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Angebot ist Quark, das Verhalten Käse
In Bayerns Milchwirtschaft gehen die Streiks nach einem dreisten Rückzieher der Unternehmen weiter
Fast überall in Bayern haben in den vergangenen Wochen Beschäftigte der Milchindustrie gestreikt. Ihr Ziel sind Entgelterhöhungen von 4,1 Prozent, 80 Euro mehr im Monat für die Auszubildenden und fünf zusätzliche freie Tage. Das Angebot der Verbände der Milcherzeuger Bayerns bleibt hinter diesen Forderungen jedoch deutlich zurück.
Die zuständige Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sprach von einer »Rolle rückwärts« – denn in der dritten Tarifverhandlung Mitte Juli hätten die Unternehmen ihr bereits vorliegendes Angebot zurückgezogen, das noch zwei zusätzliche Entlastungstage umfasst hatte. Statt dessen kehrten sie zur bereits im Juni von den Beschäftigten abgewiesenen Minierhöhung von gerade einmal 2,1 Prozent mehr Entgelt für Beschäftigte und Auszubildende bei einer Laufzeit von 13 Monaten zurück.
Deswegen begannen ab dem 23. Juli weitere Warnstreiks in Bayern. So schlossen sich etwa Beschäftigte aus drei Molkereien und einer Käserei in Oberbayern zu einem zentralen »Milchprotestzug« in Wasserburg zusammen. Mit dabei waren Kollegen der Privatkäserei Bergader aus Waging sowie aus Molkereien in Wasserburg und Haag. Zuletzt streikten am Donnerstag zum Beispiel etwa 250 Beschäftigte von Zott in Mertingen und 100 Kollegen der Neuburger Milchwerke.
Im ganzen Bundesland sei die Herstellung von Milchprodukten in etlichen Betrieben und für längere Zeit weitgehend zum Stillstand gekommen, erklärte der bayerische NGG-Landesvorsitzende, Mustafa Öz. Das Verhalten des Unternehmerverbandes sei beispiellos gewesen. »Das ist eine unglaubliche Provokation – eine knallharte Kampfansage.« Statt sich, wie eigentlich in Tarifverhandlungen üblich, allmählich anzunähern, hätte die andere Seite mit ihrem Rückzieher die rund 19.000 Beschäftigten der bayerischen Milchwirtschaft brüskiert. Überhaupt nicht nachvollziehbar sei es etwa, die zuvor bereits zugestandenen zwei Entlastungstage wieder zurückzunehmen. Da offenkundig selbst 20 »effektvolle Warnstreiks« bis zur dritten Verhandlungsrunde nicht gereicht hätten, müssten die Arbeitskämpfe weitergehen, bis »diese Lektion verstanden« worden sei und ein vernünftiges Angebot vorgelegt werde.
Nachvollziehbar ist die Kehrtwende kaum, zumal es in anderen Regionen bereits Tarifabschlüsse gibt. So hätten sich Gewerkschaft und Unternehmen für die Beschäftigten der Milchindustrie Rheinland-Nassau, die hessischen Molkereien und für Hochwald Foods am 10. Juli auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt, der Entgelterhöhungen von 2,5 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten beinhaltet, berichtete das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt am 22. Juli. Im selben Artikel kam Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger Bayern zu Wort, der die Forderungen nach einer Lohnanpassung als legitim bezeichnete, sich aber darüber ärgerte, dass in der Folge auch die Kosten in der Wertschöpfungskette Milch steigen würden.
Vor dem von der NGG ausgerufenen »Milchblackout« habe er keine Angst, da die Beschäftigten in den Molkereibetrieben nicht flächendeckend organisiert seien, sagte der Lobbyist weiter. Bei vorangegangenen Warnstreiks sei »die Milch nicht sauer« geworden, sondern »immer abgeholt und verarbeitet« worden. Susanne Glasmann, die Geschäftsführerin des Verbands der Bayerischen Privaten Milchwirtschaft, nannte einen fairen Tarifabschluss als Ziel, der zukunftsfähig für alle Beteiligten sei. Auch sie befürchtete keine Engpässe bei der Versorgung mit Milch und Milchprodukten durch die Streiks.
Für die NGG Bayern passt das Verhalten der Verbände nicht zur wirtschaftlichen Situation der Branche, so Mustafa Öz. Die verarbeitete Milchmenge im Bundesland nehme immer weiter zu, während die Beschäftigtenzahl in den meisten Betrieben konstant bleibe oder sogar sinke. »Das bedeutet für die Beschäftigten mehr Arbeit – und das für viele frühmorgens, spätabends, nachts und auch am Wochenende.« Die Mehrbelastung gebe es seit Jahren. Zugleich sei ein erheblicher Fachkräftemangel in den nächsten Jahren absehbar, wenn die Beschäftigten aus den geburtenstarken Jahrgängen in Rente gingen. Um große Lücken zu vermeiden, »müssen jetzt Lohnanreize gesetzt werden«, so Öz weiter. Wirtschaftlich sei das überhaupt kein Problem, da die Branche in Bayern hochprofitabel arbeite. Gleichzeitig sei der Lohnkostenanteil mit durchschnittlich sieben Prozent vergleichsweise niedrig – in anderen Zweigen der Ernährungsindustrie sei er laut dem Gewerkschafter fast doppelt so hoch. Die Verhandlungen sollen am 10. und 11. August in die vierte Runde gehen.
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