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Frost Ibex macht sich eisbereit
Für viele sind es erste Schritte in einer neuen Sportart, andere kehren zu einer alten Leidenschaft zurück: Auftaktsaison für das einzige queere Eishockeyteam Zentraleuropas
Die richtige Zeit, der richtige Ort: Im Sport ist beides wichtig, aber nicht nur auf dem Spielfeld. Für Zoë kam das Team namens Frost Ibex genau zum richtigen Moment, am richtigen Ort. »Ich werde wahrscheinlich nie wieder Eishockey spielen«, habe sie sich gesagt – und noch in derselben Woche einen öffentlichen Aufruf von Valentin Gashi gesehen, der das ändern sollte. Auf Gashis Initiative wurde Frost Ibex Anfang des Jahres in Berlin gegründet. Eigenen Angaben nach ist es das einzige queere Hockeyteam in Zentraleuropa.
»Schießt den Puck in die Ecke, und dann die Bande decken«, ruft Zoë – Coach Zoë – ihren Mitspielerinnen und Mitspielern zu. Inzwischen ist sie Teil des fünfköpfigen Coachingteams von Frost Ibex. Ihre Ansage »Auch Stürmer können in Verteidigung spielen« sollte sich die Truppe bis zum Winter einprägen, denn: Das Team besteht zum Großteil aus Leuten, die noch nie zuvor Eishockey gespielt haben. Und: Erst in dieser Saison geht es aufs Eis – bisher trainiert das Team »trocken«. Noch 66 Tage bis zur ersten Eiszeit in Berlin-Lankwitz zählt Coach Cecilia, die die Trainingseinheit zusammen mit Zoë leitet. »Wir sagen immer, dass wir eisbereit sein wollen«, sagt Zoë. Trotzdem werde es »wie ein Neuanfang« sein.
Stichwort Neuanfang: Am Anfang von Frost Ibex stand die Frage »Gibt es Safe Spaces im Berliner Hockey, oder im Eishockey generell, die wir wahrnehmen können?« und der Wunsch, ohne Befürchtungen spielen zu können, erläutert Gründer Gashi gegenüber junge Welt. Und die Unsicherheit, ob überhaupt Interesse an einem solchen Projekt bestehen würde. Inzwischen kann er sagen: »Es ist ein Ort, der darauf gewartet hat, zu entstehen.« Die Mannschaft fülle sich von alleine. »Aus erwarteten vier Leuten wurden zwanzig« und eine »Warteliste, die mittlerweile größer als das Team ist«, so Gashi, der als Goalie auf dem Feld steht. Heute ist Frost Ibex Teil des queeren Sportvereins Vorspiel und wird von der Eisbären-Foundation unterstützt. Dass das »Heated Rivalry«-Phänomen eine Rolle gespielt hat, bestreitet Gashi nicht. »Es hat zeitlich gepasst«, lacht er. Die erfolgreiche schwule Eishockeyromanze kam im Februar ins deutsche Streaming. »Als die Leute dann queeres Eishockey gesucht haben, waren wir plötzlich da.« Zeit und Ort eben.
Aber auch das Grundproblem ist nicht aus der Luft gegriffen. Martin Hyun, Gründer und Vorstandsvorsitzender von »Hockey is Diversity« e. V., erklärte auf jW-Nachfrage: »Queerfeindlichkeit ist im deutschen Eishockey weiterhin ein Thema.« Zwar habe sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt, aber »Ablehnung, Ressentiments und teilweise offen diskriminierende Haltungen« seien weiterhin vorhanden. Über das Reportingsystem des Vereins würden verschiedene Fälle verschiedener Formen von Diskriminierung gemeldet. »Diskriminierung kann sich dabei in den Kabinen, auf der Bank, auf den Rängen und innerhalb der Vereinsstrukturen zeigen.«
Für Zoë war es diese Vorstellung, die sie lange von dem Sport ferngehalten hat. Als sie vor zwölf Jahren nach Berlin gezogen war, habe sie versucht, in einer Mannschaft zu spielen. »Aber die waren einfach nicht besonders offen«, sagt sie. Bei einer Therapiesitzung sei ihr dann Anfang des Jahres der Gedanke gekommen, wie sehr sie Eishockey vermisse – und wieviel schwerer es sein würde, den Sport nach ihrer Transition wieder anzufangen. Dann kam Frost Ibex. »Ich habe Valentins Beitrag gesehen, und der hat mir buchstäblich eine meiner größten Ängste genommen, nämlich die, diese Leidenschaft aus meiner Kindheit zu verlieren.«
Zoë ist in Kanada aufgewachsen. Dass es in der Hockeykultur ein Problem gibt, zeigte sich in dem Eishockeyland zuletzt am Skandal beim Dachverband Hockey Canada um sexualisierte Gewalt: Fünf Spielern, die heute teilweise in der NHL spielen, wurde vorgeworfen, eine junge Frau in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben. Vor Gericht wurden die Angeklagten, die einander deckten, zwar freigesprochen, Beobachter kritisieren den Prozess aber mit dem Slogan »Not guilty but not innocent« (nicht strafrechtlich schuldig, aber auch nicht unschuldig). Viele führen den Vorfall auf die Kultur im Nachwuchseishockey zurück. Einige Aufmerksamkeit hatte etwa die sogenannte Junior Hockey Bible erhalten – ein im Internet verbreitetes Dokument, das gemeinschaftlich begangene sexuelle Übergriffe glorifiziert.
»Eishockey ist traditionell stark von Vorstellungen von Härte, Männlichkeit und Anpassung geprägt«, sagte auch Martin Hyun. Vor diesem Hintergrund hält er die Gründung von Frost Ibex für eine »sehr positive Entwicklung«. Dennoch: »Wenn Menschen einen eigenen Verein gründen, um sich sicher und selbstverständlich fühlen zu können, sollten wir nicht nur diesen Verein feiern. Wir sollten uns gleichzeitig fragen: Was sagt das über die Strukturen aus, die vorher da waren?« Sein Wunsch: »Dass wir irgendwann an einem Punkt sind, an dem die Frage nicht mehr lautet, ob queere Menschen einen Platz im Eishockey haben. Sondern an dem selbstverständlich ist: Eishockey gehört allen.«
Trotzdem: In der Berliner Hockeywelt scheint die Neugründung ziemlich gut anzukommen. »Wir haben wirklich von allen Personen, die irgendwas, egal auf welcher Ebene, zu melden haben, nicht eine negative Nachricht oder negatives Feedback bekommen«, betont Gashi. Kein Wunder, denn die Freude am Sport ist bei Frost Ibex greifbar. So können Nachwuchstalente hier dem schnellsten Teamsport der Welt näherkommen – in einer Umgebung, die laut Coach Zoë »selbst für einen queeren Ort unglaublich einladend« ist.
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