- → Ausland
Vom Wert der Geschichte
Ein unverstellter Blick in die Vergangenheit ist der Schlüssel zur Veränderung
Das Wichtigste, was man anderen weitergeben kann – als »Leitstern«, wie die Galaxy Foundation sagt –, ist das Wissen um die Geschichte. Wahre Geschichte lehrt uns, warum die Gegenwart so ist, wie sie ist. Malcolm X pflegte zu sagen: »Von allen unseren Studien ist die Geschichte am besten geeignet, unsere Forschung zu belohnen.« Als er aus der Geschichte lernte, veränderte er sich. Die Geschichte der Schwarzen in Amerika öffnete ihm die Augen und erweiterte seinen Horizont. Sie formte ihn neu und machte ihn zu einem der bedeutendsten schwarzen Anführer des 20. Jahrhunderts. Diese Kraft der Geschichte liegt darin, die Welt von heute so zu sehen, wie sie tatsächlich ist – und nicht so, wie wir sie sehen sollen.
Dabei denke ich auch an Frantz Fanon und seine Ausführungen zu Algerien (auf deutsch zum Beispiel in dem 2025 bei Suhrkamp erschienenen Band »Aspekte der Algerischen Revolution/Die Verdammten dieser Erde«; jW). Der französische Staat wollte nicht nur das algerische Volk und das Land Algerien unter seine Kontrolle bringen. Die Kolonialmacht wollte bis in die Vergangenheit zurückgreifen und die Geschichte des algerischen Volkes auslöschen. Und was ist mit Steve Biko? Das rassistische Regime Pretorias fürchtete und ermordete ihn, weil es glaubte, dass er eines Tages Präsident Südafrikas werden würde.
Ein Buch, das mir in diesem Zusammenhang sehr am Herzen liegt, ist das bemerkenswerte Geschichtswerk des brillanten Historikers Robin D. G. Kelley. Sein 1990 erschienenes Buch »Hammer and Hoe. Alabama Communists during the Great Depression« (Hammer und Hacke: Alabamas Kommunisten während der Weltwirtschaftskrise) handelt von einer kommunistischen Gruppe, die in den 1930er Jahren in Alabama mit Landarbeitern und Bergleuten zusammenarbeitete, die ein paar zusätzliche Pennys forderten, um ihre Familien versorgen zu können. Als Reaktion darauf wurden sie von rassistischen Gruppen wie den »Knights of the White Camelia«, dem Ku-Klux-Klan und anderen attackiert, die mit der Polizei und vor allem mit den Großgrundbesitzern gemeinsame Sache machten.
Als ich das Buch las, war ich völlig überwältigt. Der Staat will offensichtlich nicht, dass die Menschen aus ihrer Lethargie erwachen. In diesem Zusammenhang ist die Erarbeitung der Geschichte so wichtig, denn aus ihr können wir lernen, warum die Welt heute so ist, wie sie ist. Darin liegt der Schlüssel zu ihrer Veränderung.
Aus den Tiefen einer Gefängniszelle in Pennsylvania, in der ich das 44. Jahr einer Haftstrafe verbüße, die einem »Tod durch Inhaftierung« (»Death by incarceration«) gleichkommt, spreche ich euch, den von der Galaxy Foundation ausgewählten »Galaxy Leader Fellows«, meine tiefste Wertschätzung aus und meine revolutionäre Solidarität im Namen der Freiheit. Ich danke euch allen für eure gute Arbeit.
→ Übersetzung: Jürgen Heiser
→ Mumia Abu-Jamal schrieb diesen Beitrag für die Jahrestagung der US-Stiftung »Galaxy Gives«, die im Juli in Puerto Rico stattfand. Die gemeinnützige Stiftung unterstützt ehemalige und noch inhaftierte Gefangene, die sich im »Abolitionist Movement« für die Abschaffung der Gefängnisse einsetzen. Gefördert werden auch Organisationen wie das »Abolitionist Law Center« in Pennsylvania, das Mumia anwaltlich vertritt und gleiche Ziele verfolgt. 2019 rief die Stiftung das »Galaxy Leader Fellowship«-Stipendium zur Schulung von Basisaktivisten, Menschenrechtlern und Kulturschaffenden ins Leben. »In den USA mit einer der höchsten Inhaftierungsraten« erfüllen die so Geförderten in der breiteren Bewegung die Aufgabe, »sich gegen hohe Strafen und erniedrigende Praktiken der Masseninhaftierung einzusetzen«, so die Stiftung. Der indigene Tagungsteilnehmer George Galvis dankte der Stiftung für den »phantastischen Besuch in ›Borinken‹ – den kolonisierten Gebieten der Taino, genannt ›Puerto Rico‹« – dafür, dass sie »stets ein Umfeld für tiefgreifende Lernerfahrungen, Gespräche und den Aufbau wichtiger Beziehungen« schafft. Einer der Höhepunkte sei die Diskussion mit Alicia Rodriguez, Herberto Marin Torres und Luis Rosa gewesen, ehemaligen politischen Gefangenen aus der Unabhängigkeitsbewegung Puerto Ricos. (jh)
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,5
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
