Der EU den Stecker ziehen
Am Dienstag, als der deutsche Bundeskanzler in Évian Donald Trump zum 80. Geburtstag ein Fußballtrikot schenkte, berichteten deutsche Medien: Das US-Unternehmen Anthropic hat drei Tage zuvor nach einer Anordnung der US-Regierung den Zugang zu einer erst vor wenigen Tagen veröffentlichten Künstlichen-Intelligenz-Software (KI) blockiert. Regierungsbehörden hätten unter Verweis auf die nationale Sicherheit angewiesen, den Zugang aller Ausländer zu den KI-Modellen »Fable 5« und »Mythos 5« zu unterbinden. Weil sich dies kurzfristig nur schwer umsetzen lasse, habe Anthropic den Zugang zunächst für alle Nutzer weltweit gekappt.
Im Handelsblatt schlägt dessen Chefredakteur Sebastian Matthes wegen dieses Verbots am Freitag Alarm. In der Diskussion in Deutschland über die Verwendung von KI beim Schreiben von Reden oder Gastbeiträgen, etwa von Digitalminister Karsten Wildberger, reibe sich die Öffentlichkeit »an nebensächlichen Details dieses Themas auf«. Das überdecke die viel wichtigere Entwicklung, die sich mit der US-Softwaresperre für Ausländer zugetragen habe. Matthes zieht daraus weitreichende Schlussfolgerungen. »Europa« werde »von der Technik abgeschnitten«. Die US-Entscheidung markiere »einen historischen Wendepunkt«: »Nie zuvor hat Europa den technologischen Imperialismus der USA so zu spüren bekommen und zugleich die eigene gefährliche Abhängigkeit.«
Den Einwand, die Europäer nutzten jetzt schon von WhatsApp bis Suchmaschinen ständig US-Software, seien also von ihr abhängig, lässt Matthes nicht gelten. Er argumentiert: »Aber dieses Mal haben wir es mit einer anderen Dimension zu tun. Sprachmodelle sind nicht einfach eine andere Art von Software. Sie werden immer mehr zu einer Art Basisinfrastruktur für die Wirtschaft, weil sie in der Lage sind, selbständig zu programmieren, Prozesse in Firmen zu automatisieren, Märkte zu analysieren und neue medizinische Therapien zu entdecken.« Deswegen sei das Verbot so »gefährlich«.
Die Vorstellung, die beiden KI-Modelle seien nicht nur ein paar Tage auf dem Markt gewesen, sondern hätten seit Monaten in Unternehmensprozesse integriert sein können, gefällt ihm nicht: »Und dann zieht Washington den Stecker. Es wäre ein wirtschaftlicher Blackout auf Knopfdruck. Dieses Mal war es die US-Regierung. Nächstes Mal ist es vielleicht ein US-Milliardär, der einen schlechten Tag hat.« China habe sich auf genau solch ein Szenario vorbereitet, »eigene Plattformen entwickelt und Milliarden in ein eigenes Technologieökosystem investiert«. Europa sei »derweil immer tiefer in die Technologiefalle geraten«. Die Europäer seien »Mieter in einer digitalen Siedlung, deren Besitzer mit ihren Generalschlüsseln in Washington und im Silicon Valley leben«.
Damit ist Matthes beim Kern seiner Kritik, das Stichwort lautet »digitale Souveränität«. Sie sei »eine ökonomische Überlebensfrage«. Europa brauche »eigene, große KI-Modelle, eine eigene Cloud-Infrastruktur und, ja, auch eigene Chipwerke. Vor allem aber braucht Europa den politischen Willen, das nun endlich anzugehen.« Es brauche »einen Airbus für künstliche Intelligenz«. Digitale Souveränität, betont der Autor, bedeute nicht Abschottung, sondern Wahlfreiheit.
Nachtrag: Donald Trump ist sich sehr bewusst, welche Bedeutung KI für seine und die Macht der USA insgesamt hat. Am Donnerstag zitiert ihn das Handelsblatt in einem Bericht über den »KI-Gipfel« in Évian: »Wir liegen vor China, wir liegen vor allen anderen, und ich möchte nichts tun, was diesen Vorsprung gefährden könnte.«
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