Zum Inhalt der Seite

Zeichen der Vernunft

Foto: Manu Fernandez/AP/dpa
Erst werden Klimaschutz und Feuerwehren kaputtgekürzt, dann wird an die Eigenverantwortung appelliert (Cebreros, 29.7.2026)

Während beim Kanzler der Deutschen die Hütte brennt, aber niemand löschen will, nimmt die europäische Presse davon bestenfalls peripher Notiz und beschäftigt sich mit den realen Feuersbrünsten. Aus den Verheerungen der noch immer nicht eingedämmten Brände in Südeuropa seien nun endlich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Bis das Spiel in der Brandsaison des kommenden Jahres wieder von vorn losgeht.

Der britische Guardian – nicht nur der, versteht sich – sieht einen Zusammenhang zwischen Waldbrand und Klimaschutz und kritisiert Vorhaben, die Mittel für letzteren zusammenzustreichen: »Die Vorstellung, Klimaschutzmaßnahmen seien eine Art optionales Extra, das nur in guten Zeiten angebracht sei, steht der sich entwickelnden Realität diametral entgegen.«

Die französische Libération empfiehlt – sacrebleu! – dem Rat von Fachleuten zu folgen: »Wir müssen auf diejenigen hören, die sich auskennen, sowie auf diejenigen, die an diesen Orten leben, und tiefgreifende Überlegungen zu unseren Landschaften anstellen. (…) Nur so können wir die nächste Katastrophe in ein oder zwei Jahren verhindern und zugleich vermeiden, dass Verzweiflung in unkontrollierbare Wut umschlägt.«

Anzeige

Während nun L’Opinion aus ebenfalls Frankreich weniger Staat und vor allem den mündigen Staatsbürger fordert, der Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Es gehe jetzt darum, »die Bürger, die allzu oft als unreife und unvernünftige Wesen behandelt werden, zu einem zusätzlichen Hebel in den immer zahlreicher werdenden Kämpfen zu machen. Der Zivilschutz erfordert eine stärkere Eigenverantwortung der Bürger.«

La Libre Belgique allerdings schmeichelt dem eigenverantwortlichen europäischen Bürger nicht gerade, wenn dort zu lesen steht: »Bis vor kurzem dachte man bei dem Begriff ›Klimaflüchtlinge‹ an weit entfernte Bevölkerungsgruppen, die durch den steigenden Meeresspiegel, Dürre oder Wüstenbildung aus ihrer Heimat vertrieben werden. Doch auch in Europa kann unsere Umwelt innerhalb weniger Stunden unbewohnbar werden. Auch wir sind potentielle Klimaflüchtlinge.«

Dagegen macht sich die liberale Tribune de Genève des Antimilitarismus verdächtig: »Indem man der Rüstung Vorrang vor dem Bevölkerungsschutz gegeben, die Flotte an Löschflugzeugen hat veralten lassen und sich geweigert hat, auf die Klimawarnungen zu hören, hat man den Flammen ein Spielfeld ohne Widerstand geboten. (…) Und solange die öffentlichen Haushalte weiterhin stärker auf Krieg als auf den Schutz des Landes ausgerichtet sind, wird sich nichts ändern. Es ist an der Zeit, es ganz offen zu sagen: Die größte Dringlichkeit ist nicht mehr militärischer Natur – sie ist klimatisch, menschlich und territorial.« Zeichen der Vernunft, man findet sie noch. (brat)

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.07.2026, Seite 2, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!