Fossiles Dilemma
Das Wettrennen um die Entwicklung von KI-Systemen verschärft den Energiehunger des digitalen Kapitalismus – und damit globale Konflikte um Öl und Gas
Eigentlich fehlt das US-Kapital nie, wenn irgendwo auf der Welt eine Konferenz stattfindet, bei der es was zu holen geben könnte, und sei es nur die Vernetzung mit anderen Branchenakteuren. Doch als sich die globale Techelite Mitte Juni auf der World Artificial Intelligence Conference (WAIC) in Shanghai traf, glänzten die US-Amerikaner durch Abwesenheit. Hingegen warb der chinesische Präsident Xi Jinping bei der Gelegenheit für das Modell einer staatlich koordinierten KI-Infrastruktur, eingebettet in internationale Kooperationen. Die Abwesenheit der USA machte deutlich, dass dort andere Pläne verfolgt werden. Die US-Techmogule, die noch im Mai mit Präsident Donald Trump nach Beijing geflogen waren, schlugen die Einladung nach Shanghai aus – ein deutliches Zeichen dafür, dass sich der Konkurrenzkampf weiter verschärft.
Geht es nach der US-amerikanischen Rechten, ist Regulierung das Böse schlechthin. Der rechte Oligarch Peter Thiel bezeichnet zwischenstaatliche Regulationsinstitutionen wie die UNO auch mal als den »Antichristen«. Somit gibt es in Sachen KI nun zwei sich gegenüberstehende Staatenbünde: die von chinesischen Eliten angeführte World AI Cooperation Organization (WAICO), der sich am 16. Juni dieses Jahres 29 Staaten angeschlossen haben, und einen von den USA geführten KI-Block mit dem Namen AI Opportunity Partnership. An ihm sind 35 Länder beteiligt, darunter Indien, Argentinien und die EU inklusive der BRD.
Die Entwicklungen im KI-Bereich treiben einen weiteren Keil zwischen die konkurrierenden Weltmächte. Dabei geht es jedoch nicht nur um Algorithmen, Chips oder Investitionen, sondern auch um Energie: »Wir befinden uns in einem KI-Wettrüsten mit China. Der einzige Weg, diesen Wettlauf zu gewinnen, besteht darin, mehr Strom bereitzustellen.« Diese Worte stammen von Douglas Burgum, seines Zeichens US-Innenminister und Vorsitzender des von US-Präsident Trump per Dekret geschaffenen National Energy Dominance Council (NDEC, zu deutsch: Nationaler Rat für Energiedominanz). Aufgabe des Gremiums ist es, für die ausreichende Versorgung der energiehungrigen KI-Branche mit Strom zu sorgen – und das heißt vor allem die Kontrolle über fossile Energieträger. Allein die Verbrennung von Gas ist laut dem US-Energieministerium für 40 Prozent des in den USA produzierten Stroms verantwortlich, Kohle macht 23, Öl fünf Prozent aus.
Trump zielt auf China
Derzeit produzieren die USA so viel Gas und Öl, dass sie nicht nur den eigenen Bedarf decken können, sondern auch Rekordmengen an fossilem Brennstoff exportieren. So sind die USA beispielsweise in den vergangenen Jahren zum größten Gasexporteur der Welt aufgestiegen. Ermöglicht hat das vor allem der Krieg in der Ukraine, in dessen Folge der Kauf kostengünstigen russischen Erdgases durch die EU immens reduziert, wenn nicht vollständig eingestellt wurde. Ersetzt wurden diese Energieimporte maßgeblich durch deutlich teurere Flüssigerdgaslieferungen aus den USA.
Warum also hält sich Washington vor diesem Hintergrund noch extra einen Rat für Energiedominanz? Die Antwort lautet »China«. Die US-Strategie zielt darauf ab, den Energiefluss in die Volksrepublik und damit ihre technologische Entwicklung, gerade auch im Bereich der KI, zu drosseln. Bereits im Sommer 2023, also noch während der Amtszeit von Joe Biden, erbat der US-Senat in einer Anfrage an das US-Verteidigungsministerium eine Auslotung möglicher Szenarien für eine Blockade von Energielieferungen nach China für den Kriegsfall.
Auch ohne Kriegserklärung ist dies aber längst Realität. Mit der Entführung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores im Januar beseitigte die Trump-Regierung einen Öllieferanten Chinas. Ölimporte aus Venezuela machten bis dahin etwa vier Prozent der chinesischen Einfuhren aus. Auch der Wegbruch der Öllieferungen aus dem von den USA und Israel angegriffenen Iran soll Beijing treffen.
