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Festival

Die Apokalypse hören

Das Musikfest Berlin: Eine Zwischenbilanz

Foto: Fabian Schellhorn/Berliner Festspiele
Henzes ­»Tristan« hören und ­spielen: Das NDR-Elbphilharmonie-­Orchester unter Alan Gilbert

Der Schwerpunkt, mit dem das Musikfest Berlin (28.8. bis 23.9.) Hans Werner Henze zu seinem 100. Geburtstag würdigte, war mit nur vier Werken überschaubar, doch facettenreich. An einem Ende des Spektrums steht das kammermusikalische, etwa achtminütige »Notturno« von 1995; Solisten der Jungen Deutschen Philharmonie zeigten das Verschattete, zwischen Aufbruch und Verstummen Schwankende dieser Nachtmusik. Am anderen Ende findet sich mit der beinahe einstündigen neunten Sinfonie ein politisches Hauptwerk.

Im Anschluss an Beethoven handelt es sich um eine Chorsinfonie. Hans-Ulrich Treichel hat Anna Seghers’ Roman »Das siebte Kreuz« in expressive Verse verwandelt, die Henze für eine Komposition voller Schrecken, Angst und Panik nutzte. Das Konzerthausorchester und der Rundfunkchor Berlin unter Duncan Ward milderten nichts davon ab. Der Klang war massiv, im Schlagzeug teils bis zum Geräuschhaften. Hörbar wurde freilich auch, wieviel Melodisches, wieviel Hoffnung und Trost Henze in seine Schilderung der faschistischen Gewaltwelt einkomponiert hat. Die Sinfonie ist leider aktuell. Es lag nicht an den Aufführenden, wenn ein wenig Skepsis blieb: ob nicht Henze bei der musikalischen Massierung des Grauens über die Grenze des Durchhörbaren gegangen ist und ob nicht Treichels Text die gedankliche Schärfe, die sich bei Seghers findet, eindampft.

Ganz anders kommen die »Musen Siziliens« von 1966 daher. Italien war für Henze Fluchtort vor deutscher Düsternis. Die Komposition auf Texte von Vergil reiht sich ein in die vielen Antikebezüge bei Henze. Hier geht es um Sinneslust: um den Gesang in der einleitenden Pastorale, um die Macht der Liebe und die Ferne des Geliebten im Adagio und um einen ekstatischen Tanz im abschließenden »Silenus«. Der auf Bläser und Schlagwerk beschränkte Instrumentalklang ist so hart wie der meist rhythmisch betonte Chorpart. Die Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie und der RIAS-Kammerchor machten unter Leitung von Gregor Meyer hörbar, wie auch und gerade Sprödes sinnlich wirken kann. Vielschichtig hat Henze auch in diesem Werk komponiert; damit entgeht er der Gefahr, dumpf vitalistisch daherzukommen wie ein Carl Orff.

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Henzes »Tristan« von 1973 kann man hören, ohne von mittelalterlichen Versionen des »Tristan«-Stoffs oder von Richard Wagners Musikdrama eine Ahnung zu haben, auch wenn Henze aus letzterem eine kurze Passage zitiert. Man braucht auch nicht die anderen musikalischen Anspielungen zu verstehen. Der tastende Beginn des Klaviers (Tamara Stefanovich) und die scheinbar sicheren Plateaus dieser Musik, die sich als trügerisch erweisen, sind so eindrucksvoll wie die zeitweise energischen Vorwärtsbewegungen, die dann doch wieder in vernichtende Strudel münden. Der wandlungsfähige Henze ist in diesem Werk Gustav Mahler, Alban Berg und überhaupt der Zweiten Wiener Schule so nah wie in den »Musen Siziliens« deren Gegenpol Igor Strawinsky. Das NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Alan Gilbert bewies, dass es sich um ein weiteres Hauptwerk Henzes handelt – in der musikalischen Gestaltung der Pole Bewegung und Zusammenbruch politisch wohl klüger als die stofflich einschlägige, doch überfrachtete neunte Sinfonie.

Das Musikfest Berlin beweist immer wieder Mut bei der Programmgestaltung. So waren, neben Henzes Neunter, zwei weitere jeweils abendfüllende repräsentative Werke der neueren Moderne zu hören, und zwar auf höchstem musikalischem Niveau. Freilich warfen sie, auf je unterschiedliche Weise, Fragen auf.

Wolfgang Rihm bezog sich in »Tutuguri« (1980–82) auf ein apokalyptisches Hörstück des französischen Autors Antonin Artaud, der Jahrzehnte zuvor unter Drogeneinfluss Riten der mexikanischen Tarahumara erlebt hatte. Rihm zielte auf »Urgründe des Menschseins«, auf »Ereignisse, ohne Herkunft und ohne Ziel«. Dabei gelingen ihm faszinierende Klänge, in den – seltenen – zurückgenommenen Passagen wie auch in langandauernden Kraftentfaltungen. Das Lucerne Festival Contemporary Orchestra unter Jörg Widmann hält nichts von der Brutalität zurück, die Rihm vorgegeben hat. Die Aufführung war geeignet, stellenweise die Sinne zu überwältigen. Nur besteht leider (oder zum Glück) ein Unterschied zwischen Kunst und Ritus. Letzterer integriert die Anwesenden, bei ersterer lauscht ein Publikum. Und hier erwies sich, dass gut zwei Stunden katastrophischer Ereignisse – davon die letzten 40 Minuten für sechs dröhnende Schlagzeuggruppen – ohne nachvollziehbare Entwicklung abstumpfen.

Der Rückzug auf ein nachgemachtes Archaisches war eine Möglichkeit, in der BRD der 80er Jahre darauf zu reagieren, dass alle Wege zu einem Fortschritt verstellt schienen. Im Gegensatz zu dem auf Überwältigung zielenden Ernst Rihms steht der Spaß in György Ligetis »Le grand macabre« von 1978, das das Musikfest eröffnete. Auch hier gilt: Das Finnish Radio Symphony Orchestra spielte unter Nicholas Collon präzise, die Gesangspartien waren hervorragend besetzt, die Bühnenregie von Frederic Wake-Walker verdeutlichte die musiktheatralischen Vorgänge halbszenisch so gut, wie es auf einem Konzertpodium eben geht. Aber das Werk leistet nicht, was ihm aufgebürdet wurde, nämlich eine Auseinandersetzung mit dem »Totalitarismus« und einem drohenden Weltuntergang. Vielmehr gleichen die Vorgänge im »Breughelland« einer unpolitischen Hanswurstiade. Das Ende der Welt fällt dann aus, vermutlich weil der zuständige »große Makabre« in der entscheidenden Stunde zuviel säuft. Ligeti zitiert in seiner »Antiantioper« dramaturgische Klischees, ohne noch daran zu glauben. Folge ist ein in jeder Hinsicht vergnügliches Spektakel, von dem man sich aber am Ende fragt, ob es den Aufwand lohnt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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