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Pogrom oder komplex

Foto: Christoph Soeder/dpa

Der Anschlag im Berliner Tiergarten am Sonnabend hat die Kommentarspalten am Montag gefüllt. Kaum eine Rolle spielte dabei, dass der mutmaßliche Attentäter Abdul Ballout seit Jahren von Polizei und Geheimdiensten überwacht wurde, also an einer mehr oder weniger langen Leine deutscher Behörden lief. Seine Erschießung am Sonntag abend spielte in den Kommentaren noch keine Rolle. Sie pendeln zwischen staatstreuem Gejammer, wonach die Tat ein Angriff auf die »offene« Gesellschaft ist, und dem Ruf nach einem Staatspogrom an Migranten.

Am entschiedensten setzt sich die Berliner Zeitung für harte Bandagen ein. Unter der Überschrift »Bürger sterben, weil der Staat es nicht anders will« macht Chefredakteur Moritz Eichhorn das Thema Migration zum zentralen Punkt: »Über Jahre hat Deutschland eine Einwanderung zugelassen, illegal wie legal, deren Dimension jede Kontroll-, Prüf- und Rückführungskapazität gesprengt hat.« Der Staat sei überfordert und leugne die Überforderung. Da kommen einem ob des schwachen Staates die Tränen. Der kontrollierte zumindest den umgehend von ihm beseitigten Ballout nach eigenen Angaben seit Jahren. Kann man beim Dreschen rechten Strohs schon mal übersehen.

Springers Welt schlägt in dieselbe Kerbe und fügt der »tödlichsten Gefahr für Schwule, Lesben und andere sexuelle Minderheiten«, die von Islamisten ausgehe, deren vermeintliche deutschen Dulder hinzu: »Es bleibt völlig unverständlich, dass Aktivisten, die hierzulande inzwischen selbst winzige Benachteiligungen von Minderheiten beklagen, nicht viel entschiedener die Diskriminierung von queeren Menschen, von Juden und auch von Frauen durch traditionalistische migrantische Milieus anprangern.« Klar, wer für Menschenrechte eintritt, hilft den Barbaren. Im Kampf gegen die muss die Zivilisation stets abgeschafft werden.

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Den Tagesspiegel juckt es, nach Gewalt zu rufen, aber so richtig traut er sich nicht: »Die Antwort der politischen Mitte muss ebenso hart sein wie konsequent.« Der verbale Schuss kam dem aus einer Polizeiwaffe in einem Spandauer Kleingarten nur knapp zuvor.

Die Süddeutsche Zeitung erklärt das, was sie nicht erklären will, nämlich die Antwort auf die Jammerfrage »Wie kann so etwas passieren?«, nach dem Regierungsmuster zur Beurteilung völkerrechtswidriger Kriege der USA und Israels für »komplex« und weiß gemäß diesem Verfahren: »Viele werden nach schnellen und einfachen Antworten rufen.« Zum Glück findet das anspruchsloseste Blatt Deutschlands eine komplexe Antwort: »Mehr Zusammenhalt, mehr Sichtbarkeit.« Da lässt sich mit Wiglaf Droste helfen: »Die Antwort, mein Freund, musse feife inne Wind«. (as)

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.07.2026, Seite 2, Ansichten

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