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Sportpolitik

Karrieresprung ins Kanzleramt

Der frühere Weltklassekanute Ronald Rauhe ist der neue Staatsminister für Sport und Ehrenamt

Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
So sehen Sieger aus: Ronald Rauhe 2021 in Tokio

Die erste Gratulantin für Ronald Rauhe war am Donnerstag die Stiftung Deutsche Sporthilfe mit einer Blitzpressemitteilung, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz unmittelbar zuvor via Instagram informiert hatte. Dem Staatsministerium für Sport und Ehrenamt wird ab sofort der 44jährige frühere Rennkanute, zweimalige Olympiasieger und 16malige Weltmeister Ronald Rauhe vorstehen und somit die Nachfolge von Christiane Schenderlein antreten, nachdem der Posten seit Ende Juli vakant gewesen war. Die schnelle Reaktion aus Frankfurt am Main verwundert wenig. Die Sporthilfe, früher ausschließlich aus Privatmitteln finanziert, ist inzwischen auf Millionen als Beihilfe vom Bund angewiesen. Deshalb galt es wohl, zunächst einmal gute Figur zu machen gegenüber dem neuen starken Mann und Hoffnungsträger des bundesdeutschen Sports.

Gut möglich allerdings, dass die zügige Gratulation nach hinten losgeht und sich dem Neuminister gleich bei Amtseinführung die Frage aufdrängt: Warum kann dieses seit 1967 bestehende Instrumentarium zur Förderung von Athleten, mit dem ich seit Beginn meiner internationalen Karriere Ende der 90er Jahre persönlich engstens verbunden war, heute nicht mehr auf eigenen Füßen stehen? Es ist nämlich einer der großen Vorzüge des neuen Mannes am Kabinettstisch, dass er fast sämtliche Puzzleteile des bundesdeutschen Leistungs- und Spitzensports aus eigener Erfahrung kennt. Als langjähriger Sportsoldat weiß er um die Stärken und Schwächen dieses Spitzensportmodells und ebenso gut Bescheid über die Arbeit der Olympiastützpunkte und der Trainergilde, die in ihm garantiert einen der größten Fürsprecher hat.

Der Ehemann der früheren Weltklassekanutin Fanny Fischer und Vater zweier Söhne kennt das nationale Trainingszentrum Kienbaum, 40 Kilometer östlich von Berlin, wie seine Westentasche. Direkt am Ufer des Liebenberger Sees gelegen, auf dem der Absolvent der Uni Potsdam im Fach Sportmarketing über Jahre hinweg bis zum Karriereende 2021 reichlich Schweiß vergoss. Er weiß um die Arbeit der Ingenieure der Forschungsstelle zur Entwicklung von Sportgeräten (FES), mit denen er regelmäßig bis hin zum Feintuning seiner Rennboote fachsimpelte. Als passioniertem Freizeit­kanupolospieler sind Ronald Rauhe sogar die Sorgen und Nöte des oft untergebutterten nichtolympischen Sports ein Begriff.

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Überdies bringt er eine gesamtdeutsche Vita mit. Er war Schüler der Heinrich-Böll-Oberschule im Berliner Bezirk Spandau, schloss sich 2002 aber dem Kanu-Club Potsdam an. Zwei Jahre zuvor hatte er in Sydney bei seinen ersten Olympischen Sommerspielen mit Tim Wieskötter die Bronzemedaille im Zweierkajak gewonnen. 2004 in Athen stand das Paradeduo dann ganz oben auf dem Treppchen. 2008 in Beijing verpassten sie den neuerlichen Coup nur um 9/100 Sekunden und gewannen Silber. 2016 in Rio holte Rauhe Bronze im 200-Meter-Einer-Kajak. Die Krönung folgte 2021 in Tokio mit dem Olympiasieg im Vierer, zusammen mit Max Lemke, Tom Liebscher und Max Rendschmidt. Zur Abschlussfeier der Spiele vor fünf Jahren, seinen insgesamt sechsten, war Rauhe Fahnenträger für »Team Germany«.

Der neue parteilose Staatsminister ist in der Welt des Spitzensports also ein Mann vom Fach. Als Solist wie als Teamplayer, er kennt die süße Minute des größten Sieges so gut wie die Bitternis der hauchzarten Niederlage. Vor allem aber paddelte er nicht nur einen Sommer, sondern gehörte über zwei Dekaden hinweg zur absoluten Weltklasse. Dennoch ist er keineswegs nur auf Medaillen fixiert, sondern versteht auch die wichtige Rolle, die Millionen Ehrenamtliche nicht nur im Breitensport spielen.

Dies hatte er wiederholt glaubhaft kundgetan. Ende 2021 anlässlich der Verleihung des »Silbernen Lorbeerblatts« an erfolgreiche Athleten nutzte Rauhe spontan die Gelegenheit und wandte sich in seiner Dankesrede direkt an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit der Bitte, den Sport als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen. Was bis heute nicht geschah. Mit diesem Gedanken trage er sich schon länger, so Ronald Rauhe kurz darauf im jW-Interview: »Der Sport – und nicht nur der Leistungssport – muss meines Erachtens aufpassen, dass er nicht unter die Räder kommt und damit die von ihm gelebten Werte wie Solidarität und Miteinander. Sport, das sind nicht nur Medaillen, das ist zugleich Sozial- und Gesundheitspolitik. Dafür müssen wir uns stark machen, dafür trete ich ein und dafür möchte ich werben.« Worte wie eine Steilvorlage für den Karrieresprung ins Kanzleramt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.09.2026, Seite 16, Sport

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