Strategische Reserven
Dass der befürchtete weltweite Ölpreisschock, den Experten als Folge des Kriegs gegen den Iran prognostiziert hatten, bislang ausgeblieben ist, liegt auch daran, dass China seine Nachfrage vorübergehend drosselte und auf seine strategischen Reserven zurückgriff. Wie groß diese tatsächlich sind, hält Beijing geheim. Westliche Analysen auf Basis von Satellitenaufnahmen von Ölspeichern gehen davon aus, dass dort insgesamt deutlich über eine Milliarde Barrel gelagert sein könnten – vermutlich die größten strategischen Vorräte der Welt.
Doch auch solche Reserven kaufen nur Zeit; ein langfristiger Ausfall von Handelsrouten, eine weitere Eskalation im Nahen Osten oder andere Disruptionen der globalen Energiewirtschaft könnten die Weltwirtschaft weitaus schwerer treffen als die moderaten Schocks der zurückliegenden Jahre. Die Reserven würden schrumpfen, die Preise explodieren, Lieferketten reißen und die Industrieproduktion einbrechen. Die internationale KI-Konkurrenz verschärft auch die Verwundbarkeit des gesamten Energie- und Wirtschaftssystems, denn Rechenzentren konkurrieren künftig mit Stahlwerken, Chemieindustrie, Verkehr und privaten Haushalten um dieselben Kilowattstunden.
Die Antwort der Regierungen auf diese Problemlage lautet: noch mehr Kohle, Öl und Gas. Das gilt im Westen wie im Osten. China baut heute zwar mehr Solar- und Windkraftwerke als jedes andere Land der Erde – es errichtet gleichzeitig aber auch neue Kohlekraftwerke. War der Ausbau von Kohlekraftwerken in China Mitte der 2010er Jahre noch rückläufig, ging der Trend in der jüngeren Vergangenheit wieder steil nach oben. Chinas Energiestrategie verfolgt das Ziel, 2030 den Höhepunkt an CO₂-Ausstoß zu erreichen.
Auch Indien setzt verstärkt auf Kohle. Die Adani Group, einer der größten Infrastruktur- und Energiekonzerne des Landes, investiert parallel in Solarfabriken, Stromnetze, Häfen und den Ausbau der Kohleförderung. Bis auf weiteres sind aber sowohl China als auch Indien auf Importe fossiler Brennstoffe angewiesen und bleiben somit angreifbar.
Wer kontrolliert die Felder?
Und dann gibt es, neben dem Hauen und Stechen um Energieliefer-Routen, auch diverse Konflikte und Kriege um die Quellen, aus denen Öl und Gas sprudeln. Eine der ersten Auslandsreisen des ehemaligen deutschen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck führte ihn im März 2022 nach Katar, wo es reichlich Erdgas zu holen gibt. Vor der katarischen Küsten liegt mit dem Gasfeld North Dome (der Iran nennt es South Pars) das größte bekannte Erdgasfeld der Erde. Es wird sowohl von Iran als auch von Katar angezapft, deren Staatsgrenze mitten durch das Vorkommen verläuft. Im US-amerikanischen Angriffskrieg gegen Iran wurde es bereits zum Ziel von Militärschlägen.
Auch Gasreserven im östlichen Mittelmeer gewinnen angesichts der Drohkulisse einer globalen Energiekrise wieder an Wichtigkeit und heizen die Kriegspolitik des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu und seiner rechten Regierung an: Vor den Küsten Israels, Gazas und des Libanon wurden in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende Erdgasfelder entdeckt. Israel exportiert Gas aus den Feldern Leviathan und Tamar über Ägypten, wo es verflüssigt und als LNG nach Europa verschifft wird. Doch auch der Libanon beansprucht Teile der Felder vor seiner Küste.
Angst vor dem Abstieg
Auf beiden Seiten, sowohl in Asien als auch im Westen, wird das Rennen um Energie und damit um Konkurrenzfähigkeit von Angst angetrieben. Im Westen grassiert die Angst davor, die westliche Hegemonie auf dem Weltmarkt – den US-Dollar als Weltgeld, die Kontrolle wichtiger Handelsrouten und das exportgetriebene Wirtschaftsmodell der EU-Industrienationen – zu verlieren. Im Osten ist die Erinnerung an den britischen Kolonialismus nach wie vor präsent. Damals kamen die Europäer mit modernen, kohlegetriebenen Kanonenbooten, die ihnen einen entscheidenden technologischen Vorteil verschafften. Die asiatischen Megavolkswirtschaften haben kein Interesse, sich erneut, heute im Bereich KI, vom Westen technologisch übertrumpfen zu lassen.
Sowohl das weltweite Energiesystem, seine angesichts der Klimakrise eigentlich dringend notwendige Entkarbonisierung, als auch die Gefahren, die der unregulierte Boom von KI-Systemen birgt, schreien nach mehr internationaler Kooperation. Doch die Verletzungen aus der Vergangenheit und die zugespitzte Staatenkonkurrenz auf dem Weltmarkt sorgen für das Gegenteil.
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