Spitzensportagentur ihre Arbeit in Leipzig aufnimmt und dieses Feld zunehmend beackern wird? Was wird dann wohl aus Olaf Tabor, dem Vorstand in diesem Ressort beim Dachverband, und was aus seiner ansehnlichen Truppe mit drei Ressortleitern, 36 Referenten und acht Sachbearbeiter(inne)n?
In summa betrifft das mehr als ein Viertel aller Planstellen in der Sportzentrale. Bereits Mitte Juni gab es wegen der Verängstigung »eine Klausur im betroffenen Geschäftsbereich«. »Die Gespräche innerhalb des Geschäftsbereichs Leistungssport laufen«, so Tabor gegenüber jW zum Stand der Dinge. »Aber zunächst braucht es die Agentur und die Vorstände im Amt, um die Aufteilung künftiger Arbeitsbereiche und die entsprechenden Übertragungen von Aufgaben zu vereinbaren.« Entsprechend bewegt sich das Arbeitsklima in seinem Ressort derzeit zwischen Sorgen um die berufliche Zukunft und der Hoffnung, irgendwie im Spiel zu bleiben. Zumindest sei ein Teil der Belegschaft aus dem Geschäftsbereich Leistungssport weiterhin in Sachen »Verbandsbetreuung« unentbehrlich, heißt es. Ebenso was das »Games Management« betrifft, das heißt die organisatorische Betreuung von »Team D« bei Olympia oder von Mannschaften, die zu diversen anderen Spielen entsandt werden, wie »World Games«, »European Games«, »Youth Games« oder der Universiade als regelmäßige Welttreffen des Studentensports.
Doch wie viele der insgesamt 48,3 Planstellen können auf diese Weise fortbestehen? Und wie viele werden dieser Spitzensportreform am Main zum Opfer fallen – während zugleich bei der neuen Agentur im Sächsischen demnächst zahlreiche Schreibtische zu besetzen sind. Präziseres über die personelle Ausstattung der neuen Agentur wird erwartet, sobald der Bundesrat im Oktober sein Okay zum Sportfördergesetz gegeben hat und der Stiftungsrat anschließend mit der Konfigurierung loslegen darf. Durchaus denkbar, dass der neue Kopf für den Leistungs- und Spitzensport auf Expertise aus dem Hause DOSB nicht verzichten mag und über diese Brücke so mancher Job bei Tabor und den Seinen erhalten bleibt. Am liebsten wäre ihnen natürlich, wenn keine einzige der Planstellen verlustig ginge. Ein frommer Wunsch, den der bayerische Ministerpräsident Markus Söder im März dieses Jahres aufgriff und zum eigenen Vorteil auszunutzen versuchte.
Söders Vorschlag: Warum die neue Agentur nicht in Frankfurt am Main ansiedeln und unter das Dach des DOSB stellen? Eine Idee, wonach praktisch alles beim alten bliebe. Sie zielte darauf ab, die Unabhängigkeit des künftigen Steuerinstruments von vornherein zu untergraben und dafür Planstellen in Frankfurt zu sichern. Ein Etikettenschwindel in dem durchsichtigen Bestreben, beim DOSB ein paar Pluspunkte zugunsten der Münchner Olympia-Ambitionen für 2036, 2040 oder 2044 im Bewerberrennen mit Berlin und Köln-Rhein-Ruhr einzusammeln. Nachdem Söder seine Anregung zum eigenen Vorteil vor einem halben Jahr zum besten gab, wies ihn Christiane Schenderlein, ehemals Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, umgehend in die Schranken. Die neue Spitzensportagentur werde nirgends andocken und niemandes Untermieter sein. Ihr Lebenselixier ist das eines eigenständigen, selbstbestimmten, unabhängigen Expertenrates. Alles andere wäre Unsinn.
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