Zum Inhalt der Seite
Sportpolitik

Unwichtigste Nebensache der Welt

Ein gewisser Bekanntheitsgrad als maßgebendes Kanzlerkriterium für die Nachfolge der Staatsministerin für »Sport und Ehrenamt«, Christiane Schenderlein

Foto: Florian Gaertner/IMAGO
Kurzes Vergnügen: Christiane Schenderlein ist seit drei Wochen keine Staatsministerin für »Sport und Ehrenamt« mehr

Drei Wochen sind inzwischen vergangen, seitdem Bundeskanzler Friedrich Merz im Zuge seiner Regierungsumbildung Ende Juli seine Staatsministerin für »Sport und Ehrenamt« kurzerhand ins Bundesgesundheitsministerium schickte. Die Nachfolge im Sportressort ist bis heute nicht geregelt. »Ich war überrascht und selbstverständlich auch enttäuscht«, äußerte sich Christiane Schenderlein nun erstmals über ihre Auswechslung. Merz habe sie auf dem Rückweg aus ihrem Urlaub angerufen und über seine Entscheidung informiert, sagte die CDU-Politikerin aus Sachsen der LVZ und der Sächsischen Zeitung. In diesem Telefonat habe der Kanzler deutlich gemacht, dass die Entlassung nichts mit ihrer Arbeit zu tun habe, seitdem sie Anfang Mai 2025 in dieses in der Bundespolitik seinerzeit erstmals begründete Amt kam. Mit ihrer Arbeit sei er zufrieden gewesen, habe ihr der Regierungschef attestiert. Allerdings wünsche er sich eine Neuausrichtung des Staatsministeriums »mit einer Person, die einen gewissen Bekanntheitsgrad hat«.

Daher also weht der Wind. Für das Sportressort braucht es mehr Prominenz, gar scheint diese das maßgebende Kanzlerkriterium. Welch merkwürdige Attitüde von Merz, der vor über einem Jahr just einer Frau den vielleicht wichtigsten Posten im bundesdeutschen Sport vermachte, die bis dato mit diesem Metier kaum etwas am Hut hatte. Viele rieben sich damals verwundert die Augen über diese wundersame Personalie. Später war zu beobachten, wie sich die 44jährige sukzessive ins Thema einfuchste, geradezu alle und jeden vornehmlich in der Landschaft des Spitzensports besuchte und sich vor Ort informierte, beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Bonn bis zum Olympiastützpunkt in Stuttgart oder den Volleyballern des Dresdner Sportklubs. Es hat der Frau aus Weißenfels alles nichts genützt. Vermutlich, weil dem Kanzler jemand steckte, dass sie für dieses Ressort zu unbekannt sei und zu wenig schillernd. Was das betrifft, hätte die frühere Weltklasseeiskunstläuferin Katarina Witt allerbeste Karten.

Anzeige

Wie lange wohl wird sich der Kanzler noch Zeit nehmen, um eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu präsentieren – und wen wird er aus dem Hut zaubern? Zwei Rätsel in einem. Die Zeit drängt allemal, denn schon am 26. September steht mit der Wahl des deutschen Bewerbers um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 ein äußerst wichtiger sportpolitischer Termin im Kalender. Spätestens bis dahin sollte die Nachfolge geklärt sein, um der Peinlichkeit zu entgehen, in Baden-Baden ohne Sportministerin oder Staatsminister dazustehen, wenn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bekannt gibt, wer zwischen Berlin, München und der Region Köln-Rhein-Ruhr das Rennen gemacht hat. Das »Ressort Olympiabewerbung« beim Dachverband hat bis dahin alle Hände voll zu tun. Am heutigen Mittwoch weilen Vertreter der Evaluierungskommission beim Kandidaten am Rhein, für Anfang September sind Gespräche in Berlin geplant. München stand am vorigen Donnerstag auf dem Besuchsprogramm.

Derweil hat Hermann Winkler, Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes, das zögerliche Zeitspiel bei der Nachbesetzung des Sportministeriums im Kanzleramt harsch kritisiert. Der Sport sei in der Bundesregierung »scheinbar die unwichtigste Nebensache der Welt«, monierte der Chef des Nordostdeutschen Fußballverbandes gegenüber der dpa. »Die überstürzte Entlassung und die Tatsache, dass fast einen Monat danach immer noch keine Nachfolge geregelt ist, sind unhaltbar.« Nicht nur die Vereine und Verbände, die sich durch die allgemeine Wirtschafts- und Finanzlage in einer schwierigen Situation befänden, bräuchten mehr Rückhalt aus der Politik. Zugleich wäre ein Ansprechpartner in der Regierung mit Blick auf sportliche Großereignisse wichtig, die man gern ins Land holte, so Winkler in Anspielung auf die Olympiabewerbung und einen möglichen Start der Tour de France. Die offiziellen Bewerbungsunterlagen für einen »Grand Départ 2029« in Berlin und Etappen mit Strecken durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegen seit dem Vormonat auf dem Tisch des Rennveranstalters ASO. Eine Entscheidung wird 2027 erwartet, Merz macht’s hoffentlich etwas schneller.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 16, Sport

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!