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Koloniale Gewalt früher und heute
Bei einer Buchvorstellung in Ostjerusalem zeigt sich, dass angebliche Objektivität oft nur die Täter schützt
Im schattig-kühlen Garten des Albright-Institutes in Ostjerusalem begrüßt Direktor James Fraser die britische Autorin Julie Norman, Professorin am King’s College in London. Sie stellt ihr neues Buch vor: »Gaza. The Dream and the Nightmare« (Gaza. Traum und Alptraum). Unter den Zuhörern finden sich sehr viele internationale Besucher, eine relativ große Zahl von jüdischen Israelis und schließlich einige Palästinenser, Bewohner des besetzten Ostjerusalem.
Das Albright-Institut wurde 1890 als »American School of Oriental Research« gegründet und bezog 1925 das neu errichtete Gebäude mitten auf der Ostjerusalemer Saladin-Straße. 1970 fand der Namenswechsel statt. Obwohl ursprünglich ein Institut für archäologische Forschung, hat es sich in den vergangenen Jahren für breitgefächerte wissenschaftliche Projekte und aktuelle politologisch-soziologische Diskussionen geöffnet.
Am Dienstag stand Julie Norman vor einem Publikum, das hoffte, von ihr und ihrem Buch neue und in die Tiefe gehende Analysen über Gaza zu erhalten. Die meisten internationalen Zuhörer sowie die Mehrzahl der jüdischen Gäste aus Westjerusalem reagierten positiv auf die Präsentation. Dagegen waren die anwesenden Palästinenser, einige kritische und bestens informierte internationale Teilnehmer sowie ein bis zwei linke Juden enttäuscht.
Die Enttäuschung machte sich vor allem am einleitenden Bekenntnis der Autorin zur Objektivität fest. Wie, so fragten sie, kann ein Buch angesichts eines Völkermords, der seit zweieinhalb Jahren andauert, objektiv sein? Die angekündigte Objektivität ließ zu wünschen übrig, als die Frage nach der Religiosität der Menschen in Gaza gestellt wurde. Unvorstellbar für jeden, der Gaza wirklich kennt: der Schluss von Norman, dass Religion dort eigentlich keine Rolle spiele.
So zitierte sie jedenfalls ihre Interviewpartner, die eine zentrale Basis für das Buch bilden. Fast als logische Folge waren alle diese Menschen aus Gaza – zum Teil sind sie noch dort und wurden über Telefon oder Whats-App interviewt, oder sie sind nach Kairo oder Europa geflüchtet – Gegner der Hamas. Ihr Buch, so Julie Norman weiter, präsentiere eine ausführliche historisch-politische Analyse der Hamas. Der erste lächerliche Fehler war ein falsches Datum, als sie den Beginn der Hamas-Regierung von 2006 auf 2007 verschob. Das Wahlergebnis vom Januar 2006 und die Reaktion der Hamas auf das an sie gerichtete Ultimatum des sogenannten Nahostquartetts aus USA, EU, Russland und UNO, unter anderem auf Gewalt zu verzichten und Israel anzuerkennen, wurden sehr oberflächlich, ja irreführend dargestellt.
Schließlich war, so Norman weiter, das Leben der Menschen in Gaza unter der Hamas eine einzige Leidensgeschichte. Die Analyse kulminierte in der apodiktischen Feststellung, dass die Hamas am 7. Oktober ein unsäglich abscheuliches Verbrechen gegen israelische Menschen verübt hatte. Eine Differenzierung zwischen der Besatzungsarmee, die Gaza seit 2006 immer wieder mit gnadenlosen Bombardierungen überzogen hatte, und den Zivilisten in den Kibbuzim bzw. Wehrsiedlungen rund um das Gebiet fehlte. Selbst der Hinweis auf die Anwendung der sogenannten Hannibal-Doktrin blieb aus. Erlaubt diese doch der Armee, Soldaten oder Zivilisten zu bombardieren, sprich zu töten, wenn Gefahr im Verzug sei, etwa Entführungen. Ohne eine überfällige unabhängige Untersuchung, die Israel bis heute verhindert, bleibt unklar, wie viele Zivilisten so zu Opfern wurden.
Die Palästinenser kritisierten Julie Normans kolonialistisch geprägten Ansatz. Auch die einführenden Worte von Direktor Fraser, das Institut sei offen für alle, ungeachtet der Nationalität, der Religion und der ethnischen Zugehörigkeit, stießen auf palästinensisches Unverständnis. Sie bemängelten Hinweise auf Besatzung, »ethnische Säuberung« und tagtäglich zunehmende rassistische Gewalt gegen die Palästinenser.
In einer öffentlichen Veranstaltung im Kreuzgang der evangelischen Erlöserkirche – sie hat ihre Wurzeln im Besuch Kaiser Wilhelms II. in Jerusalem 1898 – wurde die Besatzung ebenfalls vollständig ausgeklammert. Die Redner sahen Jerusalem inklusive Ostjerusalem als jüdisch-israelische Stadt, als Zentrum des Judentums. Palästinenser sollten, so der Tenor, Vergebung üben und sich mit der Besatzung aussöhnen. Dass das rassistisch-völkermörderische israelische Regime Dialog ablehnt und nur ein Ziel verfolgt, Palästinenser zu töten und zu vertreiben, blendet die kolonialistische Perspektive aus. Ob im Albright-Institut in der Saladin-Straße oder mitten in der Altstadt in der Erlöserkirche: Der Blick auf palästinensische Menschen bleibt kolonialistisch..
